ACHTUNG! SPOILER!
Der Covertext auf der „Mike Hunter" Videocassette DIE NACHT DER OFFENEN SÄRGE ist einfach zu schön, um hier nicht wiedergegeben zu werden:
„In Transsalvanien [!], der Heimat des Grafen Drakula, lebt der irre Dr. Exorcio mit seinem narbengesichtigen Diener Emo [!]. Exorcio ist von der Idee besessen, die Welt mit Vampiren zu bevölkern. Aus diesem Grunde erweckt er Graf Santana [!!], einen Abkömmling Drakulas, zum Leben. In seiner 'Werkstatt des Grauens' [!] transfusiert [!] er das Blut eines schönen lebenden Mädchens in den Körper einer Fledermaus, der Verkleidung [!!] Santanas. Jede Nacht bringt ihm nun Santana neue Opfer: wunderschöne junge Mädchen, deren Blut er trinkt. Tagsüber schlafen die Vampire im Schlosskeller des irren Doktors und des Nachts steigen die Blutsauger aus den Särgen und verbreiten Angst und Schrecken unter der Bevölkerung. Dr. Sewald [!], ein englischer Arzt, nimmt den Kampf gegen Exorcio auf: bei Vollmond verbündet er sich mit dem Werwolf. In dieser Nacht finden die Vampire ein grausiges Ende."
Der mühsam zusammen gestümperte Covertext lässt schon erahnen, was da auf einen zukommt. Ein roter Faden ist in der wirren Geschichte nicht auszumachen und so zerfällt der Film in viele mehr oder weniger zusammenhängende Einzelszenen. Hätte sich Franco etwas mehr Mühe mit der Story gegeben und einen durchgehenden Spannungsbogen zustande gebracht, wäre vielleicht ein gute Film dabei herausgekommen. Vermutlich aber nicht. Denn was dem Streifen in erster Linie zu schaffen macht und ihn letztlich auch ruiniert, ist die Arbeit des Kameramannes, die den Eindruck vermittelt, eine der durch die Szenen stolpernden Kreaturen habe die Kamera bedient. Der inflationäre Einsatz der Zoomlinse, die zudem auch noch unfähig bedient wurde, ist eine echte Zumutung. Viele Zooms enden in einem total unscharfen, aus dem Fokus geratenen Bild oder in extremen Detailaufnahmen, vor allem von Darstellern, bei denen kaum noch zu erkennen ist, welcher Körperteil da gerade im Bild ist. Man fragt sich unweigerlich, ob hier tatsächlich soviel Unfähigkeit am Werke war, oder ob Franco dies als willentliches Stilmittel eingesetzt hat.
Die wenigen Dialoge des Films finden zweifellos Platz auf einer Drehbuchseite und werden zudem fast alle Off-Screen gesprochen. Der Film wurde ohne O-Ton gedreht und nachträglich synchronisiert, allerdings so dilettantisch, dass die Darsteller an einigen Stellen etwas zu sagen scheinen, aber nichts zu hören ist und umgekehrt. Um dennoch etwas Sinn in die Handlung zu bringen, fungiert Dr. Frankenstein/Exorcio als Ich-Erzähler aus dem Off, der verzweifel versucht, die Vorgänge zu erklären. So findet sich zudem in der deutschen VHS-Version, die auf der US-Fassung basiert, plötzlich ab etwa der zehnten Minute ein (langer) Textauszug aus „Dr. Frankensteins Diary" in dem die Vorgeschichte der Handlung zusammengefasst wird und in der es u.a. heißt:
„Fast vergessen sind die Ereignisse, deshalb will ich für die Wissenschaft festhalten welche Wunder ich vollbrachte, welche Macht zum Greifen nahe schien. [...] Ich bin Dr. Exorcio. Zu der Zeit, über die ich berichte, waren meine Experimente abgeschlossen, das Geheimnis menschlichen Lebens war mein. [...] Nur einer stand mir im Weg, Dr. Emanuel Seward. Auf seinen Reisen durch die Karpaten hatte er sich eingehend mit dem Übernatürlichen beschäftigt. Er wusste, wie man Vampire unschädlich machte. [...] Dr. Seward überraschte [Satana] im Schlaf, trieb einen Silbernagel durch sein Herz und Satana ward eine tote Fledermaus."
Die bereits angesprochene Tongestaltung des Films belästigt den Zuschauer mit einer extrem lauten Performance des Geräuschemachers, wobei vor allem das übertrieben schrille Gekreische der diversen Gummifledermäuse an den Nerven zerrt, aber auch andere penetrante Tierlaute wie bellende Hunde (die aber gerade gar nicht bellen), miauende Katzen (die aber gerade gar nicht miauen), diverse Vogelrufe, Pferdegetrappel und andere undefinierbare Geräusche sind eine echte Geduldsprobe.
