Ich bin garantiert kein Fan von den üblichen Martial Arts Filmen oder gar des Hong Kong Kinos und könnte spontan höchstens eine Handvoll Streifen aufzählen, die mir im Lauf der Jahre gefallen haben. Auch der gute Jet Li war mir bisher immer völlig schnurz, da er für mich die Ausstrahlung eines Joghurtbechers hat. Ich bin halt auch nur ne Frau und hätte grade bei solchen Filmen gerne was fürs Auge – auf 1,30m Haut und Knochen stehe ich nicht wirklich *g*. Damit will ich dem Kampfzwerg keineswegs seine Fähigkeiten absprechen, denn technisch gesehen ist er sicherlich das Beste, was sich so durch die einschlägigen Streifen prügelt. Dagegen kann der schlampige und wesentlich untalentiertere Jackie Chan einpacken. Wie ich mir so ein Urteil anmaßen kann? 10 Jahre Kampfsportlaufbahn, also Klappe! ;-P
Die Kombination Morgan Freeman meets Jet Li meets Bob Hoskins war für mich ausschlaggebend mir den Film überhaupt anzusehen, da ich der Überzeugung bin, dass Herr Freeman sicher nicht bei einem totalen Miststreifen mitspielen würde und auch Bob Hoskins bei mir bisher nur gute Erinnerungen heraufbeschwört. Die beiden würden Blassbacke Jet Li schon mit durchziehen. Bei dieser vielversprechenden Konstellation konnte mich nicht mal Regiestümper und Drehbuchverbrecher Luc Besson abschrecken, der ausser bei „Leon“ bisher nur Müll abgeliefert hat (das betrifft auch das 5. Element *aufsässigguck*).
Leider versaut es Herr Besson auch hier und ich hätte mir im Nachhinein für Unleashed dringend einen anderen Autoren gewünscht. Die Story erfordert nun mal etwas sensiblere Charakterzeichungen und nicht das oberflächliche Rumgerotze, dass er hier verbockt hat. Von den Logikfehlern will ich mal gar nicht anfangen, sonst rege ich mich zu sehr auf. Wie gut, dass das Schauspielerensemble den Karren nach Kräften aus dem Dreck zieht und den Zuschauer über so manches Manko einigermaßen grosszügig hinwegsehen lässt.
Allen voran und völlig unerwartet hat mich der Joghurtbecher…äh…ich meine Jet Li aus dem Sessel gerissen. Ich hatte zwischendurch glatt den Verdacht, dass er Besson flachgelegt haben muss, damit er ihm diese Rolle auf den Leib zimmert - aber das sind Details, die ich nicht wissen WILL. Mit Danny hat Jet Li definitiv die Rolle seines Lebens abgegriffen und liefert gegen die Widerstände des Skripts eine Glanzleistung ab. Meine Fresse, kann der mit seinen schwarzen Knopfaugen was traurig aus der Wäsche gucken. Es gehört schon was dazu, damit ein 40jähriger Mann bei mir Mutterinstinkte auslöst. Ich wollte ihn glatt die ganze Zeit über auf den Arm nehmen, lieb haben und mit Pommes füttern…;o)
Unser Kleiner geht in seiner Hunderolle richtig auf und bringt die emotionale und soziale Verkrüppelung verdammt gut rüber. Wie ich mitbekommen habe, meinen einige, dass er einen geistig Behinderten spielt, aber dem ist nicht so. Dieser Danny war von Kindesbeinen an in einem Kellerloch eingekerkert und hat einfach nie Zuwendung erfahren oder die Chance bekommen etwas zu lernen; von seiner brutalen Dressur zum Totschläger mal abgesehen. Der Mensch ist nun mal wie jedes Lebewesen das Ergebnis dessen, was es erlernt hat. Jet Li muss sich eingehend mit dem Thema beschäftigt haben, denn seine Körpersprache und Mimik ist bestechend. Sein Verhalten in Gegenwart seines durch Hoskins prima comichaft überzogen dargestellten Peinigers ist fast katatonisch. Das Gesicht völlig ausdruckslos, der Kopf gesenkt und der Körper würde sich am liebsten selbst verschwinden lassen, um ja keine unnötige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, denn es könnte ja eine willkürliche Bestrafung folgen. Grossartig. Auch sein vorsichtiges Herantasten an das Leben mit Hilfe von Freemans Charakter ist gut und anrührend gelungen. Morgan Freeman hat durch seine entspannte und warmherzige Art die seltene Gabe seine Kollegen neben sich jedes Mal einfach glänzen zu lassen. Derzeit findet man im gesamten Business sicher keinen besseren Nebendarsteller.
Die Kampfszenen sind ebenfalls hervorragend. Mister Li kann schön old schoolig aus dem Vollen schöpfen und kombiniert absolut hochklassiges Wu Shu mit dreckigem Streetfight, dass einem die Spucke wegbleibt. Ich hasse diese unrealistischen Fights, die in den letzten Jahren leider so in Mode gekommen sind und auch im Hong Kong Kino gerne benutzt werden. Sobald einer aus dem Stand mit Doppelsalto und eingedrehtem Rittberger 10 Meter hoch springt oder sich zwei in einer Baumkrone beharken, schalte ich aus. Hier brauchte ich es gottlob nicht, denn die Kampfszenen sind zu 95% so realistisch choreographiert, dass man jeden Treffer nachvollziehen kann und sogar manchmal dank Phantomschmerz das Gesicht verzieht.
Im Ganzen gesehen haben wir es trotz der ganzen Pluspunkte leider ‚nur’ mit einem B-Movie zu tun, was allein auf Bessons Konto geht. Die Oberflächlichkeiten sind extrem ärgerlich, denn die Kampfszenen hätten eigentlich stark gekürzt werden müssen, um in der gewonnenen Zeit die Tiefe der Story auszuloten und den moralischen Aspekten mehr Raum zu geben. Und für die oftmals nicht vorhandene Logik sollte man Besson öffentlich auspeitschen: Seine Schlamperei kann man glatt als Vorsatz werten. Mit einem besser ausgearbeiteten Skript hätte Unleashed etwas ganz Grosses werden können und mir tut es für die stark engagierten Darsteller richtig leid, dass ich wegen diesem Schmierfink von 9 auf 7 runterwerten muss. Zumindest hat jetzt Jet Li einen dicken Stein bei mir im Brett und ich werde mir wohl freiwillig noch ein paar ältere Arbeiten von ihm zu Gemüte führen. 7/10