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„9 Songs“ vom britischen Regisseur Michael Winterbottom, der in diesem Falle auch als Produzent und Drehbuchautor in Erscheinung trat, ist einer dieser Filme, die mit expliziten, nicht geschauspielerten Sexszenen arbeiten, ohne sich dabei zur Pornographie zu zählen. Das finde ich grundsätzlich nicht uninteressant; hin und wieder bin ich dann doch neugierig, ob ein unaufgeregter, selbstverständlicher, natürlicher Umgang mit echter Sexualität im Medium Film funktioniert. Bei „Baise-moi“ hat es meines Erachtens ebenso wenig hingehauen wie beim noch fürchterlicheren „The Band“, insofern war ich auf alles gefasst – und wurde positiv überrascht.

„9 Songs“ erzählt die Geschichte einer kurzen, leidenschaftlichen Beziehung zwischen Klimaforscher Matt und Austauschschülerin Lisa aus der Retrospektive. Matt erinnert sich an das Kennenlernen auf einem Rockkonzert, an den Sex und an Auszüge aus dem Alltag, während er sich auf einer Antarktis-Expedition befindet. Gestreckt wird die recht reduzierte Handlung mit insgesamt neun Livesongs verschiedener Indie-Rockbands, bei denen sich Matt und Lisa im Publikum befinden. Trotzdem bringt es „9 Songs“ auf insgesamt lediglich 69 Minuten Spieldauer.

Viele der Koitus-Szenen wurden so angelegt, dass sie durchaus auch gespielt hätten sein können, es gibt keine Close-ups o.ä., wie es in Pornofilmen üblich wäre. Wirklich explizit wird es aber beispielsweise bei einer Oralverkehrszene inkl. Samenerguss des Mannes. Durch den völligen Verzicht auf Porno-Overacting strahlen diese Momente im Kontext zur Geschichte tatsächlich so etwas wie Erotik aus, wirken unverkrampft und auf ihre Art stilvoll. Das beste an „9 Songs“ ist aber, dass es in der kurzen dafür übrig gebliebenen Zeit gelungen ist, eine irgendwie düstere, melancholisch-romantische Atmosphäre zu erzeugen, eine Art Wehmut beizumischen. Denn: Während die schnippische, lebenslustige, bisweilen launische Lisa Matt in erster Linie „konsumiert“, hat sich dieser in Lisa verliebt, muss sich im Nachhinein aber eingestehen, dass er nur eine Zwischenstation auf Lisas Lebensweg war, die mitnichten eine gemeinsame Zukunft geplant hat, sondern nach einem Jahr zurück in ihre Heimat ging. Das besondere Knistern, das in dieser Sorte von Beziehung liegt, die Stimmung, die sie erzeugt, wurde gut eingefangen, leise, ohne viel Dramatik oder Krawall. Vielleicht kann das nur nachvollziehen, wer selbst ähnliches erlebt hat, vielleicht wird „9 Songs“ durch seine offene Ausrichtung bei gleichzeitigem Minimalismus der Handlung auch von jedem anders aufgenommen. Mich jedenfalls hat dieser Film, auch aufgrund seiner erfrischend unprätentiösen Schauspieler mit ihrer natürlichen Ausstrahlung, denen man ihre Rollen abnimmt, auch über den Erotikfaktor hinaus angesprochen und mich angenehm unterhalten. Ein interessantes, kleines Filmchen.

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