Review

„Der Tod wartet auf jeden von uns.“

Der Erfolg von „Conan, der Barbar“ trat Anfang der 1980er eine kurze Welle dieser Sorte Fantasyfilme (Sword and Sorcery oder schlicht Barbarenfilme) los, in denen sich muskulöse, meist knapp bekleidete, überzeichnet männliche Krieger mit Hieb- und Stichwaffen durch eine vorzeitliche phantastische Welt kämpfen. Die italienische Filmindustrie mischte damals kräftig mit und schickte diverse zweifelhafte Helden ins Feld; viele dieser Filme gelten als trashige Schnellschüsse. Ich persönliche empfinde bereits das gesamte Sujet (und damit das Subgenre als solches) als reichlich debil und durch das mit ihm verbundene Pathos und die verkniffene, gestelzte Ernsthaftigkeit wird es nicht besser, im Gegenteil: für meinen Geschmack eher hochnotpeinlich. Als italophiler Exploitation- und Genre-Filmfreund kreuzen sich meine Wege dann aber doch immer mal wieder mit diesen Produktionen und wenn der von mir für seine Horrorklassiker und Gialli geschätzte Italiener Lucio Fulci im Jahre 1983 mit „Conquest“ ebenfalls einen Beitrag zum Fellbekleidungsfetisch abgeliefert hat, komme ich auf Dauer nicht drum herum.

Worum geht’s also? Nun, da wäre der junge Krieger Ilias (Andrea Occhipinti, „Der New York Ripper“), der im kitschigen Prolog von einem silbergelockten und bärtigen Kerl, der aussieht wie der Weihnachtsmann, mit dem Auftrag betraut wird, mithilfe eines magischen Bogens die „Göttin der Sonne“ alias dämonische Hexe Ocron (Sabrina Siani, „The Throne of Fire“) auszuschalten. Diese läuft, nur mit einer goldenen Crimson-Glory-Maske und einem knappen Slip bekleidet, grundsätzlich oben ohne herum und überfällt derweil mit den ihr untergebenen Hundemenschen einen Stamm, wobei sie unverständliche Laute ausstößt. Erst steigt eine heftige Splatterparty inkl. Durchreißen einer Frau und Gehirnverköstigung, im Anschluss scheint man sich Rauschmitteln hinzugeben und Ocron befriedigt sich an einer Schlange… Da platzt Ilias hinein und stört die Sause empfindlich, indem er Ocron mit einem Laser-Pfeil erschießt und eine junge Dame vor der Schlange rettet. Die Dame ergreift daraufhin die Flucht, Ilias hat weiter zu tun und entledigt sich zahlreicher Angreifer mittels handelsüblicher Pfeile. Unerwartete Hilfe bekommt er vom dazustoßenden Mace (Jorge Rivero, „Manaos - Die Sklaventreiber vom Amazonas“), der mit einem Chakku herumwirbelt und die Hundemenschen plattmacht. Mace entpuppt sich als einsamer Krieger, der die Tierwelt sehr schätzt, jedoch keine Freunde hat. Dies ist wiederum kein Wunder, wie die Szene beweist, in der er einen alten Mann tötet, nur um an sein Essen zu kommen. Ocron unterdessen ist gar nicht tot und erhebt nun Besitzanspruch auf Elias‘ Zauberbogen. Mace schließt sich Elias an und wird zu dessen Begleiter, zusammen zieht man durch die Lande. Elias trifft das gerettete Mädchen – ebenfalls Anhängerin der Freikörperkultur – wieder und geht gewissermaßen mit ihr essen, doch kurz darauf wird die Gute von maskierten Angreifern erschlagen. Elias wird daraufhin von Hundemenschen verschleppt, die ihn zu Ocron bringen wollen. Ein brutaler Kampf entbrennt. Aus Wut über die missglückte Entführung verbrennt Ocron einen Hündling bei lebendigem Leibe auf einem Feuerstein, macht anschließend wieder mit ihrer Schlange herum und fantasiert von Elias und seinem Bogen.

