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Für die Reichen und Schönen ist L.A. die Stadt der Engel, doch unter dem Zuckerguss der Oberfläche schlummert ein dreckiger Moloch, in dem Elend, Armut und Gewalt das Leben der gescheiterten Existenzen prägen. Genau dieses Leid ist das Kapital des freischaffenden Kameramannes Eric Hayes, der immer dann auftaucht, wenn die Polizei zu einem neuen Einsatzort gerufen wird. Dabei ist es dem skrupellosen Einzelgänger egal, ob nun ein eifersüchtiger Ehemann seine Frau direkt vor der Kamera bestialisch ersticht oder ob Kinder in brennenden Wohnungen sterben: Für Eric bedeuten diese Bilder sein täglich Brot, denn die lokalen Fernsehsender reißen sich um derartige Aufnahmen - je schockierender, desto besser. Eines Nachts wird der abgebrühte Sensationsjournalist Zeuge, wie drei junge Männer eine wehrlose Frau in eine dunkle Seitengasse zerren und sie vor seinen Augen regelrecht in Stücke reißen und anschließend fressen. Unglücklicherweise fehlte seiner Kamera in dieser Nacht das Aufnahmeband, weshalb niemand bereit ist, Eric diese Story abzukaufen. Gemeinsam mit seinem Kumpel Clift beschließt der in Zugzwang geratene Reporter daraufhin, den kannibalistischen Ghouls selbst auf die Schliche zu kommen und bringt sich damit in höchste Lebensgefahr...


Es steht vermutlich außer Frage, dass der typische Horrorfan mit recht klaren Erwartungen an einen Film mit dem klangvollen Titel The Ghouls - Cannibal Dead herantreten wird. Diese dürften sich dann auch nicht gerade durch die Tatsache verringern, dass jener Film in seiner deutschen Auswertung um ganze 7 Minuten erleichtert werden musste, um überhaupt das begehrte FSK 18 Siegel zu erhalten. Tatsächlich schreit diese amerikanische Independent-Produktion aus dem Jahr 2003 ihren Status als offensichtliche Splattergranate nur so heraus, führt sein Zielpublikum damit jedoch auf eine gänzlich falsche Fährte. So verweigert sich der aus dem Troma-Umfeld stammende Regisseur Chad Ferrin in seiner zweiten Arbeit kurzerhand jedweden genrespezifischen Zuordnungen und liefert statt dem erwarteten Kannibalen-Splatter ein beinahe anspruchsvolles Portrait einer sich durch Egoismus und Herzlosigkeit selbst zu Grabe tragenden Gesellschaft, der mit dem trinkenden und kettenrauchenden Sensationsreporter Eric Hayes ein Gesicht und mit der im Dreck versinkenden Metropole L.A. eine formidable Kulisse verliehen wird. Somit ist The Ghouls - Cannibal Dead auf jeden Fall eine Vielzahl interessanter Ansätze zuzusprechen, die aber aufgrund eines sehr geringen Budgets und einer nicht gänzlich überzeugenden Umsetzung letztendlich nur erahnen lassen, was aus diesem Film unter besseren Umständen hätte werden können.

Wie sehr dieses Projekt seinem Regisseur, Produzenten und Drehbuchautoren Chad Ferrin dennoch am Herzen lag, lässt sich bereits durch die Tatsache erahnen, dass der ambitionierte Filmemacher seinen 19681/2 Ford Mustang verkaufte, um das nötige Budget für die Inszenierung aufbringen zu können. Mit 10.000 $ Produktionskosten darf The Ghouls - Cannibal Dead wohl zurecht als Low-Budget Produktion angesehen werden, was dem Werk leider insbesondere auf visueller Ebene durchgehend anzusehen ist. Mit einer handelsüblichen Videokamera gefilmt, werden einem die bescheidenen Produktionsstandards dieses Films zu jedem Zeitpunkt nicht gerade wohltuend vor Augen geführt, so dass ein Publikum, welches sich ansonsten eher selten an C-Movies verirrt, hier auf eine harte Probe gestellt werden wird. Ist man jedoch in der Lage, sich auf die billig anmutende Optik einzulassen, so wird einem schnell die damit einhergehende Authentizität auffallen, die das Gezeigte bisweilen beinahe wie eine Reality-Documentary erscheinen lässt. Wir folgen dem gescheiterten Wrack Eric Hayes auf seinen Streifzügen an den Rand menschlicher Moral und bekommen von The Ghouls - Cannibal Dead ein durchgehend pessimistisches Bild der heutigen Gesellschaft vermittelt, in der die Quote über allen ethischen Werten zu stehen scheint. Dieser Film geht demnach einen Schritt weiter als viele andere Vertreter seiner Zunft, denn anstatt die Handlung zum bloßen Alibi für minutenlange Gore-Orgien verkommen zu lassen, hat der Zuschauer hier tatsächlich das Gefühl, dass der Handlung eine Daseinsberechtigung zuteil wird. Unglücklicherweise wurde Chad Ferrin seinem eigenen Anspruch dabei jedoch nur zu Teilen gerecht, denn während zu Beginn noch Wert auf den Hauptcharakter gelegt wird und der Zuschauer mittels albtraumhafter Flashbacks einen Einblick in dessen zerrüttete Psyche erhält, so verkommt The Ghouls - Cannibal Dead in seiner zweiten Hälfte dann doch genau zu dem belanglosen Gore-Reißer, der er im Grunde gar nicht sein wollte.

