Ein Kameramann ist auf der Suche nach dem Antlitz des Schreckens, dem Grund, warum sich ein Arbeitsloser ein Messer in sein eigenes Auge sticht. Nicht der undefinierbare Schrecken eines Phänomens interessiert ihn, vielmehr möchte er das entsetzliche Grauen erklären und begibt sich in die Abgründe der Seele, der Unterwelt Tokios und in dessen finsteres Bunkersystem. Nach kurzen Verweisen auf Folter-Snuff-Fakes wie „Guinea Pig“ und Gruselschocker wie „Ring“ lässt Regisseur Takashi Shimizu seine Hauptfigur durch eine Welt von Romanlegenden ziehen, wo Diros, blutsaugende Wesen, und Lovecrafts Berge des Wahnsinns existieren. Dort findet er eine angekettete junge Frau, die er in seine Welt aufnimmt, warum sie nicht isst und nicht trinkt, verraten einige Hinweise. Damit ist „Marebito“ zum Glück kein weiterer asiatischer Gruselfilm mit kreidebleichen Geistermädchen, jedoch auch kein moderner Vampirfilm, wie man erst meinen möchte. Und wenn das Drehbuch nach allen fantastischen Ausflügen wieder mit der Auflösung in die Realität findet, ist die schockierende Wahrheit umso unerwarteter präsent und „Marebito“ entpuppt sich als kleine Perle, klein da mit 50000$ in wenigen Tagen abgedreht. Die leicht surrealen Momente und der flächig wabernde Atonalsound im Hintergrund verleihen diesem Film eine ungewöhnliche Atmosphäre, als Hauptdarsteller gefallen Tomomi Miyashita als weibliche Kaspar Hauser F (wohl an Robinsons Freitag angelehnt) und Schauspieler/Regisseur Shinya Tsukamoto ("Tetsuo"), der sich im Gegensatz zu „Ichi“ hier selbst die Zunge abschneidet. Die Figuren am Rande sind mehr Mittel zum Gruselzweck, wie sich hinterher herausstellt, diese Low-Budget Produktion zielt mit seinem mysteriösen Plot darauf ab, den Zuschauer auf die falsche Fährte zu locken, was ihm ganz nebenbei auch gelingt. Die böse Pointe hat Takashi Shimizu ("The Grudge") auch wieder seiner Vorliebe für den Schrecken im Kopf gewidmet, trotz einiger blutiger Szenen baut er nicht auf Splatter auf, sondern auf einer subtilen Story.
Fazit: Ein zunächst eigenartiges Filmchen zwischen zwei großen "Grudge"-Produktionen, der letztlich doch schlüssig wird. Eine ungreifbare Momentaufnahme an unheimlichem Kopfkino. 7/10 Punkten