Da bekommt sie einen rettenden Einfall: Sie ruft Zora (Conrado San Martín, „Todesmelodie“) herbei und beauftragt ihn, Elias zu finden. Elias wurde von einem Giftpfeil getroffen und hat eine fiese Eiterwunde am Bein davongetragen, die zu allem Überfluss auch noch wandert und sich vermehrt. Sein Kumpel Mace bekommt es unterdessen mit Sumpfzombies zu tun, gegen die er sich zur Wehr setzt. Plötzlich steht Mace seinem eigenen Ebenbild gegenüber, das ihn zum Kampf herausfordert, welches sich als Zora entpuppt. Elias und Mace gehen nach diesen Vorfällen getrennte Wege, woraufhin Mace von Kreaturen überfallen wird, die aussehen, als wären sie in Spinnweben gehüllt. Sie wollen aus ihm Elias‘ Aufenthaltsort herauspressen, doch da kommt dieser auch schon zurück, befreit seinen Freund und tötet die grün blutenden Unholde. Mace indes hängt noch immer an einem Kreuz und fällt mit ihm ins Wasser, wo er jedoch für seine Tierliebe belohnt und von Delphinen (!!!) gerettet wird. Die Helden sind wieder vereint, doch die Wiedersehensfreude währt nur kurz, denn nun wird Elias von einem Krallenmonster entführt und schließlich… ja, schließlich bringt Zoar Ocron Elias‘ Kopf. Das hat allerdings auch nicht den von Ocron erwünschten Effekt. Verzweifelt über den Verlust seines einzigen Freundes verbrennt Mace Elias‘ Torso und reibt sich mit seiner Asche ein, wodurch seine Kräfte auf ihn übergehen (oder so). Er schießt mit Laser-Pfeilen um sich und damit durch einen Berg hindurch Ocroms Maske von ihrem Haupt, wodurch er ihr fürchterliches Antlitz enthüllt: Sie sieht aus wie ein toter Fisch. Vor lauter Scham verwandelt sie sich in einen Hund und läuft davon.

Äh, worum also geht’s? Ich habe keine Ahnung – anscheinend schlicht fragwürdigen Fellbekleidungs-Brutalo-Quatsch mit völlig nebensächlicher Gaga-Handlung, die lediglich als Aufhänger dient, um a) ein Kreaturen- bzw. Maskenspektakel zu entfachen, das dem Splatter- und Gore-affinen Fulci einige Gelegenheiten für krude Gewaltausbrüche bietet und b) die Barbarenfilm-erfahrene Sabrina Siani einmal mehr oben ohne durchs Ambiente zu scheuchen, um von ihrem Erotikfaktor zu profitieren. Zugegeben, beides funktioniert gar nicht übel: Die Masken- und Make-up-Arbeit ist zwar mitunter recht billig, aber in Kombination mit den blutigen Spezialeffekten krude und übertrieben genug, um Aufsehen zu erregen. Ebenso unterhalten dürften sich Freunde des schlechten Geschmacks fühlen, wenn Siani sich räkelt und Schlangen oder auch mal Leichenteile an ihrem Körper reibt. Den Ekelfaktor der Eiterszene zelebriert Fulci minutenlang und ohne Rücksicht auf den Zuschauer und schreckt auch vor vollkommen verrückten Einfällen wie Maces Befreiung durch einen Delphin in aufwändigen Unterwasseraufnahmen nicht zurück – wer bereits den Kampf Zombie vs. Hai aus „Woodoo“ kurios fand, sollte sich das hier erst einmal anschauen.

Aber: So richtig detailliert erkennt man vieles gar nicht. Das liegt daran, dass der Film irgendwo im frühen England spielen muss, so nebelverhangen ist die ganze Chose. Zusätzlich wurde kräftig am Weichzeichner gedreht, so dass viele Konturen verschwimmen und „Conquest“ nicht nur inhaltlich schleierhaft wirkt. Neben der kaum nennenswerten Dramaturgie ist dies möglicherweise ein Grund für die einschläfernde Wirkung des Films. Er legt sich wie ein Grauschleier über die Augen und entführt einen langsam aber sicher ins Reich der Träume. Vermutlich ist es das, was der eine oder andere Kritiker meint, wenn er „Conquest“ als „traumartig“ bezeichnet. Dazu dürfte auch Claudio Simonettis musikalische Untermalung beitragen, dessen sphärische, einlullende, bisweilen aber unpassend fröhlich oder repetitiv-monoton dudelnde Synthesizer-Teppiche sicher nicht zu den herausragenden Stücken des Goblin-Mitglieds zählen. Liest man sich durch, was in „Conquest“ alles passiert, kann man sich kaum vorstellen, wie wenig aufregend all das erscheint, wohnt man ihm vor der Glotze bei. Fulci ist es leider kaum gelungen, seinen Film spannend zu gestalten, statt mitzufiebern wird das Ansehen zur Geduldsprobe oder eben Einschlafhilfe, da man nie Teil der präsentierten Welt wird, sich nie wirklich ins Geschehen involviert wähnt. Wo andere Fantasy-Filmer es schaffen, autarke, faszinierende Welten zu erschaffen, erstickt „Conquest“ im Nebel, ersäuft in Klischees und kaschiert die nur unzureichend skizzierte Handlung mit Gewalteruptionen und Absonderlichkeiten. Dennoch oder auch gerade deshalb genießt „Conquest“ so etwas wie eine Sonderstellung innerhalb des Subgenres, hat zweifelsohne seine Schauwerte, seinen Trash-Appeal und diese eigenartige komatöse Atmosphäre, die im irgendwie faszinierenden Kontrast zur vordergründigen Action steht. Nichtsdestotrotz kann er nicht verhehlen, dass er ungefähr den Wendepunkt in Fulcis Karriere markiert, ab dem es qualitativ bergab ging.

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