Review

Juraj Jakubisko, der wohl meistgelobte slowakische Filmemacher, präsentiert [Achtung: Spoiler!] seinen Film mit einem Voice-over, in welchem er sich selbst über eine Kinder- und zwei Frauenstimmen vorstellt und das Kommende ankündigt. Wenn sich ein erwachsener Mann als Kind und zwei Frauen präsentiert, dürfte klar sein, dass er nicht gewillt ist, sich an die scheinbar selbstverständlichsten Dinge zu halten - und dass er keine peinliche Albernheit scheut. Während man noch den Ankündigungen des Filmemachers lauscht, prasseln bereits die ersten Bilder auf einen ein: verkleidete Kinder, Kleinwüchsige in der Kirche, turnende Clowns, junge Männer mit Down-Syndrom... es sind recht fellineske Gestalten, die einem hier begegnen und die zu dieser Zeit durchaus in Mode waren: aber während Fellinis oft umstrittener Blick auf seine menschlichen Blickfänger immer auch Gefahr lief, Belustigung auf Kosten der dargebotenen Außenseiter zu liefern, da stellt sich Jakubisko ziemlich deutlich auf die Seite seiner ungewöhnlichen Figuren, um gemeinsam mit ihnen eine ausgelassene Narretei zu beginnen, wie sie im Kino nur selten einmal zu sehen ist. Die Kinder, Behinderten, Greise, die Außenseiter mit denen Jakubisko hier sein ungeniert infantiles Spiel treibt, werden nicht der Lächerlichkeit preisgegeben, sondern zu den positiv konnotierten Freaks der Gegenkultur gemacht, die sich als Außenseiter der Gesellschaft ihre eigenen Regeln machen: Es sind selbstbewusste Nachfahren der "Freaks" (1932) Tod Brownings, wie sie während der 68er Bewegung vor allem bei Jodorowsky auftraten, um die Sympathien eines neuartigen, jungen, mehr oder weniger rebellischen Publikums zu gewinnen.
Die drei Hauptfiguren - zwei gesunde, hübsche, junge Männer (Yorick & Ondrej), eine gesunde, hübsche, junge Frau (Martha)[1] -, die sich mit solchen Freaks umgeben, sind trotz ihrer gewöhnlicheren Körper selber welche: unkonventionell gekleidet, in einer wüst eingerichteten, heruntergekommenen Kirche - in der die Stühle von der Decke hängen - wie in einer Kommune hausend, auf Motorhauben sitzend umherfahrend, mit Krücken auf der Straße tanzend, mit dreckverschmierten Gesichtern herumlaufend, Vögel zuhauf daheim umherfliegen lassend, tote Fische auf dem Piano aufbewahrend, ungenierte Körperlichkeit lebend in einer (zunächst) recht reibungslosen, bloß freundschaftlichen Beziehung zu dritt. Immerhin: alle drei sind sie Waisen, haben allesamt die Eltern in Kriegshandlungen verloren, möglicherweise sogar die eigenen Eltern durch die Eltern der jeweils anderen. Und weil Kriege nicht von Psychopathen, sondern von gewöhnlichen Menschen geführt werden und gewöhnliche Menschen daher keinesfalls gut & edel sind, sondern brandgefährlich, tut man gut daran, kein gewöhnlicher Mensch zu sein.

"Vtackovia, siroty a blazni" startet relativ unvermittelt, beginnt irgendwo mittendrin, lange nach den schlimmen Kindheitserfahrungen der Hauptfiguren, die nach dem bizarren Prolog die närrischen Absurditäten ihrerseits fortsetzen, morgens aus ihren rückwandlosen Kleiderschränken steigen, die Vögel aus der Kommode lassen und noch in den ersten zehn Minuten nackte Hippie-Mädchen kichernd durch die Wälder jagen; bloß Martha, eine Jüdin, ist zu Beginn des Films gerade erst eingedrungen in dieses Leben - und Ondrej, der um seine doch recht intime Freundschaft zu Yorick fürchtet und dessen vorherigen Frauenbekanntschaften schon ausgesprochen skeptisch beäugt hat, sieht in ihr zu Beginn eine Bedrohung - zumal seine Eltern von Juden ermordet worden sind -, was sich dann aber sehr bald legt. Man albert zu dritt herum, die Männer nötigen die junge Frau zu einem Nacktauftritt und finden sich dann kurzerhand selber nackt vor der Linse ihres Fotoapparats wieder, man musiziert, verkleidet sich, bemalt sich und lebt ziellos in den Tag hinein, ausgelassen & heiter. Man spielt Theater, macht Ausflüge, die Kamera fängt alles ein: normal oder per Weitwinkel, s/w, viragiert und in Farbe, aus allen möglichen Perspektiven, in diversen Bildformaten.[2]
Doch bald kommt der Tag, an dem sich die Sexualität zwischen das unbekümmerte Freundschaftsverhältnis der drei Leute schiebt: Yorick schläft mit Martha, bedauert ihr gegenüber dann, dass Ondrej noch jungfräulich & einsam sei, bittet sie, mit dem Freund zu schlafen, an dessen Wohl ihm viel liege - und Liebe dürfe schließlich nicht selbstsüchtig sein. Ondrej, der keinesfalls bereits eingeschlafen ist, hört jedes Wort.
Doch so ganz wohl ist Yorick dabei nicht, derweil sich bei Ondrej - ohne jeden Groll! - leichte Eifersucht zu regen beginnt. Dennoch geht das Leben zu dritt erst einmal problemlos weiter: Martha rezitiert "Hamlet" (1603), Yorick und Ondrej spielen Billard mit rohen Eiern, klettern durch ihre Behausung, man spielt Kinderspiele und fängt Vögel. Ondrej und Martha machen Aktaufnahmen, nun regt sich bei Yorick die Eifersucht, obwohl nicht mehr als das gelaufen sein soll. Gleichwohl beide Freunde doch erheblich unkonventioneller sind als beispielsweise "Jules et Jim" (1962), ist ihre homoerotische Ader, ist ihre Neigung zur free love doch nicht ausgeprägt genug, um die Utopie eines alle gleichermaßen glücklich machenden Miteinanders verwirklichen zu können. Der Untergang ihres Lebensstils wird von außen und von innen gleichermaßen kommen... und dass der Untergang kommt, das hat Jakubisko bereits im Prolog verraten: wichtig sei es bloß, bis zum bitteren Ende zuversichtlich und ausgelassen sein zu können.

