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Michele Soavi ist der nette Nachbarsjunge des italienischen Kinos: der Kerl, der als Teeniekomparse mit seinem Mopped ans Set von "Absurd" gewackelt kam (und als Hangaround im Studio blieb) arbeitete sich vom hilfsbereiten Mädchen für alles über diverse Nebenrollen zum Regisseur hoch, bescherte uns mit "Dellamorte Dellamore" die kurzzeitige Reinkarnation des altehrwürdigen Italohorrors - und legte seine Karriere aus einem der edelsten Motive auf Eis: seinem Sohn zu Liebe. Ein absoluter Sympath mit einem nicht zu unterschätzenden Level an Knorkigkeit.

1987 schlug dann seine Stunde und ein anderer öfter Typ - George Eastman - überließ ihm die Wahl zwischen zwei Skripten, von denen er eines verfilmen sollte. Das Ergebnis kennen wir gemeinhin als "Stagefright", hierzulande werbewirksam unter dem Titel "Aquarius - Theater des Todes" dargereicht. Konzeptionell könnte man das Horrorkleinod für die Off Broadway-Antwort auf Argentos im selben Jahr erschienenen "Terror in der Oper" halten, wäre Soavi da nicht um einige Monate schneller und wesentlich kosteneffektiver gewesen. Was dem Charme der Produktion im Übrigen nur zuträglich ist.

Wir haben es hier im Übrigen mit einer Messeroper ornithologischer Ausprägung zu tun: komische Killerkäuze, hungrige Pressegeier und auf Seiten der Polizei zwei ausgewachsene Tölpel sowie diverse Spinatwachteln in Nebenrollen, einem eitlen Pfau als Regisseur und Giovanni Lombardo Radice als Flamingo.

Oder übersetzt: ein arroganter Theaterregisseur zwingt seinem Ensemble nach Ermordung seiner Garderobiere spontane Probeüberstunden auf und schreibt sein neues Horrormusical auf den entlaufenen Killer seiner Kostumbildnerin, den Ex - Filmstar Irvine Wallace um. Der - stets in Eulenmaske agierend - findet das alles andere als toll und rupft einem Akteur nach dem anderen die fremden Federn, mit denen man sich schmückt, wieder aus. Zumindest solange, bis er auf Gegenwehr stößt. Und ruckzuck hat's sich ausgevögelt.

Anhand dieses Filmes könnte Soavi noch heute einen großartigen TED-Talk zum Thema "How to Argento on a Budget" halten: in Sachen Lichtsetzung und Kameraarbeit hat der Kerl sich ja auch lange genug alle Tricks bei den besten abschauen können und war damit anno 87 sehr wohl in der Lage, aus einem räumlich begrenzten Setting sämtliche Facetten herausholen zu können. Da sind Orchester vom Band und abgeranzte Lagerhalle mehr als verzeihlich, sie sind Stilmittel! 

Interessant finde ich das Statusgefälle zwischen Mörder und Opfern: Killer Irvine, der hier zeigt, wie intensiv ihm der Ruhm zu Köpfe gestiegen ist, zerlegt einen Haufen Akteure der zweiten Garde in ihre Einzelteile und setzt sich und sein Schlachtvieh in der vorhandenen Kulisse sehr giallitypisch in Szene, was final in einem optisch sehr ansprechenden Mehr oder minder still-Leben mündet. Wollte sich da Herr Eastman als Skriptautor etwas Luft machen, Herr Soavi sich gar visuell gegen die künstlerisch anspruchslose Übermacht des schnöden US-Serienhorrors erheben? Oder besteht mein Kaffee wieder einmal mehrheitlich aus Kaffeesatz und zuviel Wodka? Mir jedenfalls gefällt der Gedanke, dass die beiden sich mit dem Film etwas abreagiert haben.

Das dann übrigens auch auf anderer Ebene, denn Soavi ist hier als jüngere Hälfte eines untätigen Comic Relief - Copduos mit Althaudegen Mickey Knox zu sehen, während Eastman unter der Eulenmaske verborgen einen ganzen todgeweihten Cast blutig verarscht. Wovon wir Maske sei Dank mimisch nicht viel haben, aber das alte Prinzip, dass Filme automatisch um mindestens 10% cooler werden, wenn George Eastman darin mitspielt, gilt noch immer. Wobei die Konkurrenz durch Giovanni Lombardo Radice als schwuler Ballettänzer hart ist. Sehr hart. 

Kurzum: alles richtig gemacht! Ein geiles Regiedebüt abgelegt, das Subgenres des Tanzgiallos nach "Murder Rock" um einen Artgenossen bereichert und nebenbei bewiesen, dass das Kinoitalien der späten Achtziger nicht ganz verloren waren. Aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben. Leider. 

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