Zu den romantischen Klängen von "Can't take my eyes of you" geht eine junge, selbstbewusst wirkende Frau durch eine Menschenmenge. Sie sieht einen jungen Mann, der ihr entgegen kommt. Er sieht sie auch. Beide nehmen Blickkontakt auf, finden sich sympathisch, lächeln. Dann blickt sie kurz zur Seite, geht dabei auf die Straße und wird prompt von einem Auto angefahren.
Das sind die ersten Szenen von "Hautnah", dem neuen Film von Regisseur Mike Nichols. Eigentlich ein sehr harmonischer Beginn, aber man kann diese erste Szene auch anders deuten: Zwischen den beiden läuft es zunächst wunderbar, aber sobald die Frau den Mann doch "aus den Augen lässt", muss sie sofort darunter leiden! Und später haben alle beteiligten auch noch sehr viel zu leiden.
Dabei sind die Folgen dieses Unfalls zunächst sehr positiv, denn beide lernen sich dadurch kennen. Er, Dan, gespielt von Jude Law, ist ein gescheiterter Schriftsteller, der sich mit dem Verfassen von Nachrufen seinen Lebensunterhalt verdient. Sie (Natalie Portman) stellt sich als ihm Alice vor. Später muss Dan erkennen, dass er ihren richtigen Namen nie erfahren hat. Schon am Beginn ihrer Beziehung steht also eine Lüge.
Und mit Lügen geht es weiter! Einige Jahre später, Dan und Alice leben inzwischen in einer Beziehung, hat Dan es nämlich doch geschafft, ein Buch zu schreiben und möchte sich deshalb fotografieren lassen. Dan findet sofort Gefallen an der spröden Fotografin Anna (Julia Roberts) und setzt damit, ohne nachzudenken, seine Beziehung mit Alice auf’s Spiel. Aber außer auf einen intensiven Kuss lässt sich Anna zunächst auf nichts ein.
In der folgenden Sequenz, die letzte übrigens, in der man als Zuschauer auch mal lachen kann, gibt sich Dan, der Anna immer noch erfolglos nachstellt, in einem Internet-Chat mit dem Dermatologen Larry (Clive Owen) als Anna aus. Er vereinbart mit ihm ein Treffen. Blöde nur, dass Anna tatsächlich an dem vereinbarten Treffpunkt ist, als Larry dort aufkreuzt. Die Folge ist: Larry und Anna kommen zusammen!
Auf einer Ausstellung von Anna etwa in der Mitte des Films treffen die vier Protagonisten das einzige Mal alle zusammen, Dan ist noch mit Alice zusammen und Larry mit Anna. Nach der Vernissage heiratet Anna Larry, aber sie beginnt fast zeitgleich nun doch ein Verhältnis mit Dan. Dan trennt sich deshalb von Alice und Anna verlässt Larry.
Jetzt kämpfen Larry und Dan um Anna und dabei ist jedes Mittel recht …
„Hautnah“ ist eine realistische Beschreibung von Beziehungen im 21. Jahrhundert. Vor allem aber zeigt der Film, mit welcher Härte und Grausamkeit unter dem Deckmäntelchen der „Ehrlichkeit“ in den Beziehungen vorgegangen wird, wenn es darum geht, sich zu trennen oder sich als Partner zu behaupten. Das Drehbuch bedient sich dabei manchmal einer sehr schönen, fast poetischen Sprache. Wenn es nachher dann schmutzig wird, werden dem Zuschauer aber auch jede Menge Kraftausdrücke um die Ohren gehauen.
Die Sprache ist nicht der einzige Hinweis darauf, dass der Film „Hautnah“ auf einem Theaterstück basiert. Auch die fast mathematische Konstruktion des Drehbuchs deutet darauf hin: Es werden meist zwei Protagonisten in einem Dialog gezeigt. Nur in der Mitte des Films treffen sich alle vier Hauptpersonen. Und im Anschluss daran finden wieder nur die Zwiegespräche statt. Auch die abrupten Szenenwechsel, die manchmal den Sprung über mehrere Monate oder sogar Jahre bedeuten, finden so im Theater statt. Und nicht zuletzt die teilweise doch recht spärliche Ausstattung entspricht der in einem Theatersaal.
Regisseur Mike Nichols macht kein großes Geheimnis um die Herkunft seines Stoffes und das ist auch gar nicht schlimm. Die Dialogszenen wirken so nur noch intensiver. Und die Schauspieler haben so Gelegenheit, ihre wahrlich nicht einfachen Charaktere zu nuancieren. Und diese Chance nutzen die vier Schauspieler.
