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„Gangs of New York“ markierte den Anfang einer fruchtbaren Scorsese/DiCaprio-Kollaboration, deren zweiter Film „Aviator“ war, gefolgt von „The Departed“ und „Shutter Island“.
Hinter diesem Namen verbirgt sich niemand anderes als der exzentrische Film- und Luftfahrtmogul Howard Hughes, dessen komplettes Leben Scorsese allerdings nicht verfilmen will. Zu Anfang darf man den jungen Howard kurz als Kind beim Waschen betrachten, was dann mit der Hauruck-Methode seine panische Angst vor Keimen erklären sollen, aber an sich komplett weggelassen werden könnte, da es als Ursache besagter Marotte einfach nicht überzeugt.
Der eigentliche Film behandelt allerdings einen kurzen Abschnitt im Leben des erwachsenen Howard Hughes (Leonardo DiCaprio), vom ersten großen Filmprojekt „Hell’s Angels“ Ende der 20er bis zum Streit mit der Fluggesellschaft Pan Am und deren Verbündeten im Senat Ende der 40er…

Man könnte Scorsese den Vorwurf machen sich nur die guten Jahre rauszupicken, die Glamourjahre Hughes’ zu zeigen, während der spätere Verfall und Wahnsinn ausgespart bleiben (ein Kapitel in Hughes’ Lebensgeschichte, welches James Ellroy immer wieder gerne ausschlachtet). Zum Glück macht Scorsese es sich nicht ganz so einfach, sondern präsentiert einen Menschen, der selbst auf dem Höhepunkt seines Erfolges bereits schwere Macken hat, vor allem die panische Angst vor Keimen. Hughes’ Flugzeugabsturz über Beverly Hills, bei dem er schwere Verbrennungen davontrug, wird gezeigt, aber glücklicherweise nicht als einzige Erklärung für seine Macken herangezogen – sie sind vorher schon da, werden durch das Ereignis intensiviert, wie vor allem die beeindruckenden Szenen zeigen, in denen sich Hughes wie ein Eremit in sein Privatkino zurückzieht und den eigenen Urin sammelt.
Interessant ist auch das visuelle Konzept, denn vom Look her erinnert „Aviator“ stark an Filme der Studioära, nicht nur was die Ausstattung angeht, sondern auch im punkto Ausleuchtung und verschwenderische Opulenz. Natürlich hat Scorsese andere technische Möglichkeiten, dank moderner Computertricks sieht alles extrem toll aus, vor allem der bereits erwähnte Flugzeugabsturz ist eine eindrucksvolle Sequenz par excellence.

Auch das Schauspiel Leonardo DiCaprios ist wirklich großartig, wenngleich er teilweise noch etwas zu jungenhaft und nett für die Rolle des Exzentrikers wirkt, ja ausgerechnet den Aufreißer kauft ihm ironischerweise nicht immer ab. Alec Baldwin und Alan Alda als seine Antagonisten haben ebenfalls sichtlich Freude, John C. Reilly als Freund und Finanzprüfer ist ebenfalls top, während von den Leinwandfrauen nur Cate Blanchett nachhaltig in Erinnerung bleibt, teilweise aber etwas übertrieben spielt. Kate Beckinsale und andere bekannte Darsteller bleiben da nur Staffage.
Da ist es dann auch fast schon bittere Ironie, dass die damalige Plakatkampagne Hughes und seine Affären in den Mittelpunkt stellte, denn all diese Episoden sind Randgeschehen und gleichzeitig bleiben sie uninteressant, da Scorsese seinen Figuren kaum nahekommt. So schick „Aviator“ auch aussieht, so leer ist er auch: Die Figuren sind teilweise große Namen der Geschichte, im Film aber irgendwer – Leute, die einem egal sind, so dramatisch ihr Schicksal auch ist. Und daran scheitert „Aviator“ dann letztendlich auch, denn selbst bei der stark eingeschränkten Schilderung von Hughes’ schillerndem Leben nimmt man kaum etwas mit – was auch daran liegen könnte, dass auch in der Realität nur wenige dem exzentrischen Eigenbrödler nahekamen.

Scorsese beweist sich mit „Aviator“ wieder mal als beeindruckender Regisseur, was das Visuelle angeht, inhaltlich kann der Film trotz einer Laufzeit von 166 Minuten leider kaum mitreißen. Man denkt nachher an Momente zurück, den Flugzeugabsturz beispielsweise oder dessen traumatische Folgen, der Film insgesamt bleibt aber so egal wie seine Figuren. Da ist Howard Hughes als abgedrehte Randfigur in Ellroy-Romanen einseitiger, aber faszinierender beschrieben.

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