Review

Ich bin weder weiblich noch 13, doch diesen Film wollte ich mir nicht entgehen lassen. Vom skandinavischen Kino eh angetan, ich denke da nur an "Raus aus Amal" oder "Engel des Universums", machte ich mich daran, den Film mit dem sehr komischen Titel "Der Ketchup Effekt" anzuschauen. In Anbetracht dieses Titels kann man es wohl keinem verübeln, der sich entweder nicht viel darunter vorstellen kann oder den Film gleich mit etwas Sinnlosem assoziiert. Die Story jedoch sprach mich an und da die Schweden einen Sinn für gute Filme besitzen, sprach also Nichts dagegen.

Und ich wurde wieder mal belohnt. Wer hier Klischeekino voller Kitsch erwartet, der braucht gar nicht erst mit diesem Film beginnen. Zu Beginn mag er noch ganz stereotyp sein. Sofie, Amanda und Emma, drei Freundinnen, stehen kurz vor ihrem ersten Tag auf dem Gymnasium und freuen sich auf ein neues Leben. Voller süßer Jungs und vielen Parties. Mouse nennt sich der Chef der Jungenclique, in den so gut wie jedes Mädchen verliebt ist. Schon bald steht eine Party in dessen Haus bevor und Sofie ist auch noch eingeladen, weil sie ihn eines Tages in der Schule angesprochen hat. Mit großer Vorfreude gehts also auf die Feier, die jedoch für Sofie kläglich endet. Betrunken begibt sie sich zu Boden und die pubertierenden Jungs um Mouse nützen dies schamlos aus, um ein paar erniedrigende Fotos von der machtlosen Sofie zu machen, die sie dann überall in der Schule publizieren. Von nun an sieht sich Sofie fürchterlichen Mobbingsversuchen und anderen Beleidigungen ausgesetzt, ihr gutes Verhältnis zum Vater beginnt zu bröckeln und ihre Freundinnen wenden sich angesichts der diskriminierenden Fotos von ihr ab. Sofie ist mit den Nerven am Ende und weiß schon bald keinen Ausweg mehr.

So weit, so gut. Mag der Film anfänglich noch recht stereotyp und bekannt erscheinen, entwickelt sich "Der Ketchup-Effekt" langsam aber sicher zu einer fiesen Sackgasse, in der sich Sofie wiederfindet. Alles, was sie wollte, war, an Mouse und dessen Freunde heranzukommen. Ein Vorhaben, das wohl so gut wie jedes Mädchen in diesem Alter nur allzu gut verstehen kann. Das Leben besteht hauptsächlich aus süßen Jungs, neuen Erfahrungen und den tollsten Klamotten. Also völlig natürlich also. Wer sich mit dieser Tatsache von quiekenden und aufgedrehten Mädchen in der Pubertät nicht abschrecken lässt, wird mit einem wunderbarem Film belohnt. Sofie ist völlig aus dem Häuschen, als sie zu Mouses Hausparty eingeladen wird und wartet wie verrückt auf besagten Tag. Als die Stunde geschlagen hat, gehts ab zur Party, wo sie jedoch schon bald schamlos ausgenutzt wird. Zunächst scheint ihr Interesse an den Jungs wohl zu offensichtlich und einer der Clique, Sebbe, verschwindet mit ihr im Schlafzimmer, wo sie schon bald um verschiedene sexuelle Befriedigungsmethoden gebeten wird. Hierbei bekommt man allerdings auch einen sehr großen Lacher geboten, auf den ich nicht näher eingehen möchte. Sofie merkt bald, dass sie nur Spielball gemeiner, pubertierender Jungs ist und flüchtet sich aus dem Zimmer und in den Alkohol. Dieser spielt aber auch seine Spielchen mit ihr, bis sie letztendlich ohnmächtig auf dem Zimmerboden landet.

Ein paar Fotos und Tage später sieht sich Sofie den harten Seiten des Lebens konfrontiert. An ihrem Spint kleben besagte, zweideutige Fotos, von denen auch bald schon ihr Vater Wind bekommt. Immer mehr beginnt Sofie, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Auch ihre Freundinnen distanzieren sich von ihr, weil diese viel lieber mit den angesagten Schönheiten der Klasse rumhängen anstatt mit einer als Schlampe geltenden Peinlichkeit. Schön ist dabei zu sehen, wie das Verhalten der Jugendlichen eingefangen wird. Mit 13 hat man noch nicht diese feste und konsequente Persönlichkeit, man lässt sich hin und herschubsen von den "Coolen" bzw. denen, denen das Privileg zuteil ist, ganz einfach etwas zu sagen zu haben. Mouse und dessen Clique spielen dabei eine gewichtige Rolle, indem sie völlig ohne Grund einer Mitschülerin das Leben nicht nur innerhalb der Schule zur Hölle machen. Sie wollen sich gegenseitig imponieren und spielen sich aneinander hoch in den Mittelpunkt. Selbst Sofies Freundinnen können dies nicht richtig einschätzen und wechseln lieber die Seiten, als die Wahrheit zu sehen und zu ihrer Freundin zu helfen, die für die Situation, in der sie sich jetzt befindet, eigentlich gar nichts kann.

Die Probleme, die die Jugend mit sich bringt. Oder bringen kann. Das ist so die Intention von "Der Ketchup-Effekt". Der titelgebende Ausdruck wird übrigens im Film noch genauer erläutert. Im Mittelpunkt stehen Probleme wie Gruppenzwang und fehlende Identifikation mit Dingen, die nicht der Mehrheit entsprechen. Das sieht man an Sebbe, der notgedrungen zunächst mitmacht, Sofie zu verarschen. Und da wären Emma und Amanda, die lieber mit irgendwelchen, von einer Modelkarriere träumenden Tussis abhängen als mit ihrer eigentlichen Freundin, die mehr denn je Hilfe nötig hat. Zudem wird klar, dass auch das eigene Elternhaus in manchen Situationen mehr schlimmer als besser macht. Als Sofies Vater ihr rät, sich nicht so freizügig anzuziehen und seine Tochter das überhaupt nicht verstehen kann, geht sie aus trotz noch freizügiger und offener. Ihr Vater versteht sie nicht, weil er nicht weiß, was in der Schule so geschieht. So ganz ohne Freundinnen oder eine richtige Vertrauensperson sieht Sofie schon bald keinen Ausweg mehr und versucht auf ihre Art und Weise, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Auch wenn Sebbe, der fern von Mouse sein wahres Gesicht zeigt, sich an Sofie annähert, wirkt das auf Sofie, im Hinterkopf noch diese anstößigen Fotos, abstoßend und weist ihn zurück.

"Der Ketchup-Effekt" stellt einen wirklich anspruchsvollen und klischeefreien Teeniefilm dar, der ganz klar die dramatischen den komödiantischen Seiten bevorzugt, den Zuschauer schockiert, aufwühlt und dennoch irgendwie begeistert. Leider ist der Schluss für mich etwas zu sehr auf die Happy-End-Schiene geraten, doch das ist nur geringfügig von Bedeutung. Ein toller Soundtrack, hervorragende Darsteller und die Tatsache, dass auch wirklich gute Teeniefilme gedreht werden können, lassen einem das Herz höher schlagen.

8,5/10 Punkte

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