Um mal mit einer Quizfrage zu starten: Was würde eine Katze tun, wenn sie ein Pferd wäre? (Auflösung unten...)
Als ich Stromberg das erste Mal sah - zu meiner Schande muß ich gestehn, dass mir zu diesem Zeitpunkt weder Christoph Maria Herbst ein Begriff war, noch hatte ich von der Serie je zuvor etwas gehört - war ich eigentlich schon am Einpennen. Zapp, zapp, irgendwas Stinklangweiliges mußte her. Schlipsträger beim Smalltalk? Bingo! Genau richtig, um friedlich weg zu schlummern. Dachte ich ...
Bis, ja bis ich mich plötzlich senkrecht im Bett sitzend wiederfand! Hatte dieser Büromensch da eben wirklich von sich gegeben, was mir meine Ohren im Halbschlaf vorgaukelten?! Behinderte seien praktisch auch Menschen? Und all die anderen Randgruppen, Schwule, Frauen, alles supi so weit, solange es nur menschlich stimmt?! Näää, das hat der doch nicht gesagt! Im Leben nicht. Oder doch? Konnte doch kein Zufall sein, dass meine Finger plötzlich Richtung Lautstärkeregler wanderten. Was mir in der Folge widerfuhr, kann man mit Worten nur unzureichend beschreiben. Was auch immer es war, mein Zwerchfell erinnert sich daran, als wäre es gestern gewesen!
Kommen wir zu besagtem Krawattenträger. Bernd Stromberg heißt er. Sieht aus wie 'ne Mischung aus Heinz Rennhack, Rumpelstilzchen, Al Bundy und 'nem Schulkameraden aus längst vergangener Zeit, an den ich mich bis zum heutigen Tage nur äußerst ungern erinnere. Wer oder was dieser Stromberg ist? Lassen wir ihn bei dieser Gelegenheit doch am besten selbst zu Worte kommen. Famlienstand: "Ledig ... also Single ... bzw. verheiratet ... aber momentan nicht ... also geschieden ... bald ... ." Hehe, so viel dazu!
Was er sonst noch ist? Ressortleiter ist er, jawoll. Und zwar bei der Capitol-Versicherung, zuständig für den Bereich Schadensregulierung, Buchstabe A bis L ... ääähh ... freudscher Verschreiber: M bis Z natürlich! Mit den "Vollverlierern" aus der Abteilung A bis L hat Stromberg nun wirklich nichts am Hut! Mit Türke Turculu, Chef besagter Vollverlierer, schon gar nicht! Doch Stromberg ist nicht einfach nur ein Ressortleiter, weit gefehlt! Kompetent in jeder Beziehung ist er nämlich obendrein, führungsstark sowieso, außerdem immer fair und zuvorkommend gegenüber seinen Untergebenen. Kurz: der geborene Chef! Kein Mensch sieht das so, nicht einer. Doch wen kümmert schon, was ein Haufen "Diplomübelnehmer" über Stromberg denkt! Das Leben ist kein Wunschkonzert und den Vorgesetzten kann man sich nun mal nicht aussuchen! Schließlich würde er, der Stromberg, auch lieber in der Sonne liegen... oder auf 'ner prallen 17jährigen!
Aufgemacht ist das Ganze als (Pseudo-)Reportage. Stromberg & Co. interagieren mit der Kamera, die sie in ihrem Alltag begleitet. Da Herbst fast allen die Show stiehlt, tritt der Rest der Darstellerriege - von Ernie mal abgesehen - naturgemäß etwas in den Hintergrund. Ändert aber nichts daran, dass die gesamte Mannschaft durch die Bank authentisch und professionell agiert - gilt auch für die meisten Gastdarsteller.
Bjarne I. Mädel spielt den geborenen Verlierer Berthold "Ernie" Heisterkamp, dem Samariter Stromberg am liebsten 'ne Stunde im Puff spendieren würde, "damit das Elend mal aufhört, da untenrum". Lars Gärtner ist Becker, der neue Chef, von dem sich Stromberg, der sich ohnehin für den besseren Chef hält, wie "Karl Arsch bei der Musterung" behandelt fühlt. Vorher tötete ihm Chefin (und Turculu-Sympathisantin) Tatjana Berkel - von Stromberg "Tuberkel" genannt - den Nerv. Oliver "Deisler" Wnuk (ich kann mir nicht helfen, der sieht für mich aus wie der Zwillingsbruder von Sebastian Deisler) mimt Ulf Steinke, der mit Kollegin Tanja (Diana Staehly) verbandelt ist. Und dann wäre da noch Sachbearbeiterin Erika Burstedt, dargestellt von Martina Eitner-Acheampong, die mit den "dicken Wurstfingern", von der Stromberg schon mal "Blitz-Herpes" kriegt.
Eigentlich hat Stromberg den Haufen ganz gut unter Kontrolle. Oder auch nicht, wie man es nimmt. "Büro ist, wie unter lauter Haien zu schwimmen. Du brauchst nur einmal Nasenbluten zu kriegen und schon ist Feierabend. Die warten ja nur alle darauf, dass du ... äääh .. da kannst du jahrelang die Kuh gewesen sein, die den Karren vom Eis ... sobald du einmal bockst, sobald du einmal einbrichst im Eis, sind die Haie gleich da!" Strombergs treffende Analyse der Dinge. Wie man sieht, gibt sich der Gute (oder Böse?) keinen Illusionen hin, was seine Beliebtheít beim niederen Volk anbelangt.