Und das bittere Ende, das musste ein ambitionierter Film, der in der Tschechoslowakei einige Monate nach dem Prager Frühling entstand, zwangsläufig enthalten... (ebenso zwangsläufig wurde er dann auch für gut zwanzig Jahre verboten.) Und "Vtackovia, siroty a blazni" spielt - es wird zwischendurch angedeutet! - etwa im Jahre 1965, als unter Alexander Dub?ek ein milderes Klima einzusetzen begann und der Prager Frühling und vor allem dessen Ende noch bevorstanden: Das Publikum von "Vtackovia, siroty a blazni" darf sich also - auch ohne Jakubiskos Vorgriff im Prolog - sicher sein, dass die Hoffnungen der drei Figuren auf ein freies, ungezwungenes Leben unerfüllt bleiben werden.
Bis es soweit kommt, treibt man noch den einen oder anderen Schabernack, entzündet etwa weggeworfenes Filmmaterial auf einer Müllkippe und versucht dann zu dritt das lodernde Feuer auszupissen, dabei "Watch out! The New Wave!" brüllend. Ein origineller kleiner Einfall, mit dem sich der Film - über die Grenzen der Wirkungsmacht der Neuen Wellen im Klaren - gegen ein traditionelles Kino richtet und zudem - die Neuen Wellen des Weltkinos mit drei lachend vergossenen Urinstrahlen vergleichend - ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit fordert, bevor man Vergnügen am neuen Kino finden kann.[3] Wo die Grenzen der Neuen Wellen letztlich liegen, beantwortet der Film freilich nicht: weder, was sie für das Kino bedeuten würden, noch was sie für die Gesellschaft insgesamt bedeuten würden... immerhin, ein paar kleine Hoffnungsschimmer, dass die Kunst etwas bewegen könne, streut der Film dann doch hier & dort ein: "The Word is the Weapon of the Powerless", heißt es etwa auf einer Fahne im Heim der drei Freunde; und Martha meint - während das Filmbild schrumpft und einem Kriegsfilm im Film weicht, der Marthas Erfahrungen & Erinnerungen bebildert - zu Ondrej: "I take pictures with my eyes, I capture everything that is evil. The more I absorb, the less evil there will be left in the world... once I leave and take it with me." Ein bisschen, so scheint es, kann die Kunst durchaus bewirken...