Somit funktioniert die Independent-Produktion als unterschwellige Gesellschaftskritik bedeutend besser denn als blutgetränkte Horrorstory. Zum Einen fehlt es dem Streifen nicht nur markant an Spannung, auch geht von den Ghouls, die hier für die Zerlegung und Verspeisung einiger Opfer zuständig sind, keinerlei unheilvolle Bedrohung aus. Im Gegenteil, die weiß geschminkten Laiendarsteller in gewöhnlicher Alltagskleidung wirken als im Untergrund lebende Kannibalen geradezu lächerlich und lassen einmal mehr ein richtiges Budget vermissen, mit dem in diesem Fall sicherlich wesentlich mehr machbar gewesen wäre. Wenn es dann allerdings ans Eingemachte geht, dann hält sich The Ghouls - Cannibal Dead in Sachen Zeigefreudigkeit keinesfalls zurück und präsentiert unter anderem gehäutete oder ausgeweidete Opfer, ohne dadurch aber eine nennenswert harte oder splatterfilmtaugliche Atmosphäre entstehen lassen zu können. Ob es nun auf die durchgehend billige Optik oder die im besten Fall durchschnittlichen Effekte zurückzuführen ist, Fakt ist, dass die hiesige Zensur einmal mehr absolut unverständlich wirkt, denn eine verstörende Wirkung weiß die hier gezeigte Brutalität keineswegs zu entfalten. Da sich Grusel- und Schauermomente ebenfalls mit der Lupe suchen lassen müssen, wird dieses Werk seinem Status als Horrorfilm insgesamt kaum gerecht. Die schauspielerischen Leistungen hingegen sind für eine derartige Produktion überraschend annehmbar ausgefallen. Gerade Timothy Muskatell überzeugt als heruntergekommener Kameramann, dem für eine gute Story schon längst nichts mehr heilig ist und der sich nur noch mit einem maßlosen Konsum von Alkohol und Zigaretten durch den Tag bringt. Ein großer Teil des weiteren Casts ist, genau wie der Regisseur, regelmäßig in Produktionen der kultigen Trash-Schmiede Troma zu sehen, so hat hier beispielsweise kein geringer als James Gunn ein kurzes Cameo, der sich bereits mit dem kurzweiligen Ekel-Trash Slither einen Namen in der Horrorszene machen konnte.

Insgesamt ist The Ghouls - Cannibal Dead ein Film, der mit einem interessanten Grundgedanken daherkommt und seinen moralischen Zeigefinger auch ansatzweise sichtbar zu erheben weiß, den angestrebten Blick in menschliche Abgründe und die Kehrseite der heutigen Gesellschaft aber nur angedeutet lässt. Mit einem größeren Budget hätte Chad Ferrin hiermit ein provokantes und intelligentes Werk gelingen können, doch so bleibt es letztendlich nur bei einem gut gemeinten Versuch, der zudem als Horrorfilm leider auf der ganzen Ebene versagt. Solide Storyansätze treffen auf einen vollends in den Sand gesetzten Spannungsbogen, peinlich geschminkte Kannibalen und eine Billig-Optik, welche wohl nur von sehr nachsichtigen B-Movie-Veteranen toleriert werden wird. Somit führt The Ghouls - Cannibal Dead sein Publikum letztendlich einmal mehr zu der Erkenntnis, dass auch ein nobler Grundgedanke nichts mehr herumreißen kann, wenn die Umsetzung aufgrund fehlenden Budgets leider als komplett misslungen anzusehen ist.


The Ghouls
USA 2003, 75 Min. (*geschnittene Fassung)
Freigabe: Keine Jugendfreigabe
Regie: Chad Ferrin

Darsteller: Timothy Muskatell, Tina Birchfield, James Gunn, Stephen Blackehart, Marina Blumenthal, Carlo Corazon, Gil Espinoza, Ernest M. Garcia, Trent Haaga, Joseph Pilato, Casey Powell, Tiffany Shepis

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