"Ich komm mir vor wie Jesus am Ostersonntag! Kreuz weg... und so weiter... und jetzt noch mal tüchtig in die Hände gespuckt!" Nur ein Geniestreich von vielen, die Stromberg Folge um Folge über die Lippen katapultiert. Warum ich hinter fast jeden Satz meiner Kritik Ausrufezeichen setze? Da, schon wieder eins! Und noch eins! Nicht annähernd genug! Besser eines zuviel als eines zu wenig, denn dieser Stromberg ist tatsächlich, was er im Namen trägt: ein Berg! Ein Riese von einem Komödianten, wie er nur alle 100 Jahre geboren wird! Doch ist Herbst überhaupt ein Komödiant? Klar ist er einer, allerdings keiner im herkömmlichen Sinne. Fängt bereits damit an, dass man dem Manne das Schauspielern nicht wirklich anmerkt. Hört sich komisch an, ist aber so. Der scheint so zu sein. Scheint zu sein, was er darstellt. Und in der Tat, der Mann lebt die Rolle: ist Stromberg! Ein Zyniker, Egomane, Stinkstiefel... aber einer zum gern haben! So was gibt es nicht? Jetzt schon!
Wie war das noch gleich mit Adam und Eva? Egal, bei Stromberg heißt es eh: "Adolf und Eva". (Mit Jesus steht er trotzdem auf du und du!) Wie? Zuviel schwarzer Humor tut nicht gut? Tut sogar weh? Klar doch, den Lachmuskeln! Situationskomik in Perfektion, sarkastische Wortspielchen & fiese Seitenhiebe am Fließband (inklusive passendem Seitenblick in die Kamera). Die ganze Klaviatur des schauspielerischen Spektrums, hoch und runter, runter und hoch, durch und durch professionell umgesetzt, bombastisch gut! Und der Clou ans Janze: Tabus sind mehr oder weniger tabu!
Geht es unter die Gürtellinie (falls so was bei Comedy überhaupt möglich ist), bekommt beinahe jede Minderheit ihr Fett weg. Beispiel gefällig? "Der Türke kann Kaffe, Döner, Bauchtanz: mehr nicht! Das ist kein Vorurteil, sondern historisch erwiesen! Die alten Griechen, die haben historisch was geleistet, aber der Türke - da wird's eng!" Fast schon ein Mythos ist die Sache mit dem Diplom. Selbst unter den eingefleischtesten Stromberg-Fans ist man sich nicht einig, was er denn nun wirklich genuschelt hat: "Jodeldiplom" oder "Judendiplom"? Was auch immer es war, zuzutrauen ist Stromberg alles! Und das ist gut so. :) Stromberg über sich selbst: "Ich bin einfach offen und ehrlich!")
Apropos "weh tun"... wenn bei Stromberg irgendwas WIRKLICH weh tut, dann sind das die oberpeinlichen Momente, in denen Stromberg sich mal wieder voll in die Nesseln setzt. Von allen ignoriert zu werden, sich vor versammelter Mannschaft zu blamieren, obwohl er sich doch solche Mühe gibt, den coolen Boss raushängen zu lassen, aua, DAS tut RICHTIG weh!
Verneige mich bis zu den Zehenspitzen vor einem der größten Könner, der mir im Fernsehen je untergekommen ist! Der Vergleich mag hinken, da Stromberg mehr der Selbstdarsteller ist, doch was sein fehlendes Unrechtsbewußtsein (die Selbstverständlichkeit, mit der er "sein Ding" durchzieht) anbelangt, ist er noch am ehesten mit "Ekel Alfred" zu vergleichen, der es bekanntlich wie kein Zweiter verstand, sich auf Kosten seiner Mitmenschen zu profilieren. Stromberg toppt ihn! (Wenn DAS kein Gütesiegel ist, was dann?!)
Fazit:
Dass sich an Stromberg die Geister scheiden, dürfte klar sein. Ebenso klar ist, für welchen Typ Mensch sich Stromberg definitiv NICHT eignet. Wer mit schwarzem Humor nichts anzufangen vermag, sollte um die Serie besser einen riesengroßen Bogen machen. Wer ausländischer Herkunft, übergewichtig, behindert, schwul oder weiblich ist (schauen Frauen eigentlich Stromberg?), sollte idealerweise die Kunst beherrschen, über sich selbst lachen zu können, andernfalls stauen sich womöglich Agressionen auf.
Kleiner Tipp: am unbeschwertesten lacht, wer seine ihm anerzogene "korrekte" Weltsicht vor dem Einschalten komplett ablegt. Hat man den humoristischen Tabubruch mal akzeptiert, bleiben innere Konflikte von ganz alleine aus. Im übrigen ist Schadenfreude noch immer die schönste Freude! (Oder war's die Vorfreude ... vielleicht auf kommende Staffeln?!) Notorischen Miesmuffeln, Spaßverderbern und sonstigen Spießern sei an dieser Stelle der alte Goethe mit auf den Weg gegeben: "In den Werken des Menschen wie in denen der Natur sind eigentlich die ABSICHTEN vorzüglich der Aufmerksamkeit wert!" Und dass es Strombergs alleinige Absicht ist, das Publikum zum Lachen zu bringen, auf wessen Kosten auch immer (hehe), dürfte außer Frage stehen. Alles andere ist und bleibt reine Geschmackssache... Amen!
Deutsche Comedy auf Höchstniveau (selten genug!): 10/10
Auflösung der Eingangsfrage: "DEN BAUM HOCHREITEN !" Stromberg
PS.:
Ach übrigens... gut möglich, dass die Katze da oben im Baum den Teufel trifft ! Ja, glaubt es ruhig: der Teufel sitzt auf Bäumen! Wer's nicht glaubt: Stromberg schaun und lernen!