Review

Masuoka ist Kameramann einer reißerischen Reality-Show, die den Menschen Mord und Todschlag live auf die heimische Mattscheibe zaubert. Als er mit seinem Werkzeug eines Tages einen Selbstmörder einfängt, der sich am helllichten Tag in aller Öffentlichkeit ein Auge aussticht, packt ihn plötzlich die Sucht, die Furcht, die sich im Gesichtsausdruck dieses Sterbenden widerspiegelte, zu suchen, zu finden und am eigenen Leib zu erfahren, weil er darin eines der pursten und ureigensten menschlichen Gefühle vermutet.
Seine Odyssee führt ihn in ein verborgenes, unterirdisches Tunnel- und Höhlensystem der Stadt. Dort, fernab von Tageslicht und jeglicher Zivilisation, findet Masu eine stumme, apathisch wirkende und komplett nackte Mädchengestalt auf, welche er beschließt, mit nach Hause zu nehmen.
Er nennt das Mädchen „F“. „F“ isst nicht, trinkt nicht und ist pro Tag nur maximal drei Stunden wach. Masu hält sie wie einen Hund und verbirgt sie vor der Außenwelt.
Als sich unser Protagonist eines Tages jedoch in den Finger schneidet, bemerkt er, dass „F“ sehr wohl Hunger hat und zwar auf Blut. Fortan bringt er damit zu, seinem Haustier Futter zu beschaffen…

Klingt strange… und ist noch viel stranger.
„Marebito“ vermengt „Schwarzhaarigen Mädchen“-Horror mit Genre-untypischen Elementen wie Sozialkritik, Außenseiter- und Entfremdungsdramaturgie und Lynch-schen Paranoia-Attacken, einen psychotische innere Monologe führenden Ich-Erzähler als Protagonisten und eine dezente Prise „Mermaid in a Manhole“ aka „Guinea Pig 6“ inklusive.
„Marebito“ ist weiter von Kopf bis Fuß auf düster, depri und pessimistisch getrimmt. Wohin man blickt karge Kulissen, farblose Gesichter, lange Schatten und Lebensunlust, und dies getüncht in eine kalte, starre, voyeuristische, aber zugleich unbeteiligt wirkende „Toter Kameramann“-Optik lassen beim Zuschauer das Gefühl aufkommen, Weihnachten und Geburtstag fällen dieses Jahr aus.
So unheimlich wie „Ju-on“, so düster und freudlos wie „Mann beißt Hund“ oder Montagfrüh in die Arbeit müssen, so lebensverneinend wie Kurt Cobain… - scheint ein wahres Prachtstück zu sein, der Film.

Anfangs machte ich mir daher doch tatsächlich Sorgen, der Streifen könnte mir zu gruselig sein, könnte so unheimlich sein, dass ich danach Probleme mit dem Einschlafen, mit der Dunkelheit oder dem In-den-Spiegel-schauen bekommen könnte.
Doch falsch gedacht!
Grund: die Story. Diese macht nämlich nicht nur eine Metamorphose vom Psycho-Horror zum Psycho-Drama durch, der anfängliche Hardcore-Thrill kommt darüber hinaus schnell zum Erliegen und plänkelt kurzzeitig gar nur noch seicht umher.
Das Level auf dem das Spannungsbarometer schließlich zum Stehen kommt, kann sich dann zwar durchaus sehen lassen, insgesamt verlangt der bizarre bis komplett irre Erzählstil dem Viewer allerdings schon so einiges ab ohne dabei aber wirklich konsequent zu fesseln.
Damit ihr mich nicht falsch versteht: „Marebito“ ist nicht surreal, aber teilweise so phantastisch und wahnsinnig, dass man geneigt ist, die Glotze mit einer Zwangsjacke zuzudecken.
Klingt komisch, is’ aber so.
Eine story-technische 180°-Wendung beinhaltet der Plot dann freilich auch noch, welche auch wirklich gut gelungen ist und ins Konzept passt, zu der ich allerdings nichts weiter sagen will, um euch die Überraschung nicht zu versauen.

Fazit daher:
„Kairo“ meets „The Machinist“ - Psycho-Grusler, Entfremdungsdrama und Anleitung zum Durchdrehen ...und alles auf verdammt hohem Niveau und schweine-anspruchsvoll.
Es drängen sich einem zig Vergleiche auf - „Pulse“, „Suicide Club“, „Un-natural Beauty“, „A Tale Of Two Sisters“„Mermaid in a Manhole”  -  ...und doch erfasst keiner den essentiellen Grundton des Films perfekt oder trifft den Nagel auf den Kopf.
Einsamkeit, Isolation, Pessimismus, Lebensüberdrüssigkeit… und, hm, ein schwarzhaariges Mädel, das gerne Blut trinkt.
Sehenswert.

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