Jude Law spielt den gut aussehenden, aber noch ziemlich unreifen Dan, der sich eine jüngere Partnerin nimmt, vielleicht um sich ihr überlegen fühlen zu können, in allen Facetten glaubhaft. Er verursacht durch seine Schwärmerei für Anne und den gefakten Chat mit Larry den folgenden Beziehungskrieg. Er nimmt sich gegenüber der vermeintlich schwächeren Alice zwar auch die Freiheit, zu verletzen, indem er verlässt, ist aber dann gegenüber dem wesentlich reiferen und geschickter taktierenden Larry hoffnungslos unterlegen. Flennend und bettelnd steht er vor Larry, der aber keine Gnade kennt.
Clive Owen spielt Larry als Macho, der ziemlich ruppig werden kann, wenn es um sein Territorium geht. Weder ihm noch Dan geht es um die Frau, es geht beiden nur ums Besitzen und Gewinnen. Owen, zuletzt als King Artur in der unsäglichen Bruckenheimer-Produktion zu sehen, kann hier endlich einmal zeigen, was schauspielerisch in ihm steckt. Sowohl in den Szenen, in denen er mit dem Betrug von Anna fertig werden muss, als auch als mit harten Bandagen kämpfender Taktiker, ist er absolut überzeugend.
Julia Roberts spielt Anna, eine ziemlich spröde Frau, und ist damit völlig gegen ihren Typ besetzt. Auch ihr Charakter hat Ecken und Kanten: Zwar geht sie auf Dans Annäherungsversuch erst nicht ein, aber schließlich beginnt sie doch ein Verhältnis mit ihm, als sie schon fast mit Larry verheiratet ist. Und sie lässt sich von Larry verführen, als sie mit Dan zusammen ist. Im Grunde ist Anna eine schwache Frau, die zwischen den Stühlen steht und sich dem Sieger des Hahnenkampfes fast willenlos ergibt. Julia Roberts meistert ihren Part wieder einmal souverän.
Am meisten im Gedächtnis bleibt aber Natalie Portman als Alice. spielt eine vermeintlich unterlegene, vermeintlich schwache Frau, die sich am Ende, vielleicht neben Larry als einzige wirkliche „Gewinnerin“ betrachten kann. Zwar weint sie herzzerreißend, als Dan sie verlässt, aber sowohl bei der Ausstellung als auch in einem Club erträgt sie Larrys Demütigungen zumindest äußerlich cool und schließlich trennt sie sich von dem wesentlich unreiferen Dan. Bei ihr hat man wenigstens die Hoffnung, dass sie noch glücklich werden kann. In allen ihren Szenen ist die bekanntermaßen sehr talentierte Natalie Portman exzellent. Vielleicht kann sie ja ihren Triumph von den Golden Globes wiederholen und sich auch bei den Oscars gegen Blanchett und Linney durchsetzen.
Larry und Dan fragen Anna und Alice, nachdem sie von deren Betrug erfahren haben, wie der jeweils andere im Bett war. Anna und Alice beantworten alle auch noch so intimen Fragen widerwillig. Aber während Anna Larry dieses Verhör verzeiht, weil sie Larry betrogen hat, beendet Alice ihre Beziehung zu Dan endgültig.
Vielleicht wird sich der eine oder andere Mann, der schon einmal betrogen worden ist, in diesen Männern wieder finden.
Larry sagt einmal zu Dan, dass Anna gar nicht glücklich werden möchte. Jede Frau möchte sicher glücklich werden, aber sehr oft landen sie dann doch wieder bei dem Mann, der ihnen das Leben am besten zur Hölle machen kann.
Am Ende des Films sieht man Natalie Portman wieder durch eine Menschenmenge gehen, erneut zu den Klängen con „Can’t take my eyes of you“, selbstbewusst, gestärkt und irgendwie erwachsener als in der Anfangssequenz. Aber jetzt fällt ihr kein Mann ins Auge, jetzt fällt sie den Männern um sie herum ins Auge, die sich nach ihr umdrehen und ihr hinterher gaffen. Auch hier bekommt der Text des Songs nicht unbedingt eine positive Bedeutung. Das Spiel beginnt von neuem, der Kampf geht weiter …
„Hautnah“ ist eine schwierige, komplexe, intensive, realistische, harte und schonungslose Bestandsaufnahme von modernen Beziehungen, sehr gut gespielt und anspruchsvoll inszeniert.