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Es ist schön, zwischenzeitlich auch mal ein Werk von Takashi Shimizu zu sehen, das nicht den Titel „Ju-on / The Grudge“ trägt. Zwar frönt der Regisseur auch hier seiner Vorliebe für weiß angestrichene Schauspieler. „Marebito“ ist aber sonst in allen Belangen weitaus origineller und verstörender.
Zentrale Themen des Films sind Angst, Schrecken, Obsession und Paranoia. Masuoka ist ein arbeitsloser Fernsehkameramann, der von dem Wunsch besessen ist, dem puren, absoluten Schrecken ins Auge zu blicken. Immer und immer wieder schaut er sich Zuhause die Aufnahmen eines Mannes an, der sich aus Verzweiflung die Augen aussticht, völlig fasziniert von dem Ausdruck fassungsloser Angst, die sich kurz vor seinem Tod auf seinem Gesicht abzeichnet. Masuoka, der fast nie seine Kamera aus der Hand legt und damit ständig neue Eindrücke sammelt, will genau das sehen, was dieser Mann gesehen hat und stößt bei seinen Nachforschungen auf eine kleine Luke, die den Zugang zu einem gewaltigen Tunnelsystem unterhalb Tokios freigibt. In dieser Unterwelt, in der auch Deros, also detrimentale Roboter, existieren, stößt er schließlich inmitten von H.P. Lovecrafts Bergen des Wahnsinns auf eine nackte, an einen Felsen gefesselte Frau, die er mit zu sich nach Hause nimmt.
Diese Frau, stumm und vollkommen weltfremd, will er wieder zum Menschen erziehen, doch alles, was er ihr zu Essen und Trinken anbietet, lehnt sie ab. Erst durch einen Zufall wird ihm bewusst, nach was dieses rätselhafte Geschöpf mit den spitzen Eckzähnen giert und geht für ihr Überleben schließlich über Leichen. Er baut eine bizarre Beziehung zu ihr auf, die am treffendsten mit der eines Menschen zu seiner Katze verglichen werden kann – das französische Filmplakat provoziert übrigens mit der Frage „Und welches Haustier halten Sie sich?“
Gleichzeitig häufen sich Erscheinungen von Deros, Männern in schwarz und – wie sollte es auch anders sein – gelegentlich sogar ein paar Geistern, gegen die Masuoka sich behaupten muss. Bemerkenswerterweise werden deren Hintergründe nie wirklich aufgelöst, die Tatsache, dass so viele Nebenhandlungsstränge völlig ins Leere laufen, erweckt schließlich den Eindruck, einen Film gesehen zu haben, der in der Anzahl der Plotlöcher kaum überboten werden kann. Vielmehr scheinen diese Elemente allerdings zur Irritierung der Zuschauer da zu sein, denn durch die vielen Fragezeichen, die nach Filmende noch stehen bleiben, ist das bewusste Nachdenken über das Gesehene unvermeidlich. Wahrscheinlich sind sie sogar nur der Ausdruck von Masuokas Wahnsinn, Manifestierungen seiner Sehnsüchte und Hoffnungen.
Seinen eigenen Wahnsinn streitet er übrigens im Lauf des Films ab, bezeichnet ihn als Schauspiel seinerseits, mit dem er versucht hat, dem ultimativen Schrecken näher zu kommen. So ganz glaubwürdig ist er dabei allerdings nicht, denn auch er scheint – genau wie der Zuschauer – Realität und Wahnsinn gar nicht mehr unterscheiden zu können.
Shinya Tsukamoto, sowohl vor und hinter der Kamera einer der fähigsten Männer Japans, verleiht dem Protagonisten die nötige Tiefe, die für solch eine One Man Show nötig ist. Sein Masuoka ist kalt und leer, menschenscheu und nicht in der Lage sich in andere hineinzuversetzen. Stattdessen projiziert er seine eigene Leere auf andere Personen und ist in der Konsequenz wohl noch weltfremder als F. Als sich dann am Ende auch der Verdacht hinsichtlich Fs wahrer Identität bestätigt ist das düstere und bedrückende Psychogramm eines Besessenen komplett. Mindestens ebenso eindringlich spielt Tomomi Miyashita, die als geheimnisvolle Vampirfrau gleichzeitig mitleiderregend und furchteinflößend ist und tatsächlich in ihrer Körpersprache mehr wie ein Haustier als wie ein Mensch wirkt.
Ganz im Gegensatz zu den „Ju-on“-Filmen setzt „Marebito“ in keiner Szene auf den momentanen Schock, sondern baut von Anfang an eine unheimliche Atmosphäre auf, die sich zum Ende hin mehr und mehr steigert. Der wahre Schrecken geht hier weniger von den übernatürlichen Erscheinungen oder expliziten Gewalttaten aus als vielmehr von den menschlichen Abgründen, die sich auftun. Der Mord an der ahnungslosen Schülerin beispielsweise sorgt nicht wegen des spritzenden Blutes für eine Gänsehaut, sondern wegen der Gefühlsarmut, mit der Masuoka handelt und wegen des verängstigten Gesichtsausdrucks des Opfers. Wer den Film sieht, kann sich außerdem auf einen der verstörendsten Küsse der Filmgeschichte gefasst machen.
„Marebito“ ist ungewöhnlich, irritierend und wartet mit einer bösen Auflösung am Ende auf, die den Film noch lange im Kopf des Betrachters herumgeistern lässt. Wer nicht alles vorgekaut bekommen möchte und gut mit unbeantworteten Fragen leben kann, sollte sich auf dieses eigenartige Werk einlassen.

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