Review

1. Staffel

„Das Leben ist kein Ponyhof, auch nicht bei einer Versicherung. Ich bin bestimmt toleranter, als die meisten hier in Führungsposition. Aber auch mein Fass hat Grenzen. Ja, wenn's da stetig reintropft, dann ist irgendwann der Boden raus, ist doch klar!"
(Bernd Stromberg, Ressortleiter Schadensregulierung M-Z, Capitol Versicherung AG, Folge „Mobbing")

Deutsche Comedy-Serien haben's nicht leicht. Jedenfalls bei mir. Ich hatte jedenfalls schon lange die Hoffnung aufgegeben, aus deutschen Landen mal wieder anspruchsvolle Kost aus diesem Genre serviert zu bekommen. Doch vor einigen Jahren wurde ich eines besseren belehrt. Es gibt sie noch, Leute mit Mut, mal aus dem gängigen Rahmen auszubrechen. Die sich nicht scheuen, alte Hör- und vor allen Dingen auch Sehgewohnheiten über den Haufen zu werfen. Hut ab.

Dabei gab es doch wirklich gelernte Erbsenzähler (nicht nur Frau Berkel ist eine), die schon deshalb rumnölten, das hier unverschämterweise die UK-Serie „The Office" abgekupfert wurde. Ich für meinen Teil sage aber: Scheiß auf die Erbsen! Denn erstens kann ich nicht gut englisch und habe keine Lust auf das Original, zweitens besser gut geklaut als schlecht selbst erfunden und drittens wird im Abspann artig beim Original Dankeschön gesagt (zwar erst nach Drohgebärden der BBC, aber immerhin), was wollt ihr mehr?

Die Rolle des sympathischen Büroekels Stromberg ist Christoph Maria Herbst wie auf den Leib geschneidert. Er verkörpert diese Person mit so viel Hingabe und Aufrichtigkeit, dass ich ihn in weiteren Filmrollen - wenn ich nur die Augen schließe und ihn reden höre - gar nicht als andere Figur wahrnehmen würde. Herbst spielt nicht Stromberg, er ist für mich Stromberg. Weil er wahrhaftig ist, und authentisch. So ein Chef könnte jeder Büroangestellter haben, glaubt es mir. Ich arbeite in einer Bank - also nicht weit entfernt von einer Versicherung - und wenn ich die Serie schaue, kann ich nur sagen: Volltreffer, kenne ich alles! Die Aktenberge, die Mitarbeiter, die fauchende Kaffeemaschine im Hintergrund, die Meetings, Mitarbeiterjahresgespräche, alles ist so wunderbar nachempfunden und mit einem augenzwinkernden dokumentarischen Anstrich versehen - inklusive wackliger Handkamera. Dazu Strombergs Untergebene, welche in lose eingestreuten Interviews ihr Inneres nach Außen kehren, auch wenn man sich dabei gelegentlich verhaspelt und neu ansetzt, ist halt nicht alltäglich, dass das Fernsehen vorbeischaut.

Auch wenn Herbst die Rolle seines Lebens spielt, die anderen Darsteller laufen ebenfalls zu kollektiver Höchstform auf. Egal ob Bürotrottel Berthold „Ernie" Heisterkamp („Hier werden auch viele Scherze über mich gemacht, und ganz oft auch unter meiner Gürtellinie"), Charmeur Ulf Steinke („Auf Arbeit hab ich's gerne etwas piano") oder die attraktive Tanja Seifert („Ich sitze gerne neben Ulf, da bekommt man den ganzen Tag Komplimente, und man kommt sich so wahnsinnig fleißig vor...").

Auch mit den Führungskräften hat Stromberg so manche Auseinandersetzung, entweder mit dem türkischen Mitarbeiter Turculu („... Leiter der Abteilung A bis L, also nominell sind wir gleichgestellt.") oder seiner Vorgesetzten Frau Berkel („Ich sag ja immer Tuberkel..., oder Eva Braun, also intern..."). Auch wenn Stromberg Verbalattacken wenig hintersinnig und auch nicht von Subtilität gekennzeichnet sind, selten wirken die von ihn gemachten Aussagen plump. Die meisten Sprüche strotzen nur so vor Genialität und sind in der Fan-Gemeinde längst Kult geworden.

Dennoch ist es schade, das die Anhängerschar überschaubar blieb, Einschaltquoten inklusive. Daran kann man den momentanen Befindlichkeitsgrad der deutschen Humorlandschaft am besten messen: Der Deutsche lacht eben lieber dann, wenn er über den Quatsch nicht erst lange nachdenken muss, und in jedem zweiten Witz muss es um Genitalien oder Fäkalien gehen, mindestens. Die Liste der Verbrecher ist ohnehin schon viel zu lang geraten - siehe Appelt, Mittermeyer, Barth und Co. -, und täglich werden es mehr.

Es ist allerdings ärgerlich, dass es schon mit der zweiten Staffel direkt in den Keller ging - und die Quoten nach oben, was obige These nur untermauert: Flach, öde und einfach nur peinlich, wie das Stromberg-Bild demontiert wurde. Dabei hatte ich meine Erwartungshaltung schon nach unten geschraubt. Nicht nur, dass wichtige Gegenpole Strombergs aus der Serie entfernt wurden (Turculu und Berkel), auch der blasse Neuling Herr Becker in Gestalt des neuen Abteilungsleiters hat die Serie ruiniert. Dass Stromberg dabei vollends zum Verlierer mutierte, kann ich den Machern bis heute nicht verzeihen. Die etwas bessere dritte Staffel konnte da nichts mehr retten.

Fazit: Da ich nur die erste Staffel bewerte, kann ich nicht anders - siehe oben. Leider gehört „Stromberg" hierzulande zu den Randgruppen, aber:

Ich bin für Behinderte. Hundert pro, das sind ja praktisch auch Menschen. Die ganzen Randgruppen, Behinderte, Schwule, Frauen, bin ich dafür, solange es menschlich stimmt."
(Bernd Stromberg, Folge „Der Geburtstag")

Details
Ähnliche Filme