Völlig untergegangener Abenteuerfilm, der in einschlägigen Publikationen - "Die UFA - ein Traum. Hundert Jahre deutscher Film", "Geschichte des Deutschen Films", "Film in Deutschland" - nicht einmal erwähnt, geschweige denn besprochen wird. Die erste Fernsehausstrahlung folgte gute dreissig Jahre später, höchstwahrscheinlich vor leeren Rängen; zumindest kräht mangels Brisanz und offensiver Verbreitung heute kein Hahn mehr danach.
Die Gründe dafür sind sicherlich an der Produktionsphase auszumachen: Mit dem Anschluss Österreichs, dem Münchener Abkommen, dem Einmarsch in die Tschechoslowakei und der Reichskristallnacht hatte das Land im Jahre 1938 genug zu tun und waren dafür auch andere Leindwandarbeiten gefragt. Die mit dem sogenannten "Staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" bezeichneten Prädikat geschmückten Patrioten, Unternehmen Michael oder Urlaub auf Ehrenwort, die vor und hinter der Front für Wehrwillen, Soldatentugend, Opferbereitschaft und Vaterlandsliebe eintraten, Kunst "mit ihren Wurzeln in das nationalsozialistische Erdreich eingedrungen" schufen und die mächtige Waffe der Propaganda zugunsten nationalsozialistischer Selbstbespiegelung einsetzten. Es war die Zeit von Leni Riefenstahl, Veit Harlan, Karl Ritter und Hans Steinhoff. Niemand interessierte sich grossartig für den gebürtigen Wiener Eduard von Borsody, der zuvor und danach die Filmography weitgehend mit lockeren Liebeskomödien bestückte und sich hier weder um eine politische Aussage noch um einen deutschen Helden oder eine Rassenordnung, sondern nur um die Konzeption einer visuell bereits vorgeformten Einheit schert:
1876. Der Engländer Henry Wickham [ René Deltgen, der „Clark Gable der UFA“ ] will Gummisamen nach England schmuggeln, um das brasilianische Kautschukmonopol zu brechen. Im Vorwand einer Schmetterlingsexpedition begibt er sich von Manaos aus in den Dschungel zum Oberen Amazonas; verfolgt von Don Alonzo di Ribeira [ Gustav Diessl ], der nicht nur seine Vormachtstellung, sondern auch seine Verlobte Mary Waverley [ Vera von Langen ] vor dem unerwünschten Eindringling bewahren will.
Übersehen wurde dabei leider, dass von Borsody vielleicht nicht gerade den Prototyp des Abenteuergenres oder etwas anderes Neuartiges schuf, aber die Stilistik schöpferischer Richtlinien derartig gekonnt beherrscht, dass er auch heutzutage noch ohne Mühen aufpeitschen und anheizen kann. Das Genre formulierte in den 30er Jahren einige Marksteine unterschiedlichster Coleur und testete die Materie in alle möglichen Richtungen aus - Abenteuer im Gelben Meer, In den Fesseln von Shangri-La, Die Abenteuer des Tom Sawyer, Robin Hood - König der Vagabunden, Vier Federn -, auch der deutsche Film konnte sich damals mit Der Tiger von Eschnapur, Das Indische Grabmal und Wasser für Canitoga recht wacker schlagen und hatte mit Karl May und dessen Lebenswerk sogar noch rückwirkend einen weltweit gelesenen Schriftsteller zu bieten. Auch wenn man notgedrungen hinter der Schaffenskraft der britischen und amerikanischen Studios zurückbleiben musste, versuchte man sich emsig an der Person des Forschungsreisenden, der in Einzelfällen zum Großwildjäger, Tierfänger, Dompteur, Expeditionsleiter etc. abgerundet wurde.
Kautschuk bietet Alles in einem und darf durchaus als hidden gem authentischer Sehenswürdigkeiten bezeichnet werden, wobei man wie in weiser Voraussicht ähnliches Material aus den berüchtigten italienischen Mondo-Filmen ab den 60ern bereits vorweg nimmt. Ohne sich aber gleich als morbider Streifzug zu gebärden und über archaische Völker und deren Sitten herzuziehen. Trotz Wickham als Erfüllungsgehilfen eines kapitalistisch - imperialistischen Projektes stellt man sich nicht als Hetzmedium mit negativ behafteter Geopolitik bloss und legt auch nicht ethnisches Bewusstsein als Grundlage für die Durchsetzung von Machtinteressen dar.
Das hier vollzogene Aufmerksamkeitsprinzip funktioniert ganz ähnlich der Völkerschauen, die im 19. und frühen 20. Jahrhundert ein verbreitetes Unterhaltungsgeschäft waren, sowie den Reisefilmen der "Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt Actiengesellschaft" [ Hapag ] oder der Norddeutschen Lloyd. So wusste man spätestens auch im Weimarer Kinos um die Wirkung fremdländischer Flora und Fauna und warf als Attraktion die Exotik, das Mythische und das Magische in die Waagschale; darüberhinaus vergisst man hier aber weder emotionale Höhepunkte noch narrative Bruchstellen.
