Review

Was ist an Liebesbeziehungen nur so einzigartig schön, dass wir uns freiwillig so für sie quälen ?
In "Hautnah" begleiten wir die Protagonisten Alice (Natalie Portman), Dan (Jude Law), Larry (Clive Owen) und Anna (Julia Roberts) durch vier Jahre Beziehungsleben , dass vor allem durch Affären, Lügen und Misstrauen geprägt war.

Zu diesem Zweck wählte Regisseur Mike Nichols eine ebenso mutige wie anstrengende Erzählweise: Ohne näher auf die Motivationen und Hintergründe der Figuren einzugehen, präsentiert er Versatzstücke aus deren Beziehungskisten - alles ohne grosse Überleitungen und mit abrupten Szenenwechseln, die manchmal mehrere Monate auf einmal überspringen und den Zuschauer ob der völlig veränderten Situation oftmals leicht verwirrt zurücklassen. Doch diese Konfusion ist immer nur von kurzer Dauer, erfährt man in der Folge durch die langen Gespräche mehr als genug über Differenzen, Gemeinsamkeiten, Liebe, Lust und vor allem über den Schmerz, den eine Beziehung manchmal mit sich bringt. Wir werden Zeuge eines Seelenstriptease, bei der nicht die Streitigkeiten ansich, sondern vielmehr die schonungslose Art und Weise, mit der hier miteinander umgegangen wird, eine wahre Tour de Force für das Gemüt des Zuschauers darstellen. Es wird geschrien, es wird geflucht, es wird beleidigt, es wird verletzt - Worte können eine wahrhaft grausame Waffe sein.

Diese Dialoge lassen die Darsteller zuweilen an die Grenzen ihrer schauspielerischen Fähigkeiten gehen - besonders Jude Law wirkt in manchen Szenen sehr verkrampft und kann mit seiner Figur kaum Akzente setzen. Clive Owen kann mit seiner Performance zwar mehr überzeugen, ist aber mit einem Charakter gestraft, der aufgrund seiner Obsessionen und seines zynischen Wesens kaum menschliche Züge aufweist und dementsprechend unsympatisch rüberkommt. Natalie Portman als durchtriebendes Girlie und Julia Roberts als erfolgreiche Fotografin bieten dem Zuschauer trotz grandioser Vorstellungen ebenso wenig Identifikationsmöglichkeiten. Sind die Situationsbeschreibungen noch so radikal aus dem Leben gegriffen - die Figuren wirken unausgegoren und künstlich. Zu wenig für ein derart ambitioniertes Beziehungsdrama.

Es bleibt noch zu erwähnen, dass hier auf Humor in jeglicher Form verzichtet wurde, um die unheilvolle Stimmung, die in nahezu jeder Szene im Raum schwebt, beizubehalten. Ein weiterer radikaler Schritt, der nochmals die Ernsthaftigkeit in Nichols` Inszenierung unterstreicht und auch jeglichen Hoffnungsschimmer auf ein glücklicheres Leben im Keim erstickt.

"Hautnah" ist ein Film für ein erwachsenes Publikum, welcher dank emotional aufwühlender Dialoge und einer aufmerksamkeitfordenden Erzählweise die Defizite in der Charakterzeichnung wettmacht.

7/10

Details
Ähnliche Filme