„Sind Sie die Sprechstundenhilfe?“ – „Was denn sonst?“ – „Aber doch bloß in Vertretung für die kleine Dicke!?“ – „Die kleine Dicke...?“ – „Ja, mit Brille und Raffzähnen!“
Der in erster Linie als TV-Serien-Regisseur tätig gewesene US-Regisseur Paul Landres („Draculas Blutnacht“) drehte im Jahre 1957 mit „Dracula – Immer bei Anbruch der Nacht“ einen kleinen, feinen B-Horror-Movie, dessen im Zuge der DVD-Veröffentlichung aktuelle deutsche Titelgebung etwas verwirrend ist – zwar lautet der Originaltitel „The Vampire“, klassischen Dracula-Vampirhorror darf man jedoch nicht erwarten. Vielmehr handelt es sich um eine in der damaligen Gegenwart spielende freie Vermischung von Vampir- mit „Dr. Jekyll & Mr. Hyde“-Thematik.
Kleinstadtarzt Paul Beecher (John Beal, „Die Firma“) kann dem sterbenden Wissenschaftler Campbell (Wood Romoff) nicht mehr helfen, bekommt aber noch einen Behälter Pillen zugesteckt, auf die er gut Acht geben solle. Als er einen seiner Migräneanfälle erleidet, greift er aus Versehen zu den Pillen Campbells. Seltsame Todesfälle in seinem Umfeld häufen sich ebenso wie seine Erinnerungslücken und verschwommenen, fiebrigen Alpträume – und bald erfährt er, dass es sich bei den Pillen um eine Substanz handelt, die die Aggressivität von Tieren steigern soll und aus dem Blut von Fledermäusen gewonnen wurde. Längst ist Beecher abhängig geworden von den zellzersetzenden Pillen, die nicht nur sein Leben bedrohen...
Ein bisschen Vampir-/Fledermaus-Mythologie, eine deftige Prise „Mad Scientist“ allgemein und ganz viel Jekyll/Hyde – fertig ist Landres’ Gebräu, das einen sehr unterhaltsamen, kurzweiligen, schwarzweißen B-Movie ergibt. Das Monstrum ist wie so häufig eigentlich ein bemitleidenswerter Tropf, denn Beecher kann nun wirklich gar nichts für sein Schicksal, was dem Film eine starke tragische Note verleiht. Einen ausgetüftelten Spannungsaufbau à la Jack Arnold sollte man nicht erwarten, dafür überzeugt aber der wohldosiert eingesetzte Humor und auch die Make-Up-Effekte können sich sehen lassen. Etwas abrupt mit Überblendungen gefilmt wurde die Verwandlungsszene, was ihrem Charme indes nichts anhaben kann. Spaßigerweise gab es damals anscheinend keine ärztliche Schweigepflicht und so wird viel geschnattert und getratscht. Dank patenter schauspielerischer Leistungen und nostalgischer ’50er-Kleinstadt-Atmosphäre erscheint dies jedoch nicht als unbeholfenes Streckmittel, sondern treibt die Handlung voran, während der der Zuschauer stets einen Wissensvorsprung vor Beecher allein schon deshalb hat, weil der Film seine Spannung weniger aus der Identität des Mörders als aus der tatsächlichen Wirkung der geheimnisvollen Substanz zieht. Parallelen zu Drogenmissbrauch und der Unberechenbarkeit neuartiger Medikamente sind deutlich erkennbar.
Fazit: Ein prima Horrorfilm aus der B-Riege des phantastischen US-Kinos der 1950er für Kenner und Genießer und ungleich gelungener als der nur ein Jahr später erschienene und von echten Vampiren handelnde „Draculas Blutnacht“ desselben Regisseurs.