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Cineasten und Fans von Mystery-Thriller sind sich einig. Wenn ihnen ein Film in diesem Genre richtig gut gefallen soll, dann muss er vor allem eine Handlung bieten können, die einen von vorne bis hinten nicht mehr loslässt. Sie muss Spannung bieten, Abwechslungen haben und mit Wirrungen und Wendungen aufwarten, die man so nicht erwartet hätte. Und es muss natürlich Atmosphärisch zugehen. Nun gut. Wenn ich euch jetzt sage, dass "Hotel", von all den genannten Punkten, im Grunde nur den Letzten wirklich zu bieten hat, dann hört sich das für euch sicher nach einem Projekt an, dass zum scheitern verurteilt sein müsste. Doch der österreichischen Regisseurin Jessica Hausner gelingt mit ihrem kleinen aber feinen Gänsehautfilm etwas, das es in der Filmwelt nur ganz, ganz selten mal zu sehen gibt und in dieser extremen Form wohl fast schon einmalig ist. Nämlich einen Film zu schaffen, der ein Nichts an Story und Handlung besitzt und dennoch bis zum Schluss zu fesseln vermag.

Kling unmöglich und für viele Pressefuzis war es das wohl auch. Sie stempelten "Hotel" als unglaublichen Langeweiler ab und Deutschlands Kinokäseblatt Nr. 1 "Cinema" verglich "Hotel" sogar mit der ARD-Nachtschleife "Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands". Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass der Blick hinter die trügerische, oberflächliche Fassade ihnen nicht gelang und das kann man ihnen gar nicht mal übel nehmen, denn dieser Blick ist unheimlich schwierig zu bewerkstelligen, was man schon an der Inhaltsangabe merkt. Im Grunde befasst sich der Film einzig und allein mit der Hotelangestellten Irene, die gerade eine neue Anstellung in einem abgelegenen Waldhotel angenommen hat. Sie geht ganz normal ihrer Arbeit nach, bis sie eines Tages erfährt, dass ihre Vorgängerin unter mysteriösen Umständen verschunden ist. Also macht sie sich daran, das schreckliche Geheimnis herauszubekommen. Und die Lösung, da ist sie sich sicher, liegt sowohl im Hotel, als auch im Wald verborgen... Was auf den ersten Blick wie ein 08/15-Thriller mit Mysterytouch aussieht, entpuppt sich schnell als eine der ungewöhnlichsten Storys der letzten Zeit. Und das nicht weil der Film etwa nur so vor Ideen strotzen würde, Nein, sondern weil er eine Story bietet, die eigentlich belangloser kaum sein könnte und dennoch bis zum Schluss fesselt. Eine Geschichte ohne Höhepunkte, ohne Wirrungen und Wendungen, ja eigentlich eine Story, die so gewöhnlich wirkt, dass man sie einfach nur als ungewöhnlich bezeichnen kann. Klingt kompliziert und vollkommen paradox, ist aber so.

Denn die Handlung von "Hotel" könnte unspektakulärer kaum sein. Im Grunde verfolgt die Kamera 76 Minuten lang die Hauptperson, Irene, wie sie ihrer Arbeit nachgeht und sich langsam aber sicher immer mehr nach dem "Warum?" erkundigt, dass ihre verschundene Vorgängerin angeht. Dabei gibt es aber keinerlei erinnerungswürdige Szenen zu betrachten, keine plötzlichen Wendungen oder ähnliches, sondern einfach nur das ganz gemächliche Vorangehen der Geschichte und der zarten und kaum spürbaren Spurenlegung, die wirklich so minimal und unauffällig ausgefallen ist, dass sie anscheinend vom größten Teil des Publikums überhaupt nicht für voll genommen werden kann. Für viele dürfte der, mit keinen "Highlights" ausgestattete, Tatvorgang schlichtweg langweilig sein, wenn Irene zum x-ten Mal durch die dunklen Korridore des Hotels schleicht oder sich in den finsteren Wald begibt, nur um am Ende doch nicht das zu finden, was sie eigentlich gesucht hat, nämlich eine Lösung auf das Rätsel.

Ja, Regisseurin Jessica Hausner geht sogar soweit, dass sie auch dem Zuschauer keine befriedigende Lösung auf das Rätsel bietet. Der Schluss entzieht sich nicht nur jedwedem Aha-Effekt, den der Zuschauer nach all dem irgendwie sinnlos wirkenden Vorgang der letzten Minuten eigentlich erwartet, sondern er bietet ihm schlicht und einfach ein Nichts, was bei den allermeisten Kinobesuchern und Kritikern zu langen Gesichtern geführt haben dürfte. Doch eigentlich ist dieser Schluss alles andere als unbefriedigend. Nein, er ist sogar richtig mutig. Denn anstatt den Zuschauer mit einer plumpen und, nach dem Vorrangegangenen, eh zur Enttäuschung verdammten Auflösung aus dem Kino zu jagen, schickt er ihn mit einem Baukasten nach Hause, aus dem er sich das Ende selbst zusammenschustern darf. Er sagt ihm nicht das es so ist, wie es sich der Drehbuchschreiber ausgedacht hat, sondern das es so ist, wie man es sich als Zuschauer selber ausmalt. Für einige mag das sicher feige klingen, doch in Wirklichkeit ist es einfach nur mutig und vor allem ungewöhnlich. Denn der Zuschauer weiß während des gesamten Films das da irgend etwas ist. Er weiss zwar nicht was es ist und er will auch unbedingt wissen was es ist, aber er bekommt es bis zum Schluss nicht zu Gesicht. In welchem Film hat man so etwas schon erlebt?

