Review

Staffel 2.2

- Vorsicht Spoiler -

In der zweiten Staffel des Quoten-Hits ereignet sich eine ganze Menge und viele Handlungsstränge werden auf die Spitze getrieben, einige unbeantwortete Fragen einfach für längere Zeiträume völlig außer Acht gelassen. Doch auch in den Episoden 13 bis 24 bleibt keine Zeit für Ruhepausen, im Gegenteil: Das Tempo wird noch entscheidend erhöht, die Handlungsstränge werden immer komplexer und der Grundton färbt sich auch düsterer, für ironische Zwischentöne ist nur noch wenig Platz. Dafür gibt es, wie schon am Anfang der zweiten Staffel, zum Ende hin eine regelrechte Tragödie, wieder sterben Mitglieder der Gruppe.

Nach fast fünfzig Episoden sind die Charaktere mittlerweile intensiv gezeichnet und alle Darsteller fusionieren zusehends mit ihren Figuren. Da von jedem der Protagonisten nun ein relativ deutliches Bild gezeichnet wurde hat auch der Zuschauer mehr Möglichkeiten zur Identifizierung. Und egal wie unsympathisch die Charaktere in manchen Situationen auch handeln, stets bleibt ihr denken nachvollziehbar und emotional sind ihre Entscheidungen immer glaubwürdig. Großes Lob an das perfekt aufeinander abgestimmte Ensemble und die hochbegabten Schreiberlinge, welche jedem einen ansprechenden Hintergrund verpassen und es schaffen sämtliche Handlungsstränge der einzelnen Personen attraktiv wirken zu lassen. Immer noch kommt keine Langweile auf, mit welchem Charakter sich auch die jeweilige Episode auch gerade beschäftigt.

Hauptcharakter Jack verkommt trotz seiner sozialen und ehrenwerten Art nicht zum typischen Saubermann, auch seine Figur offenbart Ecken und Kanten, reift in der zweiten Staffel enorm. Oftmals vertritt er einen humanistischen, linksgerichteten Standpunkt, der das Gegenteil darstellt zur kapitalistischen Meinung Sawyers, welcher das Recht des Stärkeren und Cleveren darstellt.

Sawyers Charakter ist ein Anti-Held, ein zutiefst gebrochener Mann, der viel Schlechtes getan hat und Schuld mit sich trägt. Ehemals ein professioneller Betrüger, wurde auch er in seiner Vergangenheit Opfer von Vertrauensbrüchen. Sein Leben hat ihn zynisch und abweisend gegenüber anderen Menschen gemacht, mit seinem trockenen Sarkasmus und einer aufrechten Art gewinnt er aber schnell die Sympathie der Zuschauer. Mein persönlicher Favorit.

Ebenso ist Kate ein Publikumsliebling, ebenfalls mit einer kriminellen Vergangenheit. Zunächst war Kate als Hauptcharakter geplant und dieses Potenzial sticht auch überdeutlich in vielen Episoden hervor, so wird die schöne und selbstbewusste Frau ziemlich stark gezeichnet und bekommt auch viel Screentime ab.

Weiterer Hauptakteur ist John Locke, der einerseits die wohl bitterste Vorgeschichte abbekommen hat, andererseits auch eine der wichtigsten Figuren ist. Seine magisch geheilte Querschnittslähmung, seine philosophische Bildung und sein Vertrauen ins Schicksal erklären ihn zu einem Glaubens-Menschen. Da „Lost“ auch diverse religiöse Allegorien bereithält, spielt Locke auch oft eine wichtige Rolle für den Ablauf der Handlung.

Michael entwickelt sich in der zweiten Staffel zu einem der wichtigsten Protagonisten und ermordet in seiner grenzenlosen Verzweiflung sogar Mitglieder der eigenen Gruppe. Konzeptionell weicht man in der Episode „Drei Minuten“ ein wenig ab: So werden zwar Rückblicke gezeigt, doch nicht aus Michaels früherer Vergangenheit sondern gezeigt wird seine Zeit bei den mysteriösen „Anderen“.

Charlie hat seine Heroinsucht wohl endgültig überwunden und schafft es sogar Claires Vertrauen zu ihm wieder aufzubauen. Diese ist in Sorge um ihr Baby, da immer wieder Anzeichen für eine nicht näher benannte Krankheit auf der Insel auftauchen und die „Anderen“ schließlich eine merkwürdige Vorliebe für das Entführen von Kindern zu haben scheinen.

