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Hans Bachinger hat sich lange in der Fremde, fern seines Heimatdorfes, herumgeschlagen und sich in der Stadt mit Gelegenheitsjobs, unzähligen Frauenbekanntschaften und einem Hund, der zu seinem treuen Gefährten avancierte, die Zeit vertrieben. Nun, zwei Jahre später, kehrt er in den beschaulichen Ort in den Bergen zurück, wo sein Vater, ein Trunkenbold, der schon mehrmals wegen Wilderei verurteilt wurde, ein Sägewerk unterhält, das allmählich dem Konkurs entgegensteuert. Zunächst beabsichtigt Hans nur ein paar Tage zu bleiben, doch dann trifft er ein Mädchen wieder, für das er sich schon vor seiner Abreise interessierte: Inge, die inzwischen Dorfschullehrerinnen geworden ist. Auf Inge hat jedoch auch der Förster Thomas ein Auge geworfen und ihrer älteren Schwester Helga, die nach dem Tod ihrer Eltern zu ihrem Vormund wurde, wäre diese Verbindung wesentlich lieber als die zu Hans, der im ganzen Dorf als Tunichtgut und Frauenheld verschrien ist. Inge allerdings schlägt alle Warnungen in den Wind und erliegt Hans Werbungen, nicht wissend, dass er mittlerweile in die Fußstapfen seines Vaters tritt und sich ebenso als Wilderer betätigt… 

HEIMATLAND stammt aus der goldenen Zeit des deutschen und österreichischen Heimatfilms, als der Großteil der Kinobesucher, noch unter dem Eindruck der Schrecken des Zweiten Weltkriegs und seiner Folgen, in die Lichtspieltheater strömten, um ihren Alltag zu vergessen, statt Städten, in die sich die Narben des Kriegs einbrannten, unberührte Landschaften zu sehen zu bekommen, ihren Patriotismus und ihr Nationalbewusstsein in unschuldigerer Weise ausleben zu können, und von harmlosen Geschichten, in denen eine heile Welt heraufbeschworen wird, unterhalten zu werden. Dennoch handelt es sich bei dem Film um einen relativ ungewöhnlichen Eintrag in das Genre, aber leider nicht in positiver Hinsicht. Rein optisch unterscheidet er sich freilich gar nicht von allen andern Heimatfilmen jener Tage. Seine Bilder erinnern an biedere Naturgemälde des neunzehnten Jahrhunderts und sind stellenweise wirklich wunderschön, strahlen einen nostalgischen Flair aus, der mir außerordentlich gut gefällt. Erstaunlich finde ich, dass die klassischen Heimatfilme es schaffen, zwar eindrucksvolle Aufnahmen von Wäldern, Bergen und Tieren zu zeigen, ohne jedoch auch nur ein bisschen Poesie aufzubringen. Die Wälder sind eben nur Wälder und es steckt nichts in ihnen, was mehr aus ihnen machen würde.   

Verwirrend fand ich, dass HEIMATLAND über keinen einheitlichen Rhythmus, über keine nachvollziehbare Struktur verfügt. Alles beginnt zunächst mal wie ein possierlicher Tierfilm. Die erste Viertelstunde wird eigentlich nur gezeigt wie Hans Bachinger und sein treuer Hund Krambambuli (kein Scherz: nach einem Schnaps wird das Tier tatsächlich auf diesen Namen getauft) sich kennen lernen. Minutenlang erforscht der Welpe, nachdem Hans ihn vor dem Ertrinken rettete, seine Umgebung, trifft andere Tiere wie Zicklein und Kätzchen, stellt allerhand Schabernack an und wird schließlich zum ständigen Gefährten des jungen Mannes. Umso erstaunlicher, dass der Hund im restlichen Film die Hauptperson zwar wie ein Schatten begleitet, jedoch keine nennenswerte Funktion innerhalb der Dramaturgie erfüllt, außer die, dass es sich bei ihm um ein Spiegelbild des Hans Bachingers handelt. Als dieser zum Wilderer wird, erbeutet auch Krambambuli immer häufiger Wildkaninchen und schleppt sie zu seinem Herrchen. Und wie Hans ist auch der Hund der Bekanntschaft von einigen Hündinnen nicht abgeneigt. Auch nachdem Hans endlich in seinem Heimatdorf angelangt ist, tritt der Film häufig auf der Stelle und einige Szenen wirken schlicht wie Füllmaterial, um die eher dürftige Geschichte auf normale Spielfilmlänge zu bringen, beispielsweise ein schier endloser Ausflug des Jägers mit einer Schulklasse in die Berge, der nun rein gar nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun hat. Umso überraschender dann die letzten zwanzig Minuten, in denen mehr passiert als in allen zuvor. Der Jäger Thomas, der gemeinsam mit Hans um Inge buhlt, kann ihn der Wilderei überführen. Hans wiederum lässt sich auf eine Schlägerei auf einem Dorffest ein und tötet versehentlich einen Widersacher. Schließlich wird er zu drei Jahren Zuchthaus verurteilt, kann fliehen, kehrt in sein Dorf zurück, um festzustellen, dass Thomas und Inge inzwischen ein glückliches Paar sind und auch seinen Krambambuli adoptierten, und alles läuft auf einen Schusswaffen-Showdown der beiden Kontrahenten im Gebirge hinaus. Das alles ist recht flott inszeniert und steht im exakten Gegensatz zu der langatmigen Erzählweise, die der Film vorher anschlug.  