Und damit die Frage nach dem "was?" auch wirklich spannend und interessant bleibt, zumindest für den kleinen Kreis von Zuschauern die es schaffen sich auf den Film einzulassen, bedient sie sich Hausner vor allem zweier wunderbarer Kulissen, die gespenstischer kaum sein könnten. Da wäre zum einen das Hotel, dass mit seinen gruseligen Gängen nicht nur einmal für Gänsehaut sorgt. Auch wenn es vielleicht etwas übertrieben wirkt, wenn Irene 5-6 Mal im Film durch die gleichen dunklen Korridore schleicht, nur um zu merken das da anscheinend doch nichts ist, so wirkt es doch wirklich jedes Mal. Genauso wie im dunklen Wald, den man so finster wie hier wirklich nur selten erlebt hat. Ähnlich wie beim "Blair Witch Projekt", so bebt man als Zuschauer förmlich mit, wenn Irene in ihrem roten Hoteldress durch den dunklen Wald tappt und sich bei jedem Schritt nicht wirklich sicher ist, ob sie ihn noch gehen soll, oder ob sie nicht doch lieber zurück zum Hotel geht, welches aber eigentlich auch keine Sicherheit bietet. Das Einfangen dieser beiden Kulissen ist nicht nur prächtig und mit viel Spürsinn gelungen, sondern es packt einem auch wirklich dort, wo bei einem die Angst sitzt.

Ein weiterer Punkt für das unaufhörliche Knacken der Atmosphäre ist zudem die Stille. Einen richtigen Score gibt es nicht, Geräusche sind die Ausnahme, nur ab und an wird die Ruhe mal von einigen lauten Disko-Szene auseinander gerissen. Vor allem wenn man sich den Film wirklich ganz alleine anschaut, könnte man es wirklich mit der Angst zu tun bekommen, wenn minutenlanges emsiges Schweigen aus den Boxen kommt. Selten hat einen die Stille jedenfalls so gefröstelt, wie hier.

Schade nur, dass die Darsteller-Riege dann doch so peinlich schlecht ausgefallen ist. Vor allem Hauptdarstellerin Franziska Weiss enttäuscht wirklich ungemein. Ihre Aufgabe in dem Film ist es eigentlich den Zuschauer, trotz der dünnen Handlungsebene, durch ihr Spiel so zu packen, dass er dennoch nicht vom Film loskommt. Doch an dieser Aufgabe scheitert sie leider kläglich. Nicht nur das sie völlig unglaubwürdig und vollkommen ohne Elan durch die Gegend stackselt, sie hat auch in keinem Moment das Gespür dafür, wie sie mit der ungewöhnlichen Handlung zurecht kommen soll. Aber auch all ihrer Kolleginnen und Kollegen spielen nicht gut, vor allem die Darstellerin der Hotelmanagerin macht durch ihr tristes Spiel vieles kaputt. Schade!

Fazit: "Hotel" ist ein ungewöhnlicher Film, ein Film fernab alle dem, was man als "Mainstream" bezeichnen würde und vor allem ein Film, mit dem man es unheimlich schwierig hat umzugehen. Auf der einen Seite steht die Handlung, die man so unspektakulär, so Highlightschwach und so sinnlos wirkend nur selten, vielleicht sogar wirklich gar nicht erlebt hat. Auf der anderen Seite aber ist es gerade diese Art der Handlung, die "Hotel" so derart ungewöhnlich auf den Zuschauer wirken lässt, dass er von dem mutigen Projekt durchaus nicht mehr loskommt. Eine Geschichte, die bis zum Schluss den Spannungsbogen so derart aufrecht hält, nur um dann ein Ende zu bieten, dass zwar auf keine Frage eine Antwort bietet, aber anders auch nie und nimmer funktioniert hätte. Verpackt in eine Inszenierung die atmosphärischer kaum sein könnte und die Frage nach dem "was?", welches der Zuschauer nie zu Gesicht bekommt, nicht aus den Augen lässt. Nur die Darstellerriege reißt leider viel wieder ein.

"Hotel", ein Film bei dem es kaum einer schafft, sich wirklich auf ihn einzulassen, der einem aber nicht mehr loslässt, wenn man es dann doch geschafft hat. Und wer das schafft, der darf sich glücklich schätzen!

Wertung: 7,5/10 Punkte

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