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Ich wusste nicht wohin mit dem Ball, da hab’ ich ihn einfach reingewichst! (Ernst Kuzorra)

Willkommen in der Zeit, als Fußballer noch richtige Kerle waren, als der Ball noch seine Ecken und Kanten hatte und der Kaiser fest davon überzeugt war, dass er später garantiert nichts mehr mit Fußball zu tun haben will. Willkommen in der Anfangszeit des Profifußballs in Deutschland! Willkommen bei Gib mich die Kirsche! – Der ersten deutschen Fußball-Rolle!

Die Fußballfreunde Oliver Gieth und Peter Hüls arbeiteten in 10jähriger, mühevoller Kleinstarbeit Archivmaterial aus den 60er und 70er Jahren auf, um pünktlich zum WM-Jahr 2006 mit Gib mich die Kirsche! einen überaus charmanten Dokumentarfilm über die ersten Jahre des Lizenzspielertums in Deutschland zu erschaffen.

Wer jetzt die Befürchtung hat, auch in diesem Falle – wie bereits so oft zuvor – mit einer Aneinanderreihung der schönsten Tore dieser Zeit und staubtrockenen Statistiken gelangweilt zu werden, muss eines besseren belehrt werden: Gieth und Hüls blenden das, was frühere Fußball-Dokumentationen zu einem Großteil ausmachte, nahezu vollkommen aus und konzentrieren sich darauf, den Fußball der dargestellten Epoche als Lebensgefühl, als Angelegenheit von nationalem Interesse darzustellen.

So erhalten wir einerseits einen Einblick in das Privatleben der großen Stars, dürfen Gast auf Gerd Müllers Hochzeit sein und den jungen Uwe Seeler als Beifahrer begleiten, während er holprig seine auswendig gelernte Abhandlung über seinen Nebenjob als Handelsvertreter für Sportfirmen und Schlafsäcke aufsagt; und andererseits kommt jene Gruppierung zu Wort, für die die Lizenzspieler letzten Endes tatsächlich auf die Balljagd gehen: Der Mann (ab und an auch – für die Zeit ungewöhnlich – die Frau) von der Straße, die hitzige Diskussionsrunde am Stammtisch und auch die mitfiebernde Gruppe in der Kneipe beim WM-Halbfinale 1970, das alles, eingebunden in den zeitlichen und fußballerischen Kontext, ergibt eine bunte Mischung an Emotionen, markigen Sprüchen und urkomischen Statements.

Im Verlauf des Filmes geht zwar irgendwann der rote Faden fast vollends verloren (lediglich die chronologische Abfolge, die anhand der Fußball-Weltmeisterschaften 1966, 1970 und 1974 dargestellt wird, stellt noch ein wenig Kontinuität dar), aber die überwiegend amüsanten Filmschnipsel trösten darüber hinweg, dass nicht zwangsläufig alles so in Zusammenhang gebracht werden kann, wie es vielleicht wünschenswert gewesen wäre. Und immerhin bekommt man noch einmal die schönsten Werbe-Sünden („Hippi-Hoppi-Party-Fisch“) der einstigen Stars vor Augen geführt und auch die gesanglichen Eskapaden von Größen wie Franz Beckenbauer oder den Weltmeistern von 1974 werden immer wieder gerne eingebunden…

Diese musikalisch wirklich jederzeit sehr passende Begleitung der Dokumentation findet dann schließlich ihren Höhepunkt in der von Thin Lizzys „Still in love with you“ untermalten One-Man-Show Franz Beckenbauers, die in ihrer Darstellung der Eleganz und Dynamik dieses einzigartigen Fußballers nur als Huldigung der Filmemacher gegenüber dem „Kaiser“ verstanden werden kann. Aber Die erste deutsche Fußball-Rolle ist viel mehr als nur eine weitere Denkmalsetzung für den wohl größten deutschen Fußballer aller Zeiten…

Gib mich die Kirsche ist als Hommage an die gute, alte Zeit des Fußballs zu verstehen, als die Bundesliga noch in ihren Windeln steckte und man noch für ein paar Mark Fuffzich ins Stadion kam. Zwar wird auch auf negative Höhepunkte wie den Bestechungsskandal und das Aufkommen der Hooligan-Szene eingegangen, letzten Endes überwiegt jedoch der Eindruck, dass damals alles irgendwie besser war… Nicht sonderlich informativ, aber unterhaltsam vor allen Dingen für jene, die in dieser Zeit groß geworden sind und alle Fußballfreunde, die sich auch für die historischen Wurzeln des deutschen Profifußballs interessieren und den etwas anderen Blick darauf wagen wollen… 7,5/10

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