Sayid mausert sich auch in die Reihe der Hauptfiguren, nachdem er schon in der ersten Staffel starke Präsenz hatte, so wird sein ambivalenter Charakter vor allem in der Episode „Einer von Ihnen“ beeindruckend erweitert und bleibt trotz seiner Tätigkeit als Folterer sympathisch und durch seine ausgeprägte Menschenkenntnis wirken selbst die drastischen Methoden, die er in Krisensituationen anwendet, angemessen. Dasselbe gilt übrigens für John Locke.

Auch die restlichen wichtigen Figuren werden schön gleichmäßig weiter heraus gearbeitet und sind für viele Überraschungen und spannende Subplots gut, seien es das koreanische Ehepaar Jin und Sun die auf wundersame Weise ein Kind erwarten (Jin ist eigentlich zeugungsunfähig und Sun hat ihn nicht betrogen) oder das ältere Paar Rose und Bernard, denen auch eine wunderbare, leise Folge gewidmet ist („S.O.S.“) in der sich die Serie mal eine kleine Auszeit nimmt und sich mehr der Liebe und der Wärme widmet. Von den restlichen Überlebenden die am Anfang der Staffel dazu gestoßen sind überleben am Ende nur zwei, Mr. Eko und der warmherzige Bernard.



Höhepunkt der gesamten Staffel ist die Episode „Dave“ – hier verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Einbildung meisterhaft und das Ende wartet mit einem wahrhaft atemberaubenden Twist auf, der verstörend und düster ausgefallen ist, außerdem komplett aus dem Rahmen der Serie fällt und ganz neue Perspektiven eröffnet. Nebenbei wird der sympathische Hugo, genannt Hurley, um mehrere Facetten erweitert und wird mehr und mehr zum heimlichen Nukleus von „Lost“.

Auffällig ist, dass sich die Überschneidungen der individuellen Vorgeschichten der Protagonisten stark häufen und an allen Ecken und Enden Verknüpfungen entstehen. Noch gelingt dem Autorenteam die Konstruktion der Story perfekt, ein spannender Cliffhanger jagt den Nächsten und dem Zuschauer wird ein wahres Füllhorn an kreativen Wendungen präsentiert. Eine pure wissenschaftliche Auflösung schließt sich immer mehr aus, da die Schicksale der Figuren derartig eng miteinander verbunden sind und die magische Kraft der Insel weiter untermauert wird (z.B. in „S.O.S.“).

Außer der technisch überragenden Realisation und den fantastischen Schauspielern macht vor allem die Doppelbödigkeit „Lost“ zu etwas besonderem, nur wenige Serien schaffen es außer Spannung zu erzeugen auch gleichzeitig den Zuschauer nachhaltig zu beschäftigen und intellektuell in gewissem Grad zu fordern. Wie weit man sich auf die Symbolismen und das allgemeine Rätselraten einlässt, bleibt dabei jedem Zuschauer selbst überlassen und wird nicht aufgedrängt. Psychologisch und soziologisch wirken die Situationen jedenfalls glaubwürdig und gut durchdacht, können aber auch durch den reinen Effekt unterhalten.

Das Staffelfinale „Zusammen leben – Alleine sterben“ wartet zwar nicht wie in der ersten Season mit einem knalligen Doppelcliffhanger auf, überzeugt aber durch brillante Inszenierung und leichtfüßige Verbindung verschiedener Storylines. Viele Fragen bleiben unbeantwortet und die Spannungskurve befindet sich trotz einiger Auflösungen auf einem weiteren Höhepunkt. Man darf gespannt sein auf Season 3…

Fazit: Das Eis wird dünner, so langsam zeichnet sich ab inwieweit die Serie den hohen Erwartungen gerecht werden kann. Noch gibt es nichts zu beanstanden, doch um die hier begonnenen Überlappungen und Twists noch zu steigern, beziehungsweise in einen logischen Einklang zu bringen wird schwer werden und setzt die Meßlatte für die dritte Staffel ungemein hoch. Hoffentlich bricht sich „Lost“ nicht aus eigenem Verschulden heraus das Genick…

09 / 10

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