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Wer kennt sie nicht? Robert Louis Balfour Stevensons (13.11.1850 – 3.12.1894) im Januar 1886 veröffentlichte Schauermär Strange Case of Dr Jekyll and Mr Hyde (Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde) zählt wohl mit zu den berühmtesten Stücken Horrorliteratur überhaupt und wurde auch bereits einige Male fürs Kino bzw. Fernsehen verfilmt. Die bekanntesten Adaptionen stammen aus den Jahren 1920 (Regie: John S. Robertson), 1931 (Regie: Rouben Mamoulian) und 1941 (Regie: Victor Fleming), wo aus den jeweiligen, von John Barrymore, Fredric March und Spencer Tracy gespielten Ärzten deren grobschlächtig-brutale Alter Egos wurden. Und dann gibt es noch ein paar Verfilmungen, welche bloß die Grundidee der Geschichte aufgreifen und danach völlig eigene, oft reichlich bizarre Wege gehen. Wie z. B. Roy Ward Bakers Dr. Jekyll & Sister Hyde (1971), wo sich mit Dr. Jekyll (Ralph Bates) ein Mann in die Frau Sister Hyde (Martine Beswick) verwandelt. Oder Rolfe Kanefskys Jacqueline Hyde (2005), in welchem die Protagonistin ihr Äußeres positiv verändern kann und des Nachts auf Männerjagd geht. Oder Tony Marsiglias Dr. Jekyll & Mistress Hyde (2003), wo ebenfalls eine Verwandlung der ungewöhnlichen, wollüstigen Art stattfindet.

Dr. Jackie Stevenson (Julian Wells) ist eine erfolgreiche Wissenschaftlerin, die mit ihrem Mann Richard (Boz Tennyson) und dem Hausmädchen Paula Beswick (Ruby Larocca) in einer luxuriösen Villa lebt. So brillant Jackie in ihrem Beruf auch ist, auf sexueller Ebene ist sie eine glatte Null. Deshalb vergnügt sich Richard auch lieber mit Paula, die ihm stets zu Diensten sein muß. Nun hat Jackie allerdings eine ungeheuerliche Entdeckung gemacht. Die Forscherin ist ja der Überzeugung, daß im Inneren einer Frau ein ständiger Widerstreit der Gefühle tobt. Überspitzt und vereinfacht ausgedrückt ist die Frau zum einen Teil Heilige und zum anderen Teil Hure. Mit ihrem neu entwickelten Serum Euphoria glaubt sie, diese zwei Seiten trennen und den Hure-Part in den Vordergrund rücken zu können. Und tatsächlich scheint es zu funktionieren. Ihr erstes Versuchskaninchen Martine Flagstone (Erin Brown aka Misty Mundae), eine enttäuschte, depressive junge Frau, die ihrem Leben ein vorzeitiges Ende setzen will, fällt nach der Injektion in sexuellem Rausch über Jackie her und vernascht sie gleich an Ort und Stelle. Unglücklicherweise war die Dosis jedoch zu stark, das Gehirn kann die lustvollen, ekstatischen Empfindungen nicht verarbeiten, und Martine verfällt dem Wahnsinn. Wie es sich für eine ambitionierte Wissenschaftlerin gehört, denkt Jackie nicht ans Aufgeben, vermindert die Dosis und injiziert sich die grüne Flüssigkeit selbst. Als Heidi Hyde stillt sie ihren sexuellen Appetit fortan mit der schüchternen Prostituierten Dawn Hopkins (Erin Brown in einer Doppelrolle). Prompt verliebt sie sich in die fragile junge Frau...

Wäre Dr. Jekyll & Mistress Hyde in Japan entstanden, könnte man ihn guten Gewissens dem Pinku eiga-Genre zuordnen. Dort hatten die Regisseure ja durchwegs freie Hand bei der Wahl ihrer Geschichten, solange sie nur genug nackte Haut und On-Screen-Sex in ihr Werk inkludierten. Hier ist es ähnlich. Marsiglias Variante der klassischen Gruselstory ist weit vom üblichen Seduction Cinema-Output entfernt. Während die meisten Filme dieser Produktionsfirma im Grunde nur jede Menge lecker-neckische Lesbensexspielchen mit einem Hauch von Story drum rum bieten, so versuchen Drehbuchautor Bruce G. Hallenbeck und Regisseur Tony Marsiglia eine Geschichte zu erzählen und den obligatorischen Sex in diese zu integrieren. In diesem Fall funktioniert das recht gut, da der Sex ja Teil der Geschichte ist und deshalb auch seine Berechtigung hat. Im Gegensatz zum Großteil der Filme anderer Regisseure für Seduction Cinema hat Dr. Jekyll & Mistress Hyde deshalb viel mehr zu bieten als nur (lesbischen) Softsex. Hier gibt es unter anderem einige Parallelen zum französischen Auteur Jean Rollin; man achte z. B. auf die beiden nackten Frauen, die sich wie Rollins Vampirmädchen stumm ihrem Opfer nähern... ein purer Rollin-Moment. Außerdem fühlt sich Dr. Jekyll & Mistress Hyde zum Teil wie ein surrealer Traum an (eine weitere Gemeinsamkeit mit den Genrefilmen von Monsieur Rollin). Die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit verwischen. Was ist real, was ist zusammenphantasiert? Erst das Ende gibt darüber Aufschluß, und dieses hat es wahrlich in sich. Wer mit Marsiglias Schaffen (u. a. Sinful, Chantal, Suzie Heartless) vertraut ist, weiß natürlich, daß dieser Twist nicht von der schönen, und-sie-lebten-glücklich-bis-ans-Ende-ihrer-Tage-Art sein kann.