Das Make-up für den Werwolf, der plötzlich kurz vor Schluss noch ins Spiel kommt, ist absolut dilettantisch und billig und die Narben im Gesicht von Frankensteins Kreatur sind einfach nur aufgemalt.
Neben den technischen Unzulänglichkeiten des Films sind auch die Leistungen der Darsteller absolut unterdurchschnittlich. Der großartige Howard Vernon in der Rolle des Grafen Dracula taumelt wie eine Mumie durch den Film, Augen und Mund weit aufgerissen, ansonsten aber mit absolut unbeweglicher Mine. Er sieht tatsächlich aus wie ein lebender Toter. Dennis Price als Dr.Frankenstein kann sich kaum auf den Beinen halten (er war gesundheitlich sichtlich angeschlagen) und schneidet zumeist nur irgendwelche Grimassen, mit denen er das Fehlen von Dialogen zu überspielen versucht. Mehr als schonungsloses Overacting kommt dabei aber nicht heraus. Der Brite Price begann seine Laufbahn bereits in den späten 40er Jahren, und war lange ein angesehener Darsteller. Zum Ende seiner Karriere sah man ihn aber immer öfter in B- und Z-Filmen. Der unverwechselbare Luis Barboo treibt seine Darstellung des stummen Morpho ebenfalls auf die Spitze und legt alles was er aufzubieten hat in seine Rolle. Allein Alberto Dalbes kann seiner Rolle als Dr. Seward ein wenig Profil verleihen und agiert vergleichsweise unaufdringlich.
Alles in allem ist DIE NACHT DER OFFENEN SÄRGE ein unbedeutender, unsinniger aber recht amüsanter Hokuspokus aus Jess Francos reichem Gesamtwerk. Oder handelt es sich hier etwa um ein surreales Meisterwerk? Das muss wohl jeder für sich selbst entscheiden...
Der spanischen Fassung, wie sie sich auf der „Image Entertainment" DVD findet, ist ein Text von „David H. Klunne" (Jess Franco) vorangestellt, der wie folgt übersetzt wurde:
„The Vampire, a sinister night dweller, was sleeping his eternal slumber, when Dr. Frankenstein decided to seize him. He unleashed a fight between two titans of death and in its wake, the other monsters, nightmare creatures would awaken from their lethargic sleep, as a terrifying and devastating chorus."
Zusammenfassung der Handlung:
Der erzböse Bösewicht Dr. Frankenstein [df = Dr. Exorcio] (Dennis Price) hat Weltherrschaftsgelüste. Um seine finsteren Pläne in die Tat umsetzen zu können, erweckt er in seinem düsteren Burgverlies mit Hilfe einer seltsamen Maschinerie eine monströse Kreatur (Fernando Bilbao) zum Leben. Diese schickt er los, um eine Jungfrau zu Verschleppen, mit deren Blut er den Fürsten der Vampire, Graf Dracula [df = Graf Satana] (Howard Vernon) wiederbeleben kann. Unterstützt wird Frankenstein bei seinen Machenschaften von seinem stummen Faktotum Morpho (Luis Bar Boo).
Graf Dracula soll für Frankenstein nach und nach eine Vampir-Armee begründen, mit der er die Macht über die Menschheit erringen kann. Doch Frankenstein hat nicht mit dem furchtlosen Dr. Seward (Alberto Dalbes) gerechnet, der sich ihm in den Weg stellt. Als Seward bei einem Kampf mit Frankensteins Monster schwer verletzt wird, pflegt ihn eine Zigeunerin (Mary Francis) wieder gesund. Sie beschwört zudem einen Werwolf (Brandy), der Seward zu Hilfe eilt. Während die Vampire die Gegend unsicher machen, attackiert der Werwolf die Kreatur und es kommt zu einem erbarmungslosen Kampf, bei dem der Werwolf schließlich unterliegt. Dr. Seward ist inzwischen mit einigen Dorfbewohnern auf dem Weg zu Frankensteins Burg, um den Machenschaften Frankensteins ein Ende zu bereiten. Als dieser erkennt, dass seine Pläne gescheitert sind, ist er davon überzeugt, dass ihn seine Kreaturen verraten haben. Er durchbohrt Dracula und seine Vampir-Braut (Britt Nichols) mit einer silbernen Lanze und tötet seine Kreatur mit Hochspannung. Dann verschwindet er. Für Dr. Seward bleibt nichts mehr zu tun...