Review

Zwischen Austro-Realismus und Genrefilm

Österreichs Filmschienen
Die erfolgreichen und künstlerisch interessanten Filme aus Österreich sind größtenteils Autorenkino. Dabei wird zweigleisig gefahren: Zum einen gibt es die Kabarettistenschiene, die mit bissig, makaber und tragisch untersetzten intelligenten Komödien an den Kinokassen im In- wie Ausland Erfolge feiert. Zum anderen existiert eine florierende Low-Budget-Arthaus-Schiene, die mit ihren intensiven, kritischen Werken das europäische Kino maßgeblich beeinflusst und Künstler, wie Haneke, Seidl oder Albert hervorbringt.

Ausflug ins Genrekino
"Hotel" von Jessica Hausner, die u.a. mit Barbara Albert die Gruppe coop99 gründete, ist dahingehend ungewöhnlich, als der Film mehr Genre- als Autorenkino ist. Der subtile Psychothriller handelt von einer jungen Frau, die neu in einem Waldhotel angestellt wird. In ihrer tapsigen, introvertierten Art kommt sie mit ihren Kollegen nicht zurecht, doch die triste Einsamkeit des abgelegenen Hotels birgt mysteriöse Geheimnisse: Woher kommen die merkwürdigen Geräusche aus dem Wald? Was geschah mit der Vorgängerin der jungen Frau? Wer hat es auf die junge Frau abgesehen? Und was haben die Polizeiermittlungen und der Lokalmythos von einer alten Waldhexe damit zu tun?

Permanente, subtile Spannung
In ruhigen Bildern wandelt die Kamera durch die dunklen Korridore des Hotels und erzeugt dabei mittels stimmungsvoll ausgeleuchteter Raumfluchten, sowie wohlüberlegter, distanzierter Kamerapositionen eine bedrohliche Spannung, die bis zum abrupten Schluss nicht abreißt. Im Kontrast dazu stehen die Sequenzen im Wald mit ihrer eigenen Dynamik: Die Kamera findet Symmetrien in der Anordnung der Bäume, zeigt tiefschwarze Höhleneingänge und schreckt nicht vor unausgeleuchteter Nacht zurück. In Kombination mit der sehr zurückhaltenden, atmosphärischen Tonspur ist irgendwann der Punkt erreicht, wo selbst ein Baumstamm oder die kitschige Fahrstuhlmusik eine latente Bedrohung darstellt. Man denke an Kiyoshi Kurosawas "Kairo", ohne das konkret übernatürliche Element.

Nachvollziehbare Psychologie
Der Thriller und dessen seltsames Ende funktionieren deshalb so gut, weil sie eng mit der präzise gespielten Psychologie der Hauptdarstellerin verbunden sind. Schon in ihrer Art, durch die Gänge zu gehen, zeigt sich ihre verkrampfte Introvertiertheit. Der strenge, stirnfaltengeprägte Gesichtsausdruck, welcher nur selten ein kühl überlegtes Lächeln herauspresst, deutet auf ihre Unnahbarkeit. Doch trotz ihrer Korrektheit spürt man die innere Unsicherheit der jungen Angestellten im Umgang mit ihren Kollegen, die sie wiederum nur ihre kalte Ignoranz fühlen lassen. In der zwischenmenschlichen Tristesse schlägt der Realismus des Autorenkinos durch und haucht dem fiktiven Spannungskonstrukt Leben ein. Auf der anderen Seite thematisiert der Film die latente, ungreifbare Bedrohung, die dem Wald und dem Hotel innewohnt, die kindlichen Ängste des Menschen, und wirkt dabei geradezu kafkaesk. Die Angst vor der Dunkelheit, der Stille, dem Unbekannten wachsen entgegen ihrer erwachsenen Vernunft in der jungen Frau, bei ihren Gängen durch den Hotelkeller oder durch den Wald. So, denke ich, sind auch die losen Andeutungen über die obskure Waldhexe oder das mysteriöse Verschwinden der vorigen Angestellten zu verstehen: Als äußere Keimfaktoren einer viel tiefer sitzenden Angst der jungen Frau - vor der Einsamkeit. Vor diesem Kontext lässt sich das unaufgelöste Ende symbolisch interpretieren, wobei dann auch klar wird, warum die Hintergründe bewusst unkonkret gehalten waren.

Fazit
"Hotel" fällt überraschend aus dem Rahmen der sowieso schon glänzenden österreichischen Kinolandschaft. Der psychologische Thriller überzeugt durch permanente Spannung, Authentizität und einen eigenständigen Stil. Seine kafkaeske Mehrdeutigkeit sowie der offene Abschluss werfen Fragen auf, und trotzdem ist der Film in sich schlüssig. In meiner Interpretation des Aufbaus und der Geschehnisse muss ich immer an Kurosawas Geisterfilm "Kairo" denken, wenngleich in Jessica Hausners "Hotel" die Realität nie gebrochen wird. Kein Wunder also, dass der kleine Film in Japan sofort einen Verleih gefunden hat, während in Deutschland schändlicherweise kaum Interesse an einer Kinoauswertung bestand.

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