Die fünf (!) Schauspieler/innen, die im Film zu sehen sind, meistern ihre jeweiligen Aufgaben mit Bravour. Ihre Leistung ist zwar nicht Oscarverdächtig, aber für B-Movie-Verhältnisse verdammt gut. Julian Wells (Bite Me!) überzeugt als zugeknöpfte, unsichere Wissenschaftlerin ebenso wie als selbstbewußter, sexhungriger Vamp. Erin Brown (Masters of Horror: Sick Girl) steht ihr in Nichts nach und haucht ihren beiden Charakteren eine Verletzlichkeit ein, die fast schon schmerzt. Ruby Larocca (Bleeding Through) als Paula und Andrea Davis (Lust for Dracula) als Talk Show-Host Ingrid haben zwar nicht viel zu tun, punkten aber mit einer lässigen Präsenz. Letztere hat außerdem riesige Brustwarzen! Und Boz Tennyson, der einzige Mann der Runde, gibt das schmierige Arschloch mit Gusto. Das Zusammenspiel des kleinen Ensembles funktioniert aufgrund der tollen Chemie untereinander prächtig, und die zentrale Liebesgeschichte kommt durchaus glaubhaft rüber. Erwähnung verdient noch die musikalische Untermalung von Don Mike, dessen Score phasenweise stark variiert, aber erstaunlich gut mit den Bildern harmoniert; die Bandbreite reicht dabei vom klassischen Orchester über stimmigen Jazz bis hin zum gutgelaunten Popsong (ein cooler Remix von Something's Come Over You, der einem lange nicht mehr aus dem Kopf geht). Die Sexszenen sind schön gefilmt, für mein Empfinden aber entschieden zu lang. Das ist jedoch zu verschmerzen, weil man den hübschen Frauen bei ihren Liebesspielen gerne zusieht, weil es hin und wieder angenehm prickelt, und weil Marsiglia den Spagat zwischen Exploitation und Arthouse spielerisch schafft und seinem Werk zudem einen stark europäischen Anstrich gibt.

Ob Mann bzw. Frau mit Dr. Jekyll & Mistress Hyde etwas anfangen kann? Nun, das ist schwierig zu beantworten. Man muß auf alle Fälle ein Faible für Independent-Movies weit abseits des Mainstreams haben, und man muß an Filmen Gefallen finden können, die auf Spannung, Action, Effektgewitter und halsbrecherisches Tempo rigoros verzichten. Außerdem sollte man die Gabe haben, sich fallen lassen zu können, um in einen ruhigen Film einzutauchen, der u. a. von seiner eigenwilligen Stimmung lebt. Keine Frage, es gibt bestimmt Menschen, die diesen Film lieben. Genauso wie es Menschen gibt, die ihn stinklangweilig und nahezu unerträglich finden. Das ist ähnlich wie mit den erotischen "Kunstfilmen" des 2013 verstorbenen Spaniers Jesús Franco (z. B. Necronomicon - Geträumte Sünden, La comtesse noire oder den alles überragenden Les possédées du diable). Und wie bei Franco kann es auch bei Marsiglia vorkommen, daß die Kamera so ganz beiläufig und unaufgeregt einen dichten Busch oder eine blanke Muschi einfängt. Für Fans von Julian Wells und/oder Misty Mundae ist Dr. Jekyll & Mistress Hyde jedenfalls unverzichtbar. Nicht nur, weil sie sehr gut und ausgesprochen freizügig agieren, sondern auch, weil sie ihren Figuren Leben einhauchen und man von ihrem Schicksal somit nicht gänzlich unberührt bleibt.

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