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Mit dem Etikett „Australian Made Horror“ geht ja immer so eine gewisse Pioniersstimmung einher. Ozploitation bedeutet in der Regel auch Exploration, die Filmemacher zeichnen da diesen einen krakeligen Strich in die Landschaft, der ein Leben fern aller Schubladen lebt, um als Querulant die Harmonie im Panorama zu zerstören. Das endlose Outback bietet wohl einfach in Relation zur niedrigen Populationsdichte dermaßen viel Raum, dass die Wahrscheinlichkeit äußerst gering scheint, dass zwei australische Filmemacher in dieselben Fußstapfen treten, was immer wieder exzentrische, eigenartige, hochgradig individuelle Genre-Beiträge zur Folge hat.

Man denke an Terrry Bourkes „Night of Fear“ (1973), in dem nicht gesprochen, sondern nur gestalkt wird; an Peter Weir natürlich, der nicht nur ein australisches Dorf von hochgezüchteten Autos überrollen ließ („Die Autos, die Paris auffraßen“, 1974), sondern kurz darauf bereits den gesamten australischen Horrorfilm transzendierte, noch bevor er sich überhaupt vollständig gebildet hatte („Picknick am Valentinstag“, 1975). Und dann ging der Schlussspurt der 70er völlig steil: „Patricks Höllentrip“ (1978), „Long Weekend“ (1978) „Snapshot“ (1979), „Blutdurst“ (1979) und selbstverständlich der große Beginn der Apokalypse, das Rom aller Aussie-Filme, „Mad Max“ (1979). Ein buntes Tupel von Einträgen, die im Grunde nicht allzu viele gemeinsame Eigenschaften in sich tragen, als dass es sich lohnen würde, aus ihnen eine spezifischere Klasse zu bilden als einfach die des australischen Low-Budget-Films.

Bei einem derart bunten Salat versteht sich von selbst, dass sogar ein Beitrag zu einem aus heutiger Sicht völlig überlaufenen, überproduzierten Subgenre wie dem urbanen Slasherfilm kaum nennenswerte Vorläufer auf dem Kontinent hat, als er im Jahr 1980, gerade mal zwei Jahre nach „Halloween“, erscheint. „Nightmare on the Street“ ist für sich genommen eine bedeutungslose Fußnote in den Horrorfilmchroniken geblieben, für deren Wahrnehmung man in einem stetig fetter werdenden Lexikon schon eine verdammt gute Lesebrille braucht. Und doch ist es vermutlich der erste echte Post-Halloween-Slasher des Kontinents und einer der wenigen, die zumindest auf den ersten Blick vieles von dem anbieten, was sich seither aus globaler Perspektive als Slasher-Versatzstück etabliert hat. Ein Kindheitstrauma im Prolog, eine Theaterstück-Metaebene als Setting der Gegenwart, und schon darf das gialloeske Glasscherbenmassaker seinen Lauf nehmen.

Eigentlich stammt Regisseur, Autor und Produzent John D. Lamond aus dem Sexploitation- und Mondo-Fach. Hier inszeniert er nun seinen ersten Horrorfilm, dessen Produktion aus steuerlichen Gründen unter massivem Zeitdruck stand, wie er in einem Interview verriet – was sich durchaus in einem hektischen, unfertigen, streckenweise überhasteten Regiestil bemerkbar macht, der versucht, ein Drehbuch unter Kontrolle zu bekommen, das offenbar nie so richtig über seine durchaus reizvolle Grundidee hinaus gedacht hat.

So nimmt „Nightmare on the Street“ streckenweise tatsächlich die erzählerische Logik eines zusammenhanglosen Alptraums an. Von Hitchcock inspirierte Psychothriller wie „Der Satan mit den langen Wimpern“ (1964) erweisen sich als Einflussgeber, insbesondere dahingehend, dass sich Realität und Einbildung mit dem fragilen Geisteszustand der Protagonistin verbiegen. Brian May (nein, nicht DER Brian May, sondern sein australisches Composer-Pendant) befeuert die Hitchcock-Parallelen zusätzlich durch seine Chiller-Streicher, die mit den 60ern mehr gemein haben als mit der damals währenden Gegenwart.

Cutter Colin Eggleston, unter anderem auch Regisseur des weiter oben erwähnten Öko-Horrorthrillers „Long Weekend“, hat eine diebische Freude daran, traumatische Erinnerungsfetzen als Smash Cuts in laufende Szenen zu schneiden, die aufgrund der desorientierenden Point-of-View-Shots aus Tätersicht ohnehin schon völlig aus dem Häuschen sind. Die komplette Form des Films ist darauf ausgelegt, die Psyche der vermeintlichen Killerin zu imitieren. Um deren Identität wird zwar anhand der ausgewählten Whodunit-Perspektiven noch ein kleines Geheimnis gemacht, nicht jedoch um die Spurenlage, die doch recht eindeutig ausfällt und in keiner Weise zu Bemühungen führt, die Auflösung mit alternativen Deutungsmöglichkeiten zu verwischen – so dass man automatisch argwöhnisch wird, was die Offensichtlichkeit angeht, mit der sich hier alles auf den finalen Akt zuspitzt.

Das hieraus resultierende Seherlebnis fällt daher trotz der hakeligen Schnitte und der doppelten Theaterböden recht linear aus, was den Raum eröffnet für so manches Spannungsloch. Hauptdarstellerin Jenny Neumann scheint nur bedingt geeignet, diese Löcher zu füllen. Zwar liefert sie durchaus ein, zwei paranoide Einlagen der erfrischend irritierenden Sorte (alleine diese Mischung aus Heul- und Lachkrampf inmitten der Theaterkollegen muss man einfach gesehen haben), zumeist geistert sie aber so teilnahmslos umher, als sei sie bis zur Stirn mit Baldrian abgefüllt. Wenn man bedenkt, dass ursprünglich eine Michelle Pfeiffer, Daryl Hannah und Melanie Griffith im Gespräch waren, dann ist das schon ein Grund, melodramatisch „WARUM!?“ in den Himmel zu schreien.

Punkte gut machen immerhin Max Phibbs als aufgeblasener Theaterregisseur und John Michael Howson als überheblicher Kritiker, ein Duo, das im Alleingang dafür sorgt, dass sich „Nightmare on the Street“ in seinen helleren Momenten nichts Geringeres als eine Satire auf das Schauspielgeschäft vorgenommen hat, sowohl von der Seite des Erschaffenden als auch des Rezipierenden betrachtet. Eine ähnliche Rolle wie jene von Phibbs würde man einige Jahre später noch einmal im australischen Werwolf-Horrorfilm „Wolfmen“ (1987) geliefert bekommen; derweil soll Howsons Rolle eine Parodie auf den australischen Filmkritiker Colin Bennett gewesen sein, wie auch an seinem Rollennamen Bennett Collingswood unschwer abzulesen ist. In einem möglichen US-Remake wäre es im Grunde völlig unverzichtbar, die Beiden von Kevin Spacey und John Malkovich spielen zu lassen.

Das sind aber lediglich isolierte komödiantische Einlagen in einem Film, der es grundsätzlich auf eine grimmige Wirkung abgesehen hat. Um das Adrenalin also am Kochen zu halten, wird die Handlung einfach mit den üblichen Mittelchen aufgepeppt. Der solide Bodycount (plus minus 10), der fast ebenmäßig zwischen männlich und weiblich pendelt, schießt sich hauptsächlich auf Nacktes und Kopulierendes ein. Während der Prolog für diese Fixierung durchaus eine schlüssige Erklärung auf Lager hat, ist sie für den Regisseur sicherlich auch eine Möglichkeit, gewisse Akzente seiner vorherigen Arbeiten einzubringen. Pornografisch wird es zwar nicht, aber die wiederholten Zooms auf gewisse Körperteile fallen doch einen Hauch expliziter aus als im Genre-Schnitt, wodurch der Sleaze-Faktor ebenfalls gewisse Höhen erreicht… erst recht, wenn die Opfer teilweise zur Embryohaltung verkrümmt in irgendwelchen Seitengassen neben den Mülltonnen verenden.

Gerade auch in diesen ekstatischen Höhepunkten bleibt der Schnitt natürlich stets aggressiv und wirr. Damit wird unter anderem kaschiert, dass das Treiben unter dem Strich gar nicht mal so blutig geraten ist, wie man meinen sollte. Als Schlüsselbilder verweilen weniger aufgeschlitzte Hälse order hervorquellende Gedärme, sondern vielmehr verdutzte Gesichtsausdrücke und zuckende Pobacken, wenn die Scherbe mal wieder eine oberflächliche Schnittverletzung verursacht.

Für so manche verursachte Wunde würde wohl tatsächlich ein Pflaster reichen. Kaschiert wird zudem eine oftmals nicht vorhandene Kontinuität, die auf massive Anschlussfehler hindeutet, weil man sich wohl einfach nicht die Zeit genommen hat, die einzelnen Szenen vernünftig zu konzipieren. Da stürmt dann auch mal eine Dame heraus in die Nacht, lässt sich trotz eines gewissen Vorsprungs völlig willkürlich stellen, muss sich wilder Attacken erwehren und geht bereits zu Boden, nur um Sekunden später ohne jede Erklärung doch wieder auf den Beinen zu sein und zurück ins Gebäude zu laufen, weil wohl jemandem am Set plötzlich eingefallen ist, dass die Gute gefälligst im Trockenen zu sterben hat, damit die Handlung nicht in einer Sackgasse endet.

Atmosphärisch ergeben sich natürlich alleine durch das Theatersetting Parallelen zu Michele Soavis „Aquarius – Theater des Todes“ (1987), zumal sich beide Filme den Alternativtitel „Stagefright“ teilen. Vor allem aber hallt Pete Walkers „Im Rampenlicht des Bösen“ (1972) nach, wenn die Kamera sich im First-Person-Modus durch schmale Gänge hinter der Bühne vorbei an den sperrigen Kulissen quetscht. Die eher minderwertigen Aufnahmen der Steadicam und die sparsame Beleuchtung lassen in den Winkeln der Szenen schwarze Flecken aus flimmerndem Filmkorn entstehen und lenken dadurch den Fokus immer auf gewisse Winkel im Kegel der Lichtquellen, was zwar recht hässlich anzusehen ist, mitunter aber wenigstens zu stimmigen Kompositionen führt.

Das spielerisch ambivalente Ende übertönt zuletzt vielleicht auch ein wenig, aus welch grobem Stückwerk das Fundament von „Nightmare on the Street“ in Wirklichkeit geschnitzt ist. Die Anlagen für einen Untergrund-Kultklassiker schlummern zwar theoretisch in den Genen dieser Low-Budget-No-Time-Produktion, sie werden aber in der Praxis kaum ausgespielt und kulminieren letztlich in einem hysterischen Schuss aus der Hüfte für den schnellen australischen Dollar. Wenn man schon einen doppelten Boden aushebt, um den Basisstoff komplexer zu gestalten, sollte man ihn auch mit raffinierten Winkelzügen ausfüllen; sonst bleibt man bei dem Spießrutenlauf permanent in den klaffenden Löchern stecken.

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