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Dr. Henry Pride (Bernie Casey, Boxcar Bertha) ist ein ambitionierter Wissenschaftler, der besessen an einem Serum zur Heilung einer tückischen Leberkrankheit arbeitet. Grund für seine Obsession ist ein traumatisches Erlebnis in seiner Kindheit. Seine schwer leberkranke Mutter, die sich ihren Lebensunterhalt als Putzfrau in einem Bordell verdiente, starb nämlich eines Tages vor seinen Augen, ohne daß Henry ihr helfen konnte. Da die Prostituierten jeglichen Respekt vor der Verblichenen vermissen ließen, hegt der Arzt seitdem einen tiefen Groll gegen diese Berufsgruppe. Die große Ausnahme ist die ebenfalls im horizontalen Gewerbe arbeitende Linda Monte (Marie O'Henry, Human Experiments), die an einem Leberschaden leidet und vom Doktor im Watts-Krankenhaus, in dem er gemeinnützig tätig ist, behandelt wird. Zwar macht Henry Fortschritte bei der Entwicklung des Serums, doch ohne menschliche Versuchskaninchen kann er die Wirkung nicht testen. Und so spritzt er, obwohl seine Kollegin Dr. Billie Worth (Rosalind Cash, The Omega Man) strikt dagegen ist, das Serum heimlich einer alten, im Sterben liegenden Frau, die nach einem letzten, äußerst aggressiven Aufbäumen das Zeitliche segnet. Trotz dieses Rückschlags läßt sich der Arzt, der alles daransetzt, auch Linda für seine dubiosen Zwecke zu gewinnen, zu einem Selbstversuch hinreißen, mit fatalen Konsequenzen. Er verwandelt sich in den grobschlächtigen Mr. Hyde, der nachts durch die Straßen streift und seinem Haß auf Nutten freien Lauf läßt.

Nachdem mit Blacula (1972), Scream Blacula Scream (1973), Blackenstein (1973) und Abby (1974) bereits einige klassische Horrorstoffe erfolgreich für ein schwarzes Publikum neu aufbereitet wurden, wagte sich Blacula-Regisseur William Crain nun mit ebendieser Absicht an Robert Louis Stevensons weltberühmte Erzählung Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde) aus dem Jahre 1886. Ein Glanzstück ist ihm mit diesem Streifen jedoch leider nicht gelungen; eher ist das Gegenteil der Fall. Trotz diverser durchaus netter Blaxploitation-Elemente plätschert das Geschehen weitgehend so öde wie träge dahin und schafft es zu keiner Zeit, das Interesse des Zuschauers zu entfachen. Es gibt jede Menge uninteressanten Leerlauf, das Szenario entfaltet sich so überraschungsarm wie spannungslos, Crains humorbefreiter Inszenierung mangelt es an Dynamik und Esprit, und zu allem Überdruß ist die Figurencharakterisierung auch noch dermaßen erbärmlich geraten, daß die der Geschichte innewohnende Tragik wirkungslos verpufft. Anstatt etwas für den getriebenen Wissenschaftler zu empfinden, hat man bestenfalls ein müdes Gähnen für ihn übrig, schlimmstenfalls nimmt man sein Gebaren als unfreiwillig komisch wahr. Dazu trägt in nicht geringem Maße sein Erscheinungsbild bei. Die ungesunde, gräuliche Hautfarbe, die nicht wirklich schicke Frisur, seine primitive Fresse... da hilft es auch nichts mehr, daß er bärenstark ist und seine Opfer mit spielerischer Leichtigkeit durch die Luft wirbelt.

Im Gegensatz etwa zu Blacula, welcher der bekannten Geschichte einige neue Facetten abgewinnen konnte, wirkt Dr. Black, Mr. Hyde über weite Strecken erschreckend lust- und einfallslos. Zwar gibt es die eine oder andere Szene, die recht ansprechend umgesetzt wurde, aber der Großteil des Filmes ist eher lahm und lasch. Auch vermißt man meist die coole Blaxploitation-Stimmung, was seltsam ist, da der Streifen vieles von dem beinhaltet, was quasi zur Standardausrüstung dieser Filmgattung gehört. Wahrscheinlich ist er einfach zu schwach und lahmarschig inszeniert, als daß entsprechende Laune aufkommen könnte. In der besten Szene des Filmes killt Mr. Hyde eine Bordsteinschwalbe und deren Zuhälter. Erstere, indem er sie auf den Boden wirft und mit seinem Schlitten überrollt, letzteren, indem er ihn mittels Wagen gegen die Hauswand quetscht. Das sind übrigens auch die härtesten Momente von Dr. Black, Mr. Hyde, wobei es selbst hier nichts wirklich Blutiges zu sehen gibt. Die deftigen Gewaltspitzen diverser Blaxploitation-Klassiker fehlen hier jedenfalls völlig. Zum Ende hin wird aus heiterem Himmel noch King Kong zitiert, und spätestens da fragt man sich, welcher Teufel die Herren Lawrence Woolner (Idee), Larry LeBron (Drehbuch) und Crain (Regie) geritten haben mag.

Nicht, daß man es irgendwie vermuten würde, aber hinter der Kamera waren zwei (zukünftige) Größen ihres Fachs tätig. Die bestenfalls zweckmäßige Bildgestaltung geht auf das Konto von Tak Fujimoto (The Silence of the Lambs), und für das schräge Hyde-Make-Up ("A cross between the Abominable Snowman and Willy the Werewolf", wie es ein Polizist so schön umschreibt) zeichnet der legendäre FX-Magier Stan Winston (1946 – 2008) verantwortlich. Daß man aus der netten Prämisse mit ihrem nur schwer zu übersehenden sozialkritischen Unterton (ein schwarzer, freundlicher Arzt verwandelt sich in ein abscheuliches, weißes Ungeheuer, das sich seine Opfer bevorzugt unter den schwarzen Bewohnern des Watts-Viertels sucht) nicht mehr herausgeholt hat, ist verschmerzbar. Unverzeihlich ist es jedoch, daß Crain seinen Film so dermaßen lustlos und dröge heruntergekurbelt hat, daß dabei sogar der Unterhaltungswert weitgehend auf der Strecke bleibt. Unterm Strich ist diese Blaxploitation-Variante des klassischen Jekyll/Hyde-Stoffes somit eine ziemlich enttäuschende und überaus zähe Angelegenheit, welche nur für beinharte Komplettisten einen Blick wert sein dürfte.

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