Review

Mit Mystery-Filmen ist das immer so eine Sache.
Einerseits giert das Publikum nach der Verwirrung, andererseits braucht es aber auch immer einen gewissen Anreiz an Auflösung, um über das Ergebnis, sei es nun nachvollziehbar oder nicht, weiter diskutieren zu können. Ausnahmen werden dabei meistens nur für Leute vom Schlage David Lynchs gemacht, der sich seine Reputation auf der Verwirrung des Zuschauers aufgebaut hat.

Sieht man „Hotel“ am Stück, weiß man schon wo gewisse Inspirationen oder Liebhabereien Regisseurin Jessica Hausner beeinflußt haben.
Es ist eine schräge, fast abstruse Situation, die hier beschrieben wird, überraschend normal überschaubar in der Nacherzählung und doch verstörend in Bildform.

Der Fokus liegt auf der jungen Irene, die als Rezeptionistin in einem Waldhotel anfängt. Umgeben nur von im Wind rauschenden, herbstlichen Bäumen, ist Stille die einzige Begleiterin. Das Hotel selbst ist zwar an sich halbwegs konfortabel, aber genauso unpersönlich wie kühl. Ebenso die dort angstellten Menschen: kühl, unemotional, höflich, ja leblos präsentieren sich alle Anwesenden.

Man übt einen höflichen, aber irgendwie seelenlosen Umgang, das Leben selbst scheint aus allen Figuren schon längst herausgesaugt zu sein. Da sind die statische Chefin, die unfreundlichen Mitangestellten, das mürrische Hausmeisterpaar und weitere kühle Figuren, die die zaghaften herzlichen Bemühungen der selbst sehr verschlossenen Irene ins Leere laufen lassen.

So scheint dann auch Irene alsbald allein und gefangen in all den halb- und ganz leeren Sälen und Hallen, in die sich nur selten Gäste verirren und wenn dann doch, sind sie mürrisch oder geben sich einem einem geradezu bizarr anmutenden Rentnertanzvergnügen oder Chorgesang hin.
Die Isolation steht hier also praktisch an erster Stelle und die Bedrohung, die sich scheinbar aus dem Nichts ergibt, hätte das wahre Potential des Films ausmachen können. Denn Irene sucht nur zaghaft und scheinbar widerwillig nach Kontakten, wird mehr ignoriert als akzeptiert und wird eher als Fremdkörper angesehen, weil sich nicht komplett anpaßt.
Die Anpassung an sich verläuft jedoch selbst kaum regelkonform, denn selten war eine Gegensatzhauptfigur so „außerirdisch“ – Irene tanzt bei der Dorfdisco allein und pflegt auch ihre Beziehung zu einem jungen Mann, privat und sexuell eher wortlos und introvertiert.
In diese Situation mischen dann nach und nach scheinbar mysteriöse Elemente: von einer mörderisch geheimnisvollen Waldfrau wird erzählt, die in einer nahen Höhle gehaust haben soll; die Polizei ermittelt am Rande immer noch wegen des Verschwindens von Irenes Vorgängerin (ohne, daß dabei etwas heraus kommt), ihr Kreuz an einer Kette wird gestohlen und taucht wieder auf, seltsam vogelähnliche Schreie sind im Wald zu hören, schließlich hat Irene auch noch Visionen, sie verschwindet in der Dunkelheit am Ende der langen Korridore oder verfolgt sich selbst im Wald.

Das liest sich leider besser, als es im Film dargestellt ist, denn das alles wurde so anti-dramatisch in Szene gesetzt, daß die Faszination hauptsächlich davon ausgeht, daß der Zuschauer ständig durch die scheinbar beliebige Szenenfolge brüskiert wird. Was scheinbar als Thema angerissen wird, muß unangesprochen wieder fallen gelassen werden, der Zuschauer bleibt mit seinen Mutmaßung zumeist allein auf weiter Flur und somit in der selben isolierten Position wie die Hauptfigur.
Das provoziert zu zwei Reaktionen: entweder lehnt man den Film binnen kürzester Zeit auf ganzer Linie ab oder man folgt dem Pfad der Verwirrung gebannt bis zum wenig erhellenden Ende, was einiges an Geduld bedingt.
Letzteres geschah auch mit dem Autor, der zwar selten in der Lage war, zusammenzustellen, was das alles nun in einem Gesamtkontext sollte, aber auch nicht abschalten konnte.

Falls dieser Eindruck von versuchter Dekonstruktion erzählerischer Struktur und Logik das Ziel gewesen sein, so funktioniert das hervorragend – der typische Mysteryfilm zum Miträtseln ist „Hotel“ damit aber nicht geworden.
Er ist aber auch nicht so künstlich bizarr geraten, daß er befremdend wirkt, alles hier scheint möglich und erklärbar zu sein – nur geschieht es vielleicht eben nicht gerade im Bild.
Und da liegt nun auch wieder ein spezieller Reize drin.

Wer also die östereichische Version dieser leicht surrealen Erzählweise durchhält, bezieht Position auf einer recht großflächigen Spielwiese aus möglichen Theorien – insofern ist Frau Hausner da doch etwas gelungen, es werden nur nicht viele merken. (6/10)

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