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Es ist wirklich faszinierend: Bei fast jedem modernen Klassiker des amerikanischen Horrorfilms, bei dem man die Ideen bewundert, stellt man irgendwann fest, dass alle nur bei Bava abgekupfert haben. So verhält es sich auch bei "Shock", der in einer eher unscheinbaren Verpackung von Extreme billig auch für den deutschen, grenznahen Verbraucher zur Verfügung steht.
Die Geschichte beginnt unspektakulär. Eine sehr heile Familie (Mutter, Vater, Sohn) bezieht ein neues Haus und es beginnt das Glück ohne Ende. Doch wir merken schnell, das es nicht so sein wird. Der Sohn ist nicht von dem Vater, der Vater ist nie zu Hause und mit dem ersten Mann der Mutter hat es Probleme gegeben. Wir lernen auch, dass das "neue" Haus als Wohnstätte nicht wirklich neu ist. Nun gut, kein großes Problem. Leider beginnt der Junge, sich etwas absonderlich zu verhalten. Und das Haus startet mit kleineren Übergriffen auf die seelisch ohnehin nicht besonders stabile Mutter. Bava steigert die Bedrohung durch Kind und Haus bis zu einem schönen, blutigen Showdown im Keller. Dabei erfahren wir, was wirklich Sache ist. Mama hat ihren Ex damals im Rausch umgebracht, da er harte Drogen konsumierte und auch ihr verabreicht hat. Der neue Mann hat den Tot als Selbstmord dargestellt und den Kadaver im Keller eingemauert. Von dort aus sinnt der Geist des Gemeuchelten nach Rache und bedient sich des Jungen und des Hauses als Instrument.

Altersbedingt kommt "Shock" etwas muffig daher. Mit der heilen Welt am Anfang kommt leichte Langeweile auf, die man dringend aussitzen sollte. Irgendwann gewinnt der Film deutlich an Fahrt. Und dann staunt man nur noch, was Bava alles schon in seinem Film hatte; Jahre vor Amityville oder Evil Dead. Gut, aber auch nach "Ein Toter spielt Klavier".

Natürlich dürfen wir nicht wunder-wer-weiß-welche Effekte erwarten. Was Bava ermöglichen konnte macht er so gut es der Stand der Technik halt hergab. Dafür ist offensichtlich, das er den kleinen, leicht praktizierbaren Effekten großen Augenmerk widmet. Die Rasierklinge zwischen den Klaviertasten ist hierfür ein schöner Vertreter.

Bava beweist einmal mehr, dass er handwerklich vielleicht der beste Horrorregiseur aller Zeiten ist (zumindest mit dem Bonus der frühen Stunde). Kamera, Licht und Schnitt sind wie immer bestens. Seine Raffinesse zeigt sich auch in dem sehr guten Übergang der Bedrohung durch dass Teppichmesser hin zum Selbstmord der Mutter. Und ein Augenzwinkern ist auch dabei (es ist halt schwer, jemanden durch ein Loch in der Wand zu schieben, wenn in dessen Brust eine Spitzhacke steckt).

Schauspielerisch werden hier solide Leistungen abgeliefert, wobei die Rolle des Jungen sogar außergewöhnlich gut rüberkommt (Damien, setzen), da sie differenzierter gespielt wird. Alle Achtung. Die Ausstattung ist zeitbedingt und wirkt heute staubig. Auch die Musik ist äratypisch, aber erträglich.

"Shock" ist ein Muss für Bava-Fans, aber auch sonst kurzweilige Unterhaltung. Und Pflichtprogramm für alle diejenigen, die wissen wollen, wo Ideen wirklich herkommen. Für mich sichere 8 von 10 Punkten.

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