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“Riding the Bullet” scheint - verfilmt von King-Spezi Mick Garris und basierend auf einer vorwiegend über das Internet vermarkteten Stephen-King-Kurzgeschichte - eine Art Gegenkonzeption zu den Miniserien aus der Feder des Horrormeisters zu sein, gerade was Laufzeit und Pacing betrifft. Obwohl sich nämlich nach wie vor typische Marotten des Regisseurs (der auch für das Drehbuch zuständig war) und vor allem des Autoren zeigen, weist einfach alles andere in die komplett entgegengesetzte Richtung. Kein behäbiger Spannungsaufbau, kein Aufbau von gemächlich ansteigender Intensität, keine Charaktereinführung. Statt dessen straight nach vorne, wild, frech und ohne Rücksicht auf Verluste.

Frisch kommt dieses Projekt in den vorhandenen gut eineinhalb Stunden also daher; frisch und unverbraucht. Gerade Mick Garris sieht man anhand der gewählten Art der Inszenierung an, dass er sich durch unkonventionelle Stilmittel und ungewöhnliche Szenenaneinanderreihungen eine eigene Identität, eine individuelle Handschrift zulegen wollte, die er - seien wir ehrlich - im Rahmen seiner King-Verfilmungen bislang eher schlecht als recht unter Beweis stellen konnte. Wo die jüngeren TV-Adaptionen der Romane und Kurzgeschichten von Stephen King nämlich einzig und alleine von den annehmbaren bis guten Grundideen leben konnte, sollte “Riding the Bullet” ein eigenständiger Film werden, nicht nur eine optische Hilfestellung zur Visualisierung des literalen Stoffes. Was das anbelangt, ist das Vorhaben zumindest für Deutschland leider misslungen - das Werk kam gar nicht erst in die Kinos, sondern wurde sofort für den Heimkinomarkt bereitgestellt.

Dabei hat der Film eigentlich mehr als die diversen Miniserien ein Recht darauf, angesehen zu werden. In der Berechenbarkeit der eher gewöhnlichen Ausgangslage verbirgt sich ein massives Bündel an Unberechenbarkeit, das sich in der Folge als größte Stärke von Mick Garris’ psychedelischer Roadmovie-Achterbahnfahrt herausstellt. Die zu Beginn noch recht klischeehaften Charaktere fallen schnell und plötzlich in den Schlund des Unbekannten. Kein plumpes Geräusch vom Dachboden, dem ein dummer Teenie nachläuft, womit der seinen Tod dann selbst zu verschulden hat - die surreale Situation, in der sich unsere Identifikationsperson Alan Parker (Jonathan Jackson) befindet, befindet sich absolut fern seiner Handlungskompetenz. Sie ist eine nicht steuerbare Variable. Und das ist es, was Stephen Kings “mind” Tag für Tag ausspuckt - ein grauenhaftes, unbeeinflussbares Szenario, das aus dem Ordinären des Alltags entwächst. Und das passiert so schnell, dass es, um beim Filmtitel zu verweilen, dem Ritt auf einer Kanonenkugel gleicht.

Als Zuschauer ist man von Anfang an eins mit der Hauptfigur - man übernimmt sozusagen ihre Position im Film. Regisseur Garris bietet uns zunächst noch einige “normale” Charaktere zur Interaktion an, so dass das Ausgangsszenario trotz erheblicher menschlicher Probleme (die King-typisch verharmlost werden; wenn ein Selbstmordversuch vom Täter und seiner Freundin im Anschluss derart locker weggesteckt und in einem warmen Dialog so cremig diskutiert wird, haben wir es mit Sicherheit mit einer King-Verfilmung zu tun) recht “normal” erscheint. In dieser Phase ähnelt “Riding the Bullet” am meisten den profillosen Inszenierungen von “Rose Red” bis “Tommyknockers”. Die Dialoge sind schwachbrüstig und naiv, die Figuren platt gezeichnet, und ein paar oberflächliche Spezialeffekte deuten die ersten unheimlichen Erscheinungen an.
Dann jedoch beraubt uns Garris jeglicher “normaler” Kontaktpersonen - die Freundin verschwindet recht unauffällig und die beiden Kumpels, die direkt vom Set von “Texas Chainsaw Massacre” entflohen sein könnten, schwirren ab zu einem Konzert nicht etwa von Lynyrd Skynyrd, sondern von den Beatles (auch so eine King-typische unerklärbare Klischeesache, von der man nicht mal so recht sagen könnte, was daran Klischee ist). Fortan stehen wir zusammen mit Jonathan Jackson bildlich gesprochen wie Rotkäppchen allein im Walde... oder besser noch, wie “Alice im Wunderland”, denn nun zieht das Tempo an, und was wir in dem vorbeirauschenden Gewirr an Szenen zu sehen bekommen, ähnelt einem miesen Trip.

Man könnte sogar beinahe einen gewagten Vergleich mit Rob Zombies “Haus der 1000 Leichen” anstellen, denn wenn auch freilich der eher menschenverachtende und total kranke Grundton fehlt, so erinnert die Konstruktion der Einzelmomente auf Alan Parkers Reise doch sehr an das Regiedebüt von Zombie. Versatzstücke aus Traum und Realität, aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft werden scheinbar willkürlich ineinander gepresst und sollen am Ende ein schlüssiges, logisches und zusammenhängendes Konstrukt ergeben - nicht unbedingt mit einem alles auflösenden Plottwist, den es dementsprechend auch gar nicht gibt, sondern mit einer Grundaussage über das Leben selbst, für dessen Interpretation durch die Hauptfigur im Laufe des Filmes etliche Symbole und Metaphern aneinander gereiht werden in einer gehetzten Collage aus bildverfremdeten Stilmitteln, Locations und neuen Kontaktpersonen, welche im Gegensatz zur Freundin und den Freunden keine menschlichen Züge zu besitzen scheinen. Hier lässt sich auch das Hauptproblem des Films finden: In der gehetzten Art und Weise vermag Garris es nicht so recht, die ganze Nachtmahren-Odyssee wirklich befriedigend aufzulösen. Am Ende gleicht “Riding the Bullet” einem falsch zusammengesetzten Puzzle, dessen Teile korrekt ineinander verflochten ein stimmiges Bild ergeben würden, die aber zum Teil schlichtweg außer der Reihe mit Gewalt zusammengedrückt wurden und nun ein Zerrbild dessen ergeben, was eigentlich gezeigt werden sollte. Dies dürfte wohl dem Umstand anzuschreiben sein, dass sich Garris mit der Art der Inszenierung auf Neuland begab und er wohl damit beschäftigt war, seinem Werk ein markantes Profil zu verleihen - Flüchtigkeitsfehler im Eifer des Gefechts inbegriffen, oder: zu früh geerntete Früchte.

Will man beim Positiven verweilen, so sollte man die erstaunlich dichte Atmosphäre genießen, die von jeder einzelnen Szene auch gerade durch den schnellen Wechsel versprüht wird. Man ist sich seiner Haut nie sicher, sprich: Der nächste Schockmoment kann jederzeit zuschlagen, was auch gerade den wiederkehrenden Motiven zu verdanken ist. So hat man sich bei einer Krankenhausszene mit Alan Parkers Mutter wohl von den Asia-Schockern inspirieren lassen, und wann immer die Mutter im Folgenden wieder auftaucht, befürchtet man eine erneute derartige Schockattacke.
Neben dem “Mutter-Komplex” steht eine ganze Reihe von Hitchhiker-Motiven im Vordergrund - wie ein sich stets wiederholender Alptraum steigt Alan zu einem unheimlichen Autofahrer nach dem anderen. Hier entfaltet sich manchmal wahrhaftig das, was bislang nur die Romane vermochten, adäquat darzustellen: ein langsames Abdriften vom Normalen ins Groteske. Speziell Mrs. Kersh aus “ES” dürfte Pate gestanden haben für die langsame Metamorphose der Anhalter in offenbar verrückte Killer. Am besten funktioniert dies etwa nicht beim letzten Anhalter in Form von David Arquette, sondern bei dem alten Mann, der zunächst recht freundlich wirkt, bis er langsam unerklärliche Verhaltensweisen an den Tag legt und man sogar ganz kurz so etwas wie eine Kralle an seiner rechten Hand erhaschen kann. Dazu tragen auch die Dialoge bei, die aus scheinbar Alltäglichem eine derartige Morbidität entwickeln, dass es eine wahre Freude ist.

Nicht immer allzu passend ist der Versuch des Einbaus von Humor, der zwar rückblickend, gerade was den Score betrifft, dem Ganzen eine herrlich zynische Note gibt, in den einzelnen Szenen jedoch mehrfach sauer aufgestoßen ist. Denn auch hier ist beinahe ein Anbiedern an den sauren Zynismus aus Zombies “Haus der 1000 Leichen” zu riechen - wobei man nicht ganz an dessen erfolgreicher Umsetzung anknüpfen kann. Die Gore’n’Guts-Note beschränkt sich derweil auf spezifische Szenen, wird aber dann für eine 16er-Freigabe auch mal recht freizügig, wobei immer darauf geachtet wird, dass Goreszenen mit Humor gekoppelt und so dem Fantastischen untergeordnet werden.

“Riding the Bullet” wird letztendlich die Gemüter spalten: Mick Garris hat einen rasanten, dynamischen und atmosphärisch nichtsdestotrotz höchst effektiven Psycho-Grusler mit deutlichen Anleihen bei Kings Vorlage hingelegt. Man muss dem Regisseur positiv anschreiben, dass er versucht hat, einen neuen Weg zu gehen - wenn sicherlich nicht frei aus sich selbst heraus, sondern auch ein wenig auf die Vorlage bezogen, wobei das Drehbuch durchaus auch auf die übliche Miniserienstruktur hin hätte zugearbeitet werden können. Der Versuch, sich mit stilistischen Verzierungen ein wenig Individualität zu erarbeiten, stellt sich als zweischneidiges Schwert heraus: Während die neu gewonnene Dynamik sich erstaunlich gut auf die unheilschwangere Atmosphäre auswirkt, schleichen sich doch immer wieder unübersehbare Defizite ein, gerade was die Zusammenführung zu einem befriedigenden Finale betrifft. Dennoch ein Ansatz, auf dem sich aufbauen lässt.

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