Review

R......r....r.r...r...rr.r.r.rr.r.r.rrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr
DU bist gemeint!!!

Na, Schreck gekriegt? Herzflattern?
Dann willkommen in der Welt des amerikanisch modifizierten japanischen Horrors.

Ein Remake zu beurteilen, ist immer so eine Sache. Man kommt halt nicht drum herum, das Original zu berücksichtigen; gerade dann, wenn der Regisseur sich selbst wiederverwertet, wenn das Thema bereits mehrfach wieder aufgerollt wurde, wenn “The Grudge” darüber hinaus nicht einmal der erste seiner Art ist und ganz klar Motive aus “The Ring” verwendet. Isoliert hätte das Ding es leichter. Isoliert hätte es aber womöglich auch anders ausgesehen. Kopieren ist keine große Kunst. Es ist kein großes Geheimnis, dass die Grundidee ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtwerkes “Film” ist. Wo diese von bereits Bestehendem entliehen ist, muss man sich halt auf den Rest konzentrieren. Und der sieht im S.M.Gellar-Remake auf den ersten Blick unglaublich einfallslos aus. Der zweite Blick rettet dann wieder die Ehre aller Beteiligten ein wenig.

So ist es für den Kenner des Originals eine Geisterbahnfahrt, die nun zum zweiten Mal kurz hintereinander angetreten wird. Kurz hintereinander, weil die Produktionsjahre beider Filme sich nicht allzu deutlich unterscheiden - ein Aspekt, der meiner Meinung nach nicht unterschätzt werden darf (tatsächlich halte ich es sogar grundsätzlich für eine Respektlosigkeit dem Original gegenüber, kurz nach dessen Erscheinen ein Remake hinterherzupfeffern, als gälte es, einen Fehler zu korrigieren).
Tja, und wie das so mit dem menschlichen Gedächtnis ist: Es merkt sich Dinge. Die Schocks sind deswegen für “Ju-On”-Vorbelastete immer abzusehen. Ein klassischer Fehler, der dann auftritt, wenn ein Regisseur sein eigenes Werk neu dreht. Ole Bornedal ist dafür ein Musterbeispiel, denn der hat 1998 für sich betrachtet mit “Freeze - Alptraum Nachtwache” einen schön schaurigen und morbiden Film gedreht - wäre da nur nicht sein Original, das jegliche Magie des Remakes zunichte macht, weil es all dessen Qualitäten bereits vorwegnimmt, und das auch noch eine Spur besser.
Und bei Takashi Shimizu sieht das kein Stück anders aus. Klar, kurzfristig vermögen auch die Schocker von “The Grudge” ganz derbe ihren Job auszufüllen - sie schocken in der Sekunde der Wahrheit konsequent. Was ganz einfach fehlt, ist der subtile Vorbau. In der 1:1-Übernahme der markanten Szenen des Vorgängers (Katzenkind, Dusche, Bettdecke, Treppe) kann man sich lange Zeit zurücklehnen in einer eigenartigen Sicherheit. Erst kurz vor dem Paukenschlag richtet man sich gespannt auf und sabbert.

In der Biologie nennt man das Klassische Konditionierung nach Pawlow.

Sicher, Takako Fuji, die den Geist nun schon zum fünften Mal spielt, hat es immer noch drauf, jene Leute zu erschrecken, die sich vor dem Unbekannten und Subtilen beinahe einpissen und deswegen diesen Film sehen (zu denen gehöre ich dann wohl auch). Die Übernahme der Bewegungsweisen des Ring-Kindes stören da eigentlich genauso wenig wie Spiegel, Haare, Schatten, Augen und Kameras. Das darf man ruhig unter die Kategorie “Charaktereigenschaften des Subgenres japanischer Geisterhorror” setzen. Aber ganz ehrlich: Nach den Vorschusslorbeeren einiger Kritiker und Zuschauer, die auch den Vergleich zum Original anwendeten, habe ich mir einfach mehr erhofft. Ich bin ja sehr empfänglich für diese Art von Horror. Wer kann schon von sich behaupten, “Jacob’s Ladder”, “Mulholland Drive” und “Lost Highway” gehörten zu den Filmen, die ihm am meisten wohlige Angst beschert haben? Entsprechend reihte sich bei “Ju-On” made in Japan eine Herzattacke an die nächste; bei “The Grudge” made by America hatte ich dagegen keinerlei Probleme damit, die Augen auf den Bildschirm gerichtet zu lassen.
Mehr ist halt nicht immer mehr. Klar ist der Produktionsaufwand gestiegen. Gerade aus dem Sounddesign erhoffte man sich eine deutliche Weiterentwicklung. Aber was soll ich sagen, selbst unter Einfluss von 5.1-Sound hat mir das Sounddesign des Originals, ähnlich wie die Schockeffekte, minimal besser gefallen, wenngleich natürlich die Katzenschreie, das Knattern und all jene Geräusche auch hier ihr Übriges tun, um dem Zuschauer ein schummriges Gefühl einzuflößen. Dass es trotzdem nicht ganz zum Vorgänger reicht, mag auch einfach eine Sache der Psyche sein, denn wo einem Abweichungen vom Bekannten auffallen, werden diese Abweichungen vom Gehirn automatisch als schlecht abgespeichert. Eine plakative Orientierung an Bild und Ton des Vorgängers ist daher meiner Meinung nach keine sinnvolle Herangehensweise.

Tatsächlich wirkt der Horror auch immer dann am besten, wenn er dort auftritt, wo das Original keine Steilvorlage gab. Als Beispiel sei die Szene im Bus erwähnt, der Prolog oder auch die Finalszene. Hier wird man daran erinnert, wie sich ein Zuschauer, der das Original nicht kennt, wohl den ganzen Film über fühlen muss.