Inspiriert durch den Erlebnisbericht "In der Grünen Hölle: Kurbelfahrten durch Brasilien" von Frank Eichhorn über die Filmexkursionen der Eichhorn-Bayer-Gruppe in den Urwäldern Nordbrasiliens wurde der Plot involvierend um die entsprechend getätigten Aufnahmen herumgestrickt.
Die Folge ist ein Menschen, Tiere, Sensationen in Südamerika; ebenfalls mit herbeigeholter Ferne und [teils] inszenierter Fremde, aber auch mit Objekten der Schau-Lust ausserhalb von Einzäumung und Dressur.
Mit einem gewandten Einstieg und der unmittelbaren Bekanntgabe von Sympathiefiguren und ihrer Kehrseite kann die ungezwungen nonchalante Inszenierung schnell die nötige Anteilnahme erlangen. Die Personen sind vom ersten Moment an vertraut, ebenso wie ihre Verwicklungen, die kommenden Konflikte, die variable Ergiebigkeit. Die Einleitung wurde prägnant in London vollzogen, wechselt dann rapide von den gerade erwähnten Handelnden auf sie selber und führt Protagonist und Antagonist anhand des Objektes der Begierde und damit den Motivationen ein. Draufgänger und Luftikus Wickham möchte das Samengut und Mary. Alonzo ebenfalls. Die eindeutige Parallelität von Entschluss und Ziel verstärkt die Überschaubarkeit. Motiv, Antrieb und Bemühen sind auf eine einzige Triebkraft gerichtet. Handgreifliche Zufälle und Unwahrscheinlichkeiten werden weggelassen. Die Vorwärtsbewegung ist kontrastierend, die Reiseroute führt schnurstracks von einem Punkt zu einem zweiten und wird durch ebenso klare Hindernisse abgebremst. Von Beginn weg wie im Nebenbei die ersten Actionszenen: Kampf Mann gegen Mann. Flucht zu Pferde. Verfolgung. Steppenfeuer.
Kontinuierliche Linien, die sich mit dramatischen Effekten, ausgetüftelten Arrangements und vollendetem Handwerk technischer Geschicklichkeit verknüpfen und einen stilistischen Bilderverhau mit fundamentaler Ambivalenz erschaffen. In der man eine pure kinoökonomische Dimension eröffnet, statt einer realpolitischen oder sozialpsychologischen. Für Zeit und Herstellungsland ungewöhnlich wohlwollend, informiert, weitläufig und durch sein Genre in einer so abseitigen Aussenseiterrolle, dass man die üblichen Denunziationspraktiken scheinbar schlichtweg vergessen hat.
Spielräume intellektueller Beweglichkeit, institutionelle Absicherung und Repräsentation der herrschenden Ordnung hat man spätestens beim Eintritt in das überflutete Walddickicht verlassen. An die Stelle tritt ein unerkundetes Portal zu gigantischen Flusskilometern und damit die Suggestion einer riskanten Reise. Lichtloser Boden, trübe Gewässer, überwuchernde Lianenvorhänge, ein Geflecht mannsdicker Stämme versperren den Tourismus- oder gar Expansions- und Kolonialgedanken. Ein wilder, majestätisch unermesslicher Schauplatz mit betont graphischen Bildkompositionen, als nahezu expressionistischer Ort der Beklemmung.
Durch die schwarz / weiss Aufnahmen scheint die begrünte Fläche silbermetallisch zu schimmern, die Oberfläche verändert sich wie bei einem fotografischen Negativverfahren: Dunkles wird hell. Helles wird dunkel. Die Gegend einer intensiven Färbung mit kräftig sichtbaren Details unterzogen, die zusammen mit dem bedrohlichen Trommelwirbel und den Umweltgeräuschen eine Art unheimliches Märchen als Setting ergeben. Atmosphäre, Anspannung, Grauen; nicht weit ausschweifend und sinnierend, sondern kurz, aber aussagekräftig. Ein naturalistischer Fiebertraum fern jeder Zivilisation, als Flucht vor Engstirnigkeit, Dünkel und Machtspielen. Eine verstörend faszinierende Bilderflut in Weisslichtbeleuchtung mit einem einem schwer durchdringlichen tropischen Regenwaldblock voller vielköpfiger Tierfamilien. Insekten, Frösche, Echsen, Krokodilen, Schlangen, Piranhas, die unweigerlich den Bereich des Tierhorrors vertreten und dies auch in einigen äusserst eindringlichen Alb - Sequenzen zur Schau stellen. Eine Grenzsituation zwischen Tag und Nacht, zwischen Einbildung und Wahrheit und Leben und Tod.
Ohne dem lineraren, aber dennoch ausreichend gereiften Skript mit seiner doppelten Dreierbeziehung, den Rahmeninteressen von Mittel und Zweck und der rationalen Erzählperspektive wäre es wahrscheinlich bloss eine fesselnde Naturepisode mit Dokumentareffekten. So ist es ein nervenaufreibender historischer Thriller über die Aussichtslosigkeit interkultureller Beziehungen, im perfekten Zusammenspiel von innerer und äusserer Isolation mit publikumswirksamen Gefahrenszenen und rein evasiver Phantasie.
1939 folgte von Borsodys Kongo-Express.