Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn ist einer der frühen Vertreter des Subgenres Heavy Metal Horror. Das Exploitation-Pärchen Beverly und Ferd Sebastian schienen den Puls der Zeit gespürt zu haben. So ist auf dem Filmplakat ausnahmsweise mal der Frauenpopo hintergründig über die Schulter eines Metal-Monsters drappiert und Billy “Eye” Harper (Tray Loren), Frontmann der fiktiven Band Rocktober Blood, begrüßt die Zuschauer zu typischen US-Metal Riffs der 84er-Ära mit einem feinen Falsett, nah an die Höhen von Nitro oder Neon Cross reichend.
Mit anderen Worten, Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn macht seinem deutschen Verleihtitel alle Ehre, wird zur Geduldsprobe für alle Wimps und Poser, die sich weder für auftoupierte Haare noch Gesangsregionen begeistern können, bei denen man über den Gehalt von “Eiern” nächtelang diskutieren könnte.
Der Fan freut sich über ein paar tolle, teils bis zum Ende ausgespielte Songs der Band Sorcery, genauer denen aus Los Angeles, die auch bei dem Film Stunt Rock mitgewirkt haben. Allerdings ist hier der dritte Sänger Nigel Benjamin zu hören – selbst erst seit 1984 dabei. Zuvor vergnügte er sich mit den Bands Mott the Hoople und London. Damit kommt im Gegensatz zu den Schauspielern dann auch ein bisschen Prominenz in den Streifen. Diese haben in der Filmographie nämlich oft nur weitere Filme der Sebastians stehen.
Aufnahmen im Studio. Billy singt nach gut 3 Minuten immer noch seinen Opener, zu dem die Credits gelaufen sind. Seine Band hängt auf dem Sofa herum. Glänzende Chromteile reflektieren strahlend. Noch ein paar spitze Schreie, dann trifft der verschwitzte Heavy Metal Sänger auf Lynn (Donna Scoggins), die ihrerseits nun ihre Stimme zum Song “Rainbow Eyes” einsingen darf, während ihre Zuneigung von der scheinbaren Hauptfigur zu Gunsten einer Dame mit deutlichen interessen an seinem Körper ausgeschlagen wird. Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn erfordert an dieser Stelle wohl etwas Verständnis für die Mechanismen der Rockwelt. Vor dem archaischen Wandgemälde mit Palmen und Möwen ist im Studio nicht sonderlich viel Bewegung auszumachen.
Nachdem Lynn ihren Billy fluchend gehen lassen mußte, ist es nur eine Frage von Augenblicken, bis eine schemenhafte Gestalt in einer Arcade-Halle das Messer zückt. Die Spannung in Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn wird erstaunlich effektiv aufgebaut. Ohne Kompromisse wird dem daddelnden Studioangestellten die Kehle aufgeschlitzt. Da der Zuschauer nun um die Gefahr weiß, bleibt mehr Zeit, Lynn dabei zu beobachten, wie sie nackt in die Blubberwanne einer Wohlfühloase steigt. Klassische Suspense spannt uns auf die Folter. Ein Angriff auf Lynn scheint nur eine Frage der Zeit.
Während zu atmosphärischen Synthie-Teppichen ein paar Stiefel durch die Nacht stapfen, unterstreichen Bräunungsstreifen oder gar -flächen die Zeit in die wir mit Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn zurückversetzt werden. Ganz so verquer ist das Schönheitsideal noch nicht und das ist im Sinne der Natürlichkeit angenehm und gut so. Eine Leiche mehr, dann sitzt vor dem Mischpult ein Drogen rauchenden Billy und übt sich im Backward Masking. Es liegt nicht an seiner Pilotenbrille, daß man den Eindruck gewinnt, er habe einen an der Klatsche. Das muß Lynn am eigenen Leibe erfahren, als ihr vemeintlicher Freund ein stattliches Messer zückt, um sie damit zu kitzeln.
Hier unterbricht Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn ein Zeitsprung zu einer Rocktober Blood Presseveranstaltung zwei Jahre später. Der Wetterbericht meldet Schneegestöber in den Nasen, dann klärt ein Fernsehinterview vor dem Hintergrund eines Breakdancers im Monsteroutfit auf, daß Lynn die Attacke überlebt hat. Billy hingegen wurde auf ihre Anzeige hin auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.
Wilde Tänze und eine markante Rockröhre der nun selbst in den Vordergrund gerückten Lynn sorgen an dieser Stelle für eine frühe Reprise des Ohrwurms Rainbow Eyes. Daß der weitere Verlauf von Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn nicht sonderlich überraschend sein wird, liegt auf der Hand, denn eine Rache des ausgeschalteten Killers ist nach den Slasher-Film-Gesetzen quasi zwingend notwendig.
Da es für einen durchschnittlichen 80er Jