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Fenix wirkt wie ein regredierter, von seinen Instinkten getriebener junger Mann, der sich der zivilisatorischen Welt verweigert, bevor er die Nervenheilanstalt auf den Spuren seiner Vergangenheit verlässt. Rückblickend wird sein Leben beschrieben, seine traumatischen Erlebnisse in der Familien- und Zirkuswelt, die auch den karnevalesken Soundtrack zu bestimmen scheinen. Dieser transportiert fast ebenbürtig mit den spärlichen Dialogen den Werdegang, gleich Mariachis innerhalb des mexikanischen Lokalkolorits. Zwischen einigen gewohnt bizarren Bildern vom Filmemacher Alejandro Jodorowsky, einem Wegbegleiter Luis Buñuels, beschäftigt sich der Meister des surrealen, psychedelischen Kinos ganz nebenbei mit Kirche und Staat, Polizeigewalt und den Slumbewohnern Mexikos, das hier explizit von Außenseitern der Gesellschaft bevölkert wird. Erzählt wird jedoch im Vordergrund die Geschichte von Fenix, der nicht nur einmal aus der Asche entsteigt und mehrere Transformationen durchläuft, nicht ganz so kryptisch wie in Jodorowskys visionärem "Montana Sacra" beschrieben, doch gesäumt von kuriosen Figuren wie einer tätowierten Frau, ihrem taubstummen Ziehkind, einem ehebrüchigen Zirkusdirektor als Vater oder einer fanatischen Sektenanhängerin als Mutter, die zur (Schein-) Heiligen ohne Arme verstümmelt wird. Geistig wie körperlich absonderliche Menschen sammeln sich zu einer bizarren, doch höchst menschlichen Kulisse in der Tradition von "Freaks", doch mit einer weitaus drastischeren Expression als einst Tod Browning. "Santa Sangre" lässt uns Faszination wie Schaudern gleichermaßen erleben und beim Anblick der absurden wie symbolträchtigen, ödipalen Mutter-Sohn-Beziehung als groteske Symbiose verspüren, die eingebettet in das pittoreske Schaustellermilieu ein hypnotisches Ende finden soll. Als Verweis auf die tragische, um die eigene Identität ringende Person taucht "Der Unsichtbare" auf, inmitten eines Bilder- und Szenenreichtums zu einzelnen Lebensabschnitten bis zum letzten, unweigerlichen Kapitel, der Konfrontation mit dem Leben, dem Tod und einer unerfüllten Liebe. Letzten Endes schlägt das farbenfrohe Drama in ein halluzinatorisches Albtraumszenario um, das sich selbst in seinen abgründigen Freudschen Elementen im Ringen um Leben und Tod wohltuend von seiner unterschwellig sakral-religiösen Moral lösen kann.

Fazit: Mystisches Horrordrama. Nicht ganz so sperrig wie "Holy Mountain", doch noch weit vom Mainstream entfernt. 8/10 Punkten

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