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„Universitäten sind für reiche Kinder und Leute mit Hirn – da passt du nicht hin!“

„Mrs. Lynch“ alias „Night Warning“ alias „Butcher, Baker, Nightmare Maker“ ist ein harscher Psycho-Thriller, im Jahre 1983 von US-Regisseur William Asher („Die Rückkehr der bezaubernden Jeannie“) inszeniert.

Die Eltern des kleinen Billy (Jimmy McNichol, „Highway Kids“) starben bei einem tragischen Autounfall. Tante Cheryl (Susan Tyrrell, „Die Nacht der Schreie“) nahm sich seiner an und zog ihn groß. Nun ist Billy ein pubertierender Jugendlicher, der sich neben Basketball auch für Mädchen interessiert und damit den Unmut seiner Tante auf sich zieht: Diese hat Angst, von Billy alleingelassen zu werden und möchte mit allen Mitteln verhindern, dass er flügge wird. Als sie in Billys Abwesenheit plötzlich ausgerechnet den schwulen Klempner zu verführen versucht und auf dessen Desinteresse kurzerhand mit einem Küchenmesser im Rücken des Gas-Wasser-Installateurs reagiert, erfindet sie eine Notwehr-Geschichte und bittet Billy, diese zu bezeugen. Doch so recht Glauben schenken will ihnen der homophobe Bulle Carlson (Bo Svenson, „Frankenstein“) jedoch nicht und während er in Cheryls und Billys Umfeld herumschnüffelt, lernt Billy seine Tante nach und nach erst wirklich kennen…

Im Prolog zeigt ein rasanter Auto-Stunt den Unfall, der den Fahrer mittels eines Baumstamms den Kopf kostet. 14 Jahre steigt man in die eigentliche Handlung ein; Billy ist mittlerweile 16 Jahre alt und erfreut sich bester Gesundheit. Dass Tante Cheryl ein Kondom in seiner Brieftasche findet, ist sowohl ein Hinweis auf Billys beginnende sexuelle Aktivitäten als auch auf darauf, dass Cheryl auf seine Privatsphäre eher wenig wert legt. Nach dem „Zwischenfall“ mit dem Klempner und der anschließenden Befragung durch Detective Carlson sieht man sie bei Kerzenschein mit einem Foto reden, was weitere Rückschlüsse auf ihren psychischen Zustand zulässt. Es kommt heraus, dass das Opfer homosexuell war und Billys Basketballtrainer (Steve Eastin, „The Hidden – Das unsagbar Böse“) es ebenfalls ist und anscheinend in der Vergangenheit eine Beziehung zu ihm unterhielt. Dies ist der Startschuss für eine Reihe schwulenfeindlicher Sprüche Cheryls, vor allem aber Carlsons, der sich als wahrer Kotzbrocken von einem Bullen herausstellt und sich auf einer vollkommen falschen Fährte befindet.

Die Point-of-View-Perspektive, die jemanden durch Billys Fenster lugen lässt, versinnbildlicht dessen noch ungeahnte Beobachtungssituation, in der er sich befindet, seit nicht nur Tante Cheryl ein verstärktes Augenmerk auf ihn richtet, sondern er auch zum Gegenstand der polizeilichen Ermittlungen wurde. Der Verlust jeglichen Privatlebens verdeutlicht sich, wenn seine Tante just ins Zimmer platzt, als seine Freundin (Julia Duffy, „Sador - Herrscher im Weltraum“) sich auszieht, um kurz darauf von Cheryl hinauskomplimentiert zu werden. Diese Momente nimmt Asher auch zum Anlass, nackte Haut zu zeigen und erlaubt einen Blick auf die Oberweite von Billys Freundin sowie auf Billys Rückenansicht. Die psychologischen Abgründe Cheryls treten immer stärker zum Vorschein: Mittlerweile wenig überraschend kommt heraus, dass die Bremsen des Unfallautos seinerzeit manipuliert worden waren – durch wen, ist nicht schwer zu erraten. Cheryl schreckt auch nicht mehr davor zurück, Billy ein Gift zu verabreichen, woraufhin er bei einem Basketball-Spiel zusammenbricht.

Die Zeit seines Komas nutzt Cheryl, um ihm ein Appartement auf dem Dachboden einzurichten, doch als er in alten Briefen zu stöbern beginnt, zieht er erneut ihren Unmut auf sich. Die Dame hat eine Menge zu verbergen. Der für einen Bullen in dieser Kleinstadt gar nicht so doofe Mitarbeiter Carlsons findet derweil heraus, dass Cheryls Ex-Freund Chuck eines Tages spurlos verschwunden ist, wird jedoch nicht ernstgenommen. Cheryl dreht immer mehr auf und läutet per Fleischhammer langsam aber sicher das Finale ein, denn mit diesem schlägt sie Billys Freundin k.o., während ihr Neffe in einer Schmuckschatulle wühlt. Die durchaus überraschende Wendung nehme ich nicht vorweg, jedenfalls spielt der bedauernswerte Chuck wieder bzw. immer noch eine Rolle und darf Tante Cheryl in bester Pamela-Voorhees-Manier die Machete schwingen – währenddessen das klischeehafte Unwetter in Form eines Gewitters ebenso wenig fehlt wie die eine oder andere dramatische Zeitlupe. Es kommt zu einem Kampf im Gartenteich und zu deftigen Notwehrhandlungen Billys. Sein Trainer ist ebenso vor Ort wie mittlerweile die Polizei um Carlson, die jedoch viel zu spät eintraf und sich noch immer aufführt wie die Axt im Walde – aber ihre gerechte Strafe bekommt. Eine Texttafel informiert schließlich darüber, wie es Billy nach dieser Horrornacht erging.

Fazit: William Ashers zweifelsohne exploitativer, dabei aber recht drastischer, weil brutaler und bisweilen blutiger Psycho-Thriller schlägt im Verlauf immer wieder zu den Polen Krimi mit bekanntem Täter, aber Frage nach dem Motiv auf der einen und Horror-Slasher auf der anderen Seite aus und macht dies derart geschickt, dass er stets interessant und spannend bleibt. Obwohl er aus heutiger Sicht bestimmt nicht hektisch erzählt wirkt, legt er ein recht hohes Tempo für die Entfaltung der Handlung an den Tag, so dass er zeitweise etwas sehr konstruiert erscheint. Das stört jedoch kaum angesichts des gelungenen Aufgreifens des ebenso beliebten wie dankbaren Motivs einer ganz besonderen Form der Mutterliebe und mit seiner Kritik an reaktionärer Staatsmacht im Allgemeinen und Homophobie im Speziellen sowie seinem absolut kompromisslosen, erfreulich konsequenten, kathartischen Ende kann er durchaus als Metapher auf einen pubertären Befreiungsschlag gegen erdrückende Autoritäten interpretiert werden. Ihren Teil zum Gelingen tragen die Schauspieler bei, die besonders in den extremeren Rollen (allen voran Susan Tyrrell) in Richtung Overacting tendieren, dabei jedoch stets im Genre-Rahmen bleiben. Ein empfehlenswerter Film, der es auch ohne Whodunit? versteht, gezielt mit kleineren oder größeren Überraschungen zu arbeiten, im Finale genüsslich ein großes Fass aufmacht und seinen Inhalt über den Zuschauer ergießt.

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