Die Musik ist ordentlich schaurig, vor allem das Titelstück „Heimatland“, das, von einem Kinderchor gesungen, bei jeder sich bietenden Gelegenheit von der Tonspur schallt. Wirklich peinliche Szenen finden sich wenige, darunter die Schlägerei auf dem Dorffest und sämtliche Einblicke ins Klassenzimmer. Es wirkt schlicht albern, wenn alles, was die Lehrerin Inge ihren Schülern beizubringen scheint, das Singen dieses scheußlichen Heimatland-Lieds ist, und tut außerdem in den Ohren weh. Positiv anzumerken ist, dass es keine ausufernden Klamaukeskapaden gibt. Was an Humor eingebracht wird, bleibt relativ dezent und zurückhaltend. 

Die Kernaussage des Werks kann Subtilität und Dezenz nicht für sich beanspruchen. Es hat mich schon verwundert, dass der Hauptprotagonist von HEIMATLAND alles andere als ein Sympathieträger ist. Von Beginn an ist Hans Bachinger jemand, der gerne in fremden Betten schläft, ein unstetes Leben führt und seiner Heimat nicht allzu sehr verbunden. Er bleibt einzig und allein in seinem Heimatort, um Inge zu becircen. Die scheint er zwar ernsthaft zu lieben und spricht ihr gegenüber davon, dass er sich geändert habe und nicht mehr der Draufgänger von früher sei, doch dafür macht er sich anderer Verbrechen schuldig. Vor allem die Tatsache, dass er heimlich zu wildern beginnt, lässt ihn endgültig zum Antagonisten werden, auch deshalb, weil der Film zu keiner Sekunde offenlegt, weshalb er eigentlich zum Wilderer wird, und es daher so aussieht, als sei es für ihn nur ein weiterer Zeitvertreib. Zudem hat er noch ein Mädchen in der Stadt, von dem er sich nicht offiziell trennte, und das ihm weiterhin Liebesbriefe schreibt, obwohl er längst um Inges Hand angehalten hat. Hans Bachinger wird also so negativ wie möglich geschildert und verliert immer mehr den Status als Held des Films, den dann der Jäger Thomas einnimmt, vorher nur eine Nebenfigur. Das Dorf des Films ist ein hermetisch verschlossener Raum, dem alles Fremde, das eindringt, nur Schaden bringt. Hans, so scheint es, zieht alle Laster der Stadt mit sich. Die Dorfbewohner sind vollkommen im Recht, wenn sie ihm nicht freundlich gesinnt sind und sich wünschen, er wäre gar nicht erst zurückgekehrt. Heimat ist etwas, das man schützen muss, im Besonderen vor äußeren Einflüssen. Hier und in seinem schalen Happy-End offenbart HEIMATLAND sich dann als ziemlich rückwärtsgewandtes Werk, das mich an einige ähnlich gelagerte Filme der Nazizeit erinnert. Hier wie dort wird die Botschaft in eine auf den ersten Blick harmlose und unterhaltsame Geschichte eingebettet, und sich Mittel bedient, die den Zuschauer unbewusst manipulieren und von der Richtigkeit der getroffenen Aussage überzeugen sollen. Für mich ist es erschreckenderweise gar kein weiter Weg, der Werke wie Veit Harlans GOLDENE STADT mit einem Film wie HEIMATLAND verbindet. Ein unheimlicher Film.

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