Yorick ahnt dann noch, dass man weder Leben, noch Lieben meistern können wird - und wird wenige Minuten später (wegen Brandstiftung?) verhaftet: ein Jahr wird er im Gefängnis sitzen, sein verschrobenes Verhalten während der Verhaftung hat sich ganz offenbar nicht vorteilhaft ausgewirkt. In der Zwischenzeit intensiviert sich die Beziehung zwischen Martha und Ondrej: Als sie Yorick ein Jahr später abholen, ist Ondrej bereits als Künstler erfolgreich geworden, den Kindern der Umgebung haben er und Martha im Inneren der Kirche eine Mischung aus Kinderzimmer und Spielburg gewerkelt, Martha ist inzwischen schwanger. Man denkt sogar über eine Hochzeit nach. Yorick scheint seinerseits im Jahr des Gefängnisses von dem eingeholt worden zu sein, was man so schön den Ernst des Lebens nennt: an der früheren Narretei hat er weit weniger Interesse. Und auch Ondrej und Martha haben sich außerhalb der früheren Dreierbeziehung gewandelt, sich durch die Schwangerschaft und eine recht erfolgreiche Karriere von ihrer früheren Ungezwungenheit entfernt.
Enttäuscht und ohne Perspektive bringt Yorick Martha und ihr ungeborenes Kind um, lässt eine verruchte Verführung inmitten verzweifelter Phantasien in ein wütendes Morden umkippen, jagt der wehrlosen Frau eine spitz zulaufende Holzlatte in den Leib - und die bislang so heitere Filmmusik beginnt so herzzerreißend zu klagen, wie man es selten mal zu hören bekommt.[4] Yorick plant seine Selbsttötung, stürzt sich brennend ins eisige Wasser eines Flusses; Ondrej bleibt allein zurück, ohne Freund, ohne Geliebte, ohne Kind. Letztlich waren die drei Hauptfiguren den Kindern, Clowns und Behinderten des Vorspanns unterlegen, letztlich waren sie doch zu normal, um sich dem gesellschaftlichen Druck dauerhaft entziehen zu können.
In dieser Liebe zu dritt geht es weniger um die obligatorische Eifersucht zwischen zwei Freunden, wie man sie aus diversen Melodramen kennt, sondern eher um das Scheitern einer Utopie, deren Umsetzung umso schwerer fällt, je größer der Widerstand ist, gegen den man sie umsetzen muss: ein Außenseiter wird durch eine Gefängnisstrafe 'geheilt' und ist fortan weniger widerständig, die beiden anderen Figuren bewahren sich etwas mehr ihrer närrischen Züge, rutschen aber außerhalb des einstigen Dreiecksgefüges automatisch in eine sich verfestigende Zweierbeziehung hinein. Ist es den Figuren schon zuvor nicht unbedingt leicht gefallen, ihre Liebe zu dritt zu verwirklichen, so ist es ihnen nun vollends unmöglich geworden: die Tragödie ist unausweichlich geworden, ihr Ausmaß jedoch ist erschütternd ausgefallen.
"Vtackovia, siroty a blazni" ist ganz sicher kein Film, der die Utopie von free love, von Gegenkultur, von Ungezwungenheit und Freiheit grundsätzlich zum Scheitern verurteilt; es ist bloß ein Film, der auf die Schwierigkeiten & Widrigkeiten hinweist. Ein Film, der durchaus die Meinung vertritt, dass die unbekümmerte Abweichung von all den Konventionen eines gewöhnlichen Lebens letztlich humaner & befriedigender ausfällt (was ihn leider auch zu einer Verklärung der Kinder, des Kindlichen & Kindischen verleitet) als ein Befolgen der geltenden Konventionen & Traditionen - aber eben einer, der auch zeigt, dass sich ohne Rückhalt solch eine Abweichung nur schwer umsetzen lässt. Man soll es halt versuchen, aber nicht zuviel erwarten: von der eigenen Rebellion so wenig wie vom Prager Frühling oder den Neuen Wellen... die Erfolge soll man genießen - solange bis sie (bitter) enden. Das ist insgesamt deutlich einheitlicher, konsequenter, realitätsnäher und subversiver als etwa Vera Chytilovas verwandter "Sedmikrásky" (1966).
8,5/10


1.) Magda Vásáryová, die hier (kurzhaarig) die Martha gibt, dürfte vielen bereits aus "Marketa Lazarova" (1967) bekannt sein, in welchem sie die Titelrolle gab: Nach dem oftmals zum besten tschechischen Film aller Zeiten gewählten Historienfilm konnte sie nun auch sogleich im oftmals zum besten slowakischen Film gewählten Werk mitwirken.
2.)
Die Robbe-Grillet-gestählten Mitarbeiter Bob Wade (Schnitt) und Igor Luther (Kamera) haben hier hervorragende und vielfach gelobte Arbeit geleistet: bereits im rasanten Prolog wird das deutlich.
3.) Die Pisse wird hier freilich nicht ab-, sondern aufgewertet: wie in Makawejews "Sweet Movie" (1974), in dem ein lachender Matrose mit einer Hand der Kapitänin Anna Planeta seinen Urin zum Gruß entgegenspritzt, wie in Arrabals "Viva la muerte" (1971), in dem der urinierende Fando alle Vertreter der Repression hinwegspült, wie in "Pink Flamingos" (1971), in dem ohnehin alles vermeintlich Abartige & Perverse triumphal gefeiert wird, ist schon in diesem der Gegenkultur nahestehenden Film diese verpönte, natürliche Körperlichkeit eine willkommene Waffe, um alle vor den Kopf zu stoßen, die mit Abweichungen vom Üblichen so ihre Probleme haben.
4.) Zdenek Liska ist für den großartigen Soundtrack verantwortlich. Schon bei "Spalovac mrtvol" (1968), "Marketa Lazarova" oder "Obchod na korze" (1965) hat er mit seinen Kompositionen die ganz unterschiedlichen Stimmungen dieser Filme kongenial unterstützt.

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