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Die Straße mit der Bar und der Kirche, ein Verkehrsschild. Nach rechts, nur ein kleines Stück. Ein Zebrastreifen. Geradeaus. Nach dem großen Denkmal links, nach der grünen Werkstatt geradeaus. Viele Vekehrschilder. Nach dem Kreisverkehr geradeaus, immer geradeaus... Mit größter Aufmerksamkeit und Sorgfalt spricht die neunjährige Mathilde (Louisa Pili) jedes Detail der Strecke in ihr Diktiergerät, welche sie und ihre alleinerziehende Mutter Hélène (Sandrine Bonnaire) im Wagen zurücklegen, um Mathilde's Opa und Hélène's Vater Paul (Claude Rich) an seinem Geburtstag im Altersheim zu besuchen. Diese Aufzeichnungen leisten dem Mädchen in der folgenden Nacht nützliche Dienste, als sie sich zu später Stunde auf leisen Sohlen aus dem Haus schleicht und den weiten Weg zu dem Altersheim noch einmal zurücklegt, dieses mal jedoch zu Fuß. Der Grund für diesen nächtlichen Ausflug sind zwei Fragen, die Mathilde ihrem Großvater stellen muss und die keinerlei Aufschub mehr dulden: Was hat seine Frau Madeleine vor 30 Jahren dazu verleitet, ihn und die gemeinsame Tochter Hélène zu verlassen und wieso blieben die Briefe, die sie den Beiden darauf über die Jahre schrieb, stets verschlossen und unbeantwortet?

Paul staunt natürlich nicht schlecht, als seine Enkelin mitten in der Nacht an seinem Bett steht und ihn mit einem Kapitel seines Lebens konfrontiert, das er eigentlich schon längst abgeschlossen hat. Aufgrund der absoluten Beharrlichkeit des Mädchens lässt er sich dann allerdings doch dazu überreden, mit ihr zusammen eine Fahrt zu dem weit entfernten Küstenstädtchen Biarritz anzutreten, von wo aus vor vielen Jahren der letzte Brief von Madeleine verschickt wurde. Die Reise wird für alle Familienmitglieder zu einem Ereignis, das ihre Leben für immer verändern soll...


Für viele Menschen definiert sich ein guter Film dadurch, dass er sie für etwa 90 Minuten durch spektakuläre Bilder oder wahlweise auch durch kitschige Liebesgeschichten aus dem grauen Alltagstrott herausholt. Dem mag nicht viel entgegenzusetzen sein, allerdings wird der Verstand bei derart plumpen Orgien der Reizüberflutung oftmals schmerzlich vernachlässigt. Dennoch ist es eine traurige Tatsache, dass Filmkonsumenten mit einem Hang zum intelligenten Kino oftmals sehr genau suchen müssen, um zwischen all den herzlosen und austauschbaren Produktionen dieser Tage noch einen interessanten Schatz ans Tageslicht zu fördern. Die belgisch-französische Koproduktion "Le Cou de la girafe", bzw. "Der Hals der Giraffe" ist ein definitiver Anwärter auf einen solchen Status. Das Drama aus dem Jahr 2004 stellt das Spielfilmdebut des Regisseurs Safy Nebbou dar, der zuvor lediglich drei Kurzfilme in den Kasten brachte und für seinen erstes, abendfüllendes Werk sogleich ein ordentliches Budget, sowie eine Riege ausnahmslos talentierter Schauspieler zur Hand hatte. Das Resultat ist eine anspruchsvolle und über alle Maßen interessante Geschichte, die mitten aus dem Leben gegriffen zu sein scheint, hinsichtlich der Umsetzung aber leider mit einigen Längen und dramaturgischen Unstimmigkeiten zu kämpfen hat.

"Der Hals der Giraffe" klassifiziert sich vor allem deshalb als etwas Besonderes, da die Macher hier nicht die stete Suche nach dem nächstbesten Gag oder die Unterbringung möglichst vieler, herzergreifender Momente im Sinn hatten, sondern über 83 Minuten lang nur eines im Fokus steht: Der Mensch und seine Empfindungen, die bisweilen nicht immer logisch und rational erscheinen mögen, in ihrem Kern aber stets eine Vergangenheit und eine Geschichte in sich bergen. Und genau eine solche Geschichte wird hier in ruhigen und langsamen Bildern erzählt. "Der Hals der Giraffe" richtet sein Augenmerk auf das gestörte Beziehungsgeflecht eines alten Mannes zu seiner Tochter, die im Alter von 10 Jahren den Verlust ihrer Mutter hinnehmen musste, inzwischen aber selbst eine Tochter großzieht. Und gerade jene Tochter, die neunjährige Mathilde, ist es, die dem eisigen Verhältnis zwischen ihrer Mutter und ihrem Großvater ein Ende setzen und sie wieder miteinander versöhnen möchte. Anlass dazu bieten die Briefe der vor drei Jahrzehnten verschwundenen Madeleine, die mit ihrem Untertauchen erst ein Keil zwischen Vater und Tochter trieb und deren Briefe die kleine Mathilde nun dazu beflügeln, das Rätsel ihres Verschwindens ein für alle mal zu lösen.

"Der Hals der Giraffe" kommt ohne offensichtliche Spannungsmomente, ohne aufgesetzte Dramatik und ohne die typischen Merkmale eines Unterhaltungsfilmes aus. Er setzt seine Hoffnung ganz alleine in das Spiel seiner drei Hauptdarsteller, die in den Rollen der aufgeweckten, kleinen Mathilde, der verzweifelten Hélène und des verbitterten und pessimistischen Paul zu absoluter Größe auflaufen. Vor allem Louisa Pili gilt es hier zu loben. Das Mädchen war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten gerade einmal acht Jahre alt und spielt ihre Rolle dennoch mit einer solchen sympathischen Überzeugungskraft, dass man als Zuschauer angesichts dieser Leistung nur noch staunen kann. Auch Claude Rich als im Altersheim vor sich hin vegetierender Zyniker weiß zu gefallen und vermag es, mit nur wenigen Blicken mehr zu vermitteln als mit tausend Worten. Ein Meister seiner Zunft und zu Recht einer der großen Namen im französischen Filmgeschäft.

Dafür, dass die Figuren als einziger Kern- und Angelpunkt der Geschichte angelegt werden, überrascht es etwas, dass sie dem Zuschauer zu Beginn kaum näher vorgestellt werden. Auch hier hält sich "Der Hals der Giraffe" somit realitätsnah und lässt die Charaktere durch zahlreiche Dialoge sich selbst entfalten, statt den glaubwürdigen Erzählfluss der Story durch unpassende Einschübe der Erklärung zu stören, die hier nur deplatziert gewirkt hätten. Die ruhige Erzählweise des Films darf jedoch gleichzeitig auch als seine Schwäche verstanden werden, denn obwohl man den Charakteren aufmerksam auf ihrer Reise zu folgen bereit ist, so erweisen sich die bodenständigen Dialoge und die konsequente Ruhe des Films für manch einen sicherlich als Ausdauerprobe. Hier mal ein melancholischer Blick, dort eine zwischenmenschliche Konversation, ansonsten bleibt vor allem aus dem Hauptteil nur weniges in Erinnerung. Da überrascht es nicht, dass es vor allem die bildschönen Landschaftsaufnahmen und der zu Tränen rührende Schluss sind, die den größten Eindruck hinterlassen. Zwischenzeitlich sorgt dann auch ein Nebenplot in Paul's Altersheim für etwas Unterhaltung, in dessen Verlauf die verbliebenen Rentner ihr Bestes geben, das Verschwinden ihres Freundes vor der Heimleitung zu vertuschen und dabei so manch vergessene Lebensfreude wiederentdecken. Irgendwann driftet diese Subhandlung jedoch ins Leere und erscheint dadurch etwas beliebig in den restlichen Film integriert.


"Der Hals der Giraffe" erzählt die Geschichte eines zerrütteten Familienverhältnisses, dessen Demontage erst durch die kindliche Unschuld und Zielstrebigkeit eines kleinen Mädchens in Frage gestellt und letztendlich wieder zusammengefügt wird. Safy Nebbou schuf hiermit einen realitätsbezogenen Film über menschliche Beziehungen, aufgegebene Träume und zur Seite gedrängte Probleme. Eine gewisse Behäbigkeit in punkto Erzählfluss ist dabei jedoch in Kauf zu nehmen, da sich "Der Hals der Giraffe" mehr durch eine Portraitierung möglichst realitätsnaher Menschen, als durch spannende oder allzu melodramatische Storylines auszeichnet. Dieser Film wird daher nicht jedermanns Geschmack treffen und erfordert trotz seiner Ruhe eine genaue Aufmerksamkeit, die jedoch spätestens in der rührenden Schlusssequenz belohnt wird. Insgesamt ist "Der Hals der Giraffe" gerade der breiten Masse nicht unbedingt zu empfehlen, doch Freunde leiser Dramen könnten hier auf ihre Kosten kommen.

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