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Das Leben ist Ansichtssache. Ob man bevorzugt die schönen oder hässlichen, die tragischen oder die witzigen Momente wahrnimmt , kurzum: ob man lieber sein Dasein verteufelt oder es einfach mit einem Lächeln hinnimmt, liegt von Grund auf im Auge des Betrachters. Woody Allen, längst ein altgedienter Experte im Bereich des Zwischenmenschlichen und darüber hinaus, bringt uns diese einfache These auf seine eigene, unnachahmliche Art näher – mit dem kleinen, aber wirkungsvollen Kunstgriff, die eigentliche Handlung als „Film im Film“ in zwei verschiedenen Versionen ablaufen zu lassen.

Diese beiden Versionen haben die gleiche Ausgangslage: Eine Frau namens Melinda kreuzt unerwartet auf einer Dinner-Party auf und nimmt daraufhin einen entscheidenden Platz im Leben der jeweiligen Gastgeber ein. In beiden Fällen erleben wir gescheiterte Verkupplungsversuche, erfolglose Filmemacher, arbeitslose Schauspieler, diverse außereheliche Aktivitäten und, wie könnte es bei Allen anders sein, jede Menge liebevoll gefilmte Eindrücke der Metropole New York und ihren Bewohnern. Storybedingte Überschneidungen zwischen den beiden Varianten gibt es keine, und doch sind die Grenzen zwischen den Geschichten und ihren Entwicklungen fließend. Es gibt lustige Momente, wenn es eigentlich tragisch sein sollte, es gibt todtraurige Szenen dort, wo man sich zuvor noch köstlich amüsierte. Komödie kann Drama , Drama kann Komödie sein. Alles immer im fliegenden Wechsel, und das ohne dabei den Zuschauer zu verwirren. Die Handlung schaltet zwar dauernd hin und her, doch aufgrund der verschiedenen Besetzungen besteht zu keiner Sekunde die Gefahr der Unübersichtlichkeit. Auch bietet die Rahmenhandlung der vier Künstler, die sich die beiden Storys erzählen, einen zwar verzichtbaren, aber dennoch gut platzierten Orientierungspunkt.

Als einzige Darstellerin darf die in allen Belangen überzeugende Radha Mitchell in beiden Fassungen als Melinda auftreten. Einerseits als psychisch labile und akut selbstmordgefährdete Medikamentenabhängige, die in der Beziehung zu einem Pianisten wieder neuen Lebensmut schöpft und doch bitter enttäuscht wird, andererseits eine verlassene Ehefrau, in die sich der ebenfalls verheiratete Nachbar verliebt. Letzterer wird gespielt von Will Ferrell, der einen geradezu fantastischen Woody-Allen-Ersatz im Cast abgibt: Neurotisch, hektisch, zerstreut, aber trotzdem wortgewandt und vor allem sehr sympathisch. Ansonsten agiert das gesamte Ensemble überzeugend und auf erwartet hohem Niveau, ohne dabei wirklich zu glänzen – der Star bleibt hier eindeutig der Regisseur mit seinem Skript.

Dieses ist mal wieder vollgepackt mit jeder Menge Dialoge, die mal lustig, mal böse, mal warmherzig, aber stets ein Klasse für sich sind. Ob es nun über gescheiterte Ehen, Selbstmordversuche oder eben jenem hier thematisierten Unterschied zwischen Drama und Komödie geht; im Gegensatz zu den letzten, schwächeren Werken Woody Allens, insbesondere dem enttäuschenden „Anything Else“, ist seine erzählerische Klasse hier jederzeit zu spüren. Auch wirkt die Inszenierung merklich ruhiger und bedächtiger, so dass der Zuschauer jederzeit den Gesprächen ohne Probleme folgen kann und das ganze zu keinem Zeitpunkt in unkontrolliertes Geschnatter ausartet.

Mit „Melinda und Melinda“ liefert Altmeister Woody Allen endlich mal wieder einen Streifen ab, der auch nachhaltig wirkt indem er die einfache Frage aufwirft, aus welchem Blickwinkel wir eigentlich unser eigenes Leben betrachten. Als zermürbendes Drama ? Als lockere Komödie ? Vielleicht ein Hybrid aus beidem ? Die Antwort bleibt am Ende jedem selbst überlassen. Ist eben alles Ansichtssache.

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