„Marebito“, ein Film aus Sicht der Hauptfigur. Schön, einen Menschen und seine Innenwelt hautnah kennen zu lernen. Da dieser Typ jedoch durch und durch schizophren veranlagt ist, gestaltet sich das für den Zuschauer nicht sonderlich stringent. Im Gegenteil, Kopfkino in seiner reinsten Form.
Alles, was man zunächst über Hauptfigur Masuoka erfährt: Er ist Kameramann und auf der Suche nach dem ultimativen Schrecken. Diesem begegnet offenbar auch ein Selbstmörder, den Masuoka zufällig mit der Kamera filmt. Um dem nachzugehen, begibt er sich zurück an den Tatort, eine U-Bahn Station, und landet kurz darauf in einer Art Unterwelt. Hier begegnet er einem angeketteten, nackten Mädchen und beschließt, es mit nach Hause zu nehmen.
Jedoch ist die junge Frau, die er F nennt, keine Durchschnittsjapanerin. Sie artikuliert sich nicht, ist nur drei Stunden pro Tag wach und – was zum größten Problem Masuokas wird – sie ernährt sich ausschließlich von Blut.
Tja, und am Ende ist mal wieder nichts davon real.
Denn, spätestens mit dem Eintauchen in die Unterwelt, einschließlich oberflächlicher Gespräche mit dem Geist des Selbstmörders über weitere Parallelwelten und der Unterbringung von Lovecrafts „Berge des Wahnsinns“, driftet die Erzählung ins Groteske ab.
Spätestens hier wird man damit beginnen, eine Menge Puzzleteile zwischenzuspeichern, auch wenn das fertige Bild am Ende gar nicht so viele benötigt hätte.
Und darin liegt das Hauptproblem des Streifens. Bis zur Auflösung teilt man die pessimistische und lethargische Sichtweise der Hauptfigur, die Nebenhandlungsstränge und Personen einbindet, die lediglich verwirren, aber inhaltlich nichts beitragen. Distanziert folgt man dem Depressiven in seine eiskalt düstere Welt, die sich als einziger großer Abgrund entpuppt. Dabei teilt uns Masuoka im Off seine Gedanken mit, trägt stets seine Kamera bei sich, weil die die Realität für ihn einfangen muss, von der er sich bereits verabschiedet hat.
Dabei geht das Erzähltempo gegen Null, viele lang gezogene Szenen erweisen sich als redundant und schließlich bleibt einem nichts anderes übrig, als geduldig, aber reichlich ermüdet, dem zumindest aufschlussreichen Finale entgegen zu mäandern.
Gut, hier fügen sich die meisten Puzzleteile zusammen und ergeben, zumindest mit Nachdenkphase nach Abspann ein nachvollziehbares Gesamtbild ab.
Die Metapher für das Blutsaugen des animalisch handelnden Mädchens wird geklärt, die Auftritte des mysteriösen Selbstmörders machen Sinn und schließlich erfährt man sogar etwas über die Ängste der Hauptfigur in Bezug auf Selbstmord.
Alles rund, alles schlüssig. Aber warum bitte so umständlich aufgedröselt und dermaßen lahmarschig inszeniert?
Natürlich kann man, weil man sie in letzter Zeit im Übermaß hinnehmen musste, auf die schwarzhaarigen Geisterkinder und weitere Schockeffekte verzichten, doch etwas zum Mitfiebern sollte man schon bieten. Da reicht mir ein Zwei-Personen-Stück mit Hang zur inhaltlichen Stagnation gewiss nicht aus, auch wenn es zwischendurch ein paar atmosphärisch ansprechende Szenen gibt und die beiden Darsteller ihr Anliegen wirklich überzeugend rüberbringen.
Doch was bringt es, fast die komplette Laufzeit über zu rätseln oder sich zu langweilen, nur, damit man ein auf den ersten Blick nicht schlüssiges Ende vorgesetzt bekommt, um sich noch ein wenig länger mit dem Material zu beschäftigen. Ich möchte während des Films (und durch ihn) unterhalten werden und nicht danach. Zumindest sollte man die Pfade eines David Lynch nicht dermaßen überstrapazieren, indem man Entschlüsseln des Plots zur Hauptaufgabe macht und ansonsten nur anödet, was dieser Film bis auf die letzten 15 Minuten leider tut.
Zugegeben, Regisseur Shimizu hat die Drehpause zwischen Grudge und Grudge genutzt und in nur wenigen Tagen Drehzeit mit geringem Budget einen visuell ansprechenden Beitrag hingelegt. Das Ergebnis hebt sich auch vom typischen Asia-Schock-Einheitsbrei ab, das muss man grundlegend konstatieren. Doch am Ende steht ein Film, der mit seinen Irrungen und Wirrungen oft ins Leere läuft und lediglich mit einer schlüssigen Auflösung ein paar dramaturgische Schwächen ausbügeln kann.
Meistens Langeweile, selten spannend oder gar fesselnd und die meiste Zeit über verwirrend.
Die Idee ist gut und intelligent, die Umsetzung hat mich jedoch überhaupt nicht angesprochen
Knapp
4 von 10