So weit zum ersten Eindruck. Beim zweiten Hinsehen offenbaren sich dann tatsächlich doch ein paar Qualitäten, und zwar in folgender Hinsicht: Takashi Shimizus Remake ist das ausgepresste Konzentrat des Originals und damit genau das Gegenteil von dem, was man von einem US-Remake erwartet hätte. Tatsächlich waren nämlich Detailausschweifungen zu befürchten. Nebenplots mit Liebe und Laster, unsinnige Auseinanderdröselungen des im Film vorkommenden Phänomens, Fluten an Spezialeffekten und Ausleuchtungen der Geisterauftritte, bis keinerlei Schatten mehr zu sehen sind. Nein, in Wirklichkeit ist auch dieser Film in seiner Szenenmontage sehr minimalistisch und bescheiden. Der Musikeinsatz ist wie schon im Original spärlich, meist gar nicht existent, um in den entscheidenden Momenten bedrohlich anzuschwellen, beim Schockeffekt die Kessel schellen zu lassen und eine großzügige Nachdruckwelle zu verursachen.

Die Story will ich gar nicht aufdröseln, das lohnt sich wie schon im Original überhaupt nicht und wäre reine Zeitverschwendung. Mehr oder minder belanglos ist damit auch die Performance der Hauptdarsteller, allen voran Sarah Michelle Gellar, die mitunter etwas künstlich bemüht wirkt. Alles total egal, denn all diese Aspekte sind ganz einfach ignorierbar.
Im Mittelpunkt sehe ich bezüglich der angesprochenen Konzentration einmal mehr die Deixis. Kommen wir mal auf den Anfangssatz dieses Reviews zurück: DU bist gemeint. Das ist ein ganz zentrales Element und offenbart die Essenz des Horrors, wie er hier präsentiert wird. Jegliche Horrorelemente um den Rachegeist basieren darauf, dass sich dieses Wesen mit ganzer Kraft auf seine Opfer konzentriert, sie persönlich ins Blickfeld nimmt, ganz einfach auf sie hinweist. Es ist das grauenhafte Gefühl, dass dieses Ding von dir weiß, dass es dich erkennt, all seine Konzentration auf dich verwendet, was den Horror von “The Grudge” und damit die ganze Idee von “Ju-On” ausmacht. Entsprechend wichtig ist die unmittelbare Nähe zum Opfer: Diese sind in keiner noch so privaten Situation vor dem Monster sicher, es ist ganz einfach überall und vollkommen auf das Opfer fixiert. Überall finden sich deiktische, also auf etwas hinweisende Zeichen: die Augen (auf dem Videoband und bei der Attacke auf die alte Frau ist das komplette Gesicht schwarz, damit jegliche Konzentration des Zuschauers auf die Augen gerichtet wird), die Haare (stromlinienförmige, dünne, schwarze Pfeile, die in fast elektrischer Anmut keine Rücksicht nehmen auf die Schwerkraft, sondern immer ihrer Richtung folgen), der zielstrebige Gang. Gerade die Augen verfolgen das Opfer, ertappen es in sicher geglaubten Momenten.
Sehr gelungen in der Hinsicht ist die einzige Szene zwischen Bill Pullman und Sarah Michelle Gellar. Über zwei verschiedene Zeitzonen überschneiden sich die Wege dieser beiden Darsteller. Mal glaubt man, dass Pullman Gellar direkt ansieht, dann geht er plötzlich so an ihr vorbei, als sei sie gar nicht da. Er guckt den Jungen an, der seinerseits Gellar ansieht, woraufhin Pullman auch Gellar anzusehen scheint, stattdessen aber nur eine Wand anstarrt und sich fragt, worauf der Junge guckt; ähnlich wie bei der alten Frau, die auf die Zimmerdecke starrt, während ihre Familie keine Ahnung hat, warum sie das tut. Überall kann man die Richtungspfeile in der Luft geradezu spüren.
Und das, meine lieben Filmfreunde, strickt das Remake konsequent und mehrwertig weiter. Zumindest von der Essenz her ist “The Grudge” das purere, konsequentere Horrormärchen.

Wären da nur nicht diese zumindest für Kenner des Originals hochgradig vorhersehbaren Schockeffekte, die ja letztendlich nun mal den Film ausmachen. So muss man sich in erster Linie einfach fragen, wieso Shimizu in der Alternation seines eigenen Werkes so einfallslos war. Denn die oben angesprochene Verbesserung durch Konzentration auf das Wesen des Japan-Horrors war keinesfalls davon abhängig. Man hätte diesen Mehrwert auch erstellen können und sich optisch gleichzeitig etwas vom Original emanzipieren.

Ich kann nun lediglich für “Ju-On”-Kenner sprechen. Nur unvorbelastete Zuschauer werden wohl voll und ganz auf ihre Kosten kommen, alle anderen leiden ganz einfach unter der Tatsache, dass die Parallelen zwischen Original und Remake einfach zu groß sind, so dass die Schockeffekte nicht so wirken, wie man das gerne hätte. Bei leichten Abweichungen packt man des weiteren dann automatisch den Vergleich aus, um zu beweisen, dass “Ju-On” einfach noch einen Tick gruseliger war. Da sich bei näherem Hinsehen aber herausstellt, dass die Macher das Konzept des Japan-Horrors verstanden haben und es in Form von deiktischen Zeichen en masse in den Film haben einfließen lassen, kann man im Endeffekt doch ganz gut mit dem Resultat leben.
Gute 6/10

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