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Mit Der Schlitzer drehte Ruggero Deodato 1980 nach Cannibal Holocaust (aus demselben Jahr) einen weiteren Terrorfilm ab, der von einer kammerspielartigen Geiselnahme junger Leute in deren Haus handelt und eine Wiederauflage des acht Jahre zuvor von Wes Craven 1972 inszenierten Last house on the left darstellt. Wie schon damals spielt David Hess die Hauptrolle.

Die Freunde Alex (David Hess) und Ricky (Giovanni Lombardo Radice), beides Automechaniker, wollen abends nach der Arbeit noch fortgehen und sich amüsieren, als späte Kundschaft in ihrer Garagenwerkstatt auftaucht. Nachdem sie den Schaden schnell repariert haben und vom Vorhaben des jungen Pärchens hören, noch eine Party zu geben, nutzen sie die Gelegenheit und laden sich kurzerhand selbst ein. Das Pärchen ist einverstanden und gemeinsam geht es in deren Haus, wo schon drei andere Leute warten. Während der Mitläufer Ricky auf seine Weise Spaß hat und ein Auge auf die Solo-Frau Gloria (Lorraine De Selle) geworfen hat, versucht der dominante Alex, bei Lisa (Annie Belle) zu landen. Lisa, die mit ihrem Freund Tom die beiden neuen Gäste gerade ins Haus gefahren hat, läßt Alex zweimal ziemlich kühl abblitzen. Alex, ein absolutes Alpha-Tier, bis dahin jedoch ruhig und eher beobachtend, ist dadurch in seinem Stolz gekränkt und dreht völlig durch: körperlich allen anderen weit überlegen, verprügelt er die beiden Burschen und nimmt sich dann die drei Frauen vor. Mittels eines Rasiermessers, das er wohlweislich noch eingesteckt hatte, quält er Gastgeber und Gäste und macht nicht einmal vor seinem Freund Ricky Halt, als dieser ihn dann doch irgendwann bremsen will...

Harter Tobak, was Deodato da auffährt. Im Gegensatz zu Wes Cravens Vorlage, die mir überhaupt nicht gefallen hatte, ist Der Schlitzer zumindest ein straight durchgezogenes Genrestück. David Hess ist von der ersten Minute an ein Widerling und Unsympath, der seine dominante Rolle jedoch hervorragend spielt. Das Drehbuch ist ganz und gar auf ihn zugeschnitten, er steht vom Anfang bis zum Ende im Mittelpunkt: Gleich in den ersten Minuten wird man Zeuge, wie er auf einer NewYorker Schnellstrasse einen anderen Wagen ausbremst und dessen Fahrerin kurzerhand vergewaltigt und erwürgt. In der nächsten Szene dann macht er sich, als sei nichts passiert, ausgehfertig und wird von seinem Freund Ricky abgeholt. Ricky ist ein typischer Mitläufer: Er ist nicht dumm und sieht auch nicht schlecht aus, aber er hat keinen Eigenantrieb und vergöttert daher Alex, der immer sagt, wo´s langgeht. Alex wiederum braucht Leute wie Ricky als Mitmacher und Applaudierer - so sind beide aufeinander angewiesen, nebenbei auch ein klassisches psychologisches Lehrbeispiel gegenseitiger Abhängigkeit.

Um keine falschen Vorstellungen aufkommen zu lassen: Der Schlitzer ist reinstes Terrorkino, die dargestellte Gewalt ist omnipräsent und wird auch auch graphisch ausführlich zelebriert; in den kurzen Momenten, wo nicht aufgeschlitzt, geschlagen und vergewaltigt wird, ist niemand sicher vor der tickenden Zeitbombe Alex. Der Zuseher ist bei Der Schlitzer mittendrin, Kameraführung und Drehbuch machen einen zum unmittelbaren Zeugen dieses Alptraums, nichts und niemand ist vor Alex sicher. Kein Schnellschnittgewitter, kein Wegsehen der Kamera, kaum Umschnitte: Langsam und berechnend agiert die "Bestie" Alex, und egal ob er Toms Kopf wieder und wieder auf die Tischplatte haut oder einen späten Partygast nackt auszieht, deren offensichtliche Jungfernschaft diabolisch grinsend kommentiert um ihren Körper danach mit dem Rasiermesser zu bearbeiten: stets ist die Kamera mitten im Geschehen, wegschauen gibts nicht - da muß der Zuseher schon selbst die Augen schließen, wenn er die schwer erträglichen Erniedrigungen nicht mehr mitansehen mag.

Die Leistung sämtlicher Darsteller steht natürlich hinter der von David Hess zurück - dennoch muß besonders den Damen ein großes Kompliment gemacht werden: sie spielen einigermaßen authentisch, ihre Angst und ihr Unwohlsein ist greifbar. Dabei hat das Drehbuch drei völlig andere Typen von Frauen kreiert, was angesichts des allgegenwärtigen Terrors vielleicht etwas untergeht: Da wäre zum einen Lisa (Annie Belle), eine kurzhaarige, selbstbewußte Frau, die Freundin von Gastgeber Tom. Lisa ist als einzige der Gewalt Alex´ gewachsen, sie ist ihm intellektuell überlegen und läßt ihn dies auch spüren. Als es gar nicht mehr anders geht, schläft sie sogar mit ihm, nur um ihm im Anschluß mitzuteilen, daß er im Bett eine Null ist. Bumm, das hat gesessen! Dann haben wir Glenda (Marie Claude Joseph), eine dunkelhäutige Schönheit mit Glatze(!!), die allein schon deswegen die auffälligste Erscheinung auf der Party ist. Glenda, die Freundin von Howard, zeigt am wenigsten Reaktion auf die Brutalitäten von Alex, sie verzieht keine Miene als Alex ihre Brüste begrapscht, ist aber andererseits hellwach um in einem unbeobachteten Moment den Strom im Haus abzudrehen. Dann gibt es noch Gloria (Lorraine De Selle), die anscheinend solo ist und einen Mann kennenlernen will. Nachdem auch sie von Alex gequält worden ist, gelingt es ihr später, Ricky auf ihre Seite zu ziehen indem sie mit ihm freiwillig schläft. Sie ist trotz der ihr zugefügten Gewalt am Ende die mäßigende Kraft, die Rickys Tod verhindert: "Lassen wir ihn laufen". Als vierte haben wir dann noch Cindy (Brigitte Petronio), ein ganz junges Mädel das zu spät zur Party kommt. Sie wird aufgrund ihrer Jugendlichkeit ganz besonders schlimm mißhandelt: nicht nur daß Alex sie vor allen Anwesenden komplett auszieht, fügt er ihrem jugendlichen Körper mehrere tiefe Schnitte zu. Vier verschiedene Typen Frauen, überzeugend dargeboten allesamt. Die beiden Freunde Tom und Howard sind junge Burschen Anfang Zwanzig, die der Brutalität Alex nichts entgegenzusetzen haben. Während Howard, nachdem er im Gartenpool von Alex angepinkelt wurde, unter dem Tisch festgebunden ist, versucht es Krawattenträger Tom immerhin ab und zu mal mit Widerstand - erst ganz zum Schluß gelingt ihm mittels einer versteckten Pistole das Blatt zu wenden.

Was den Sleaze-Faktor betrifft, so zeigen sich alle Damen - bis auf Glenda - im Evakostüm. Da dies in aller Regel durch brutalen Zwang erfolgt, ist dies jedoch keineswegs schön mitanzusehen. Die beiden etwas ausführlicheren Liebesszenen finde ich zu lang um nicht zu sagen ziemlich störend, suggerieren sie doch etwas Friedliches - aber Friedliches hat in diesem Terrorfilm keinen Platz. Dies gilt auch für das nervtötende Kinderlied, das Riz Ortolani extra für den Film komponiert hat: Es soll die gezeigte Brutalität konterkarieren, geht aber schnell auf die Nerven.

Ein Wort noch zur Synchro: Alex hat im Original eine etwas weichere Stimme, während er im deutschen eine deutlich härtere und damit bösartigere Stimme erhielt. Die große Hartbox von EC-Entertainmanet, welche mir vorliegt, hat an einigen wenigen Stellen Tonprobleme, nämlich dort wo die entschärfte deutsche Schnittfassung nicht synchronisiert wurde, da wird der Ton des Originals nämlich sehr deutlich leiser und Hess spricht englisch. Auch bei der Eingangsszene mit der Vergewaltigung im Auto wird der Bildschirm zwischendurch schwarz, was anscheinend so vorgesehen ist und nicht einer zensurbedingten Abblendung geschuldet ist.

Mit einer Bewertung tue ich mich diesmal schwer: Zum einen ist Der Schlitzer ein durch und durch negativer Film von der Handlung her, nichts ist da positiv, erfreulich, lustig, auch nicht überraschend oder erstaunlich, andererseits verdient ein derart konsequent durchgezogenes Drehbuch und eine so stringente Kameraführung schlichtweg höchstes Lob. Der Schlitzer stellt viele Horror- und Slasherfilme die nach ihm erschienen sind, in Sachen Atmosphäre locker in den Schatten und ist für seine Entstehungszeit sicher ein Meilenstein gewesen. Muß man gesehen haben, danach aber sollte man mindestens drei positive Filme anschauen, da Der Schlitzer schwer im Magen liegt. 8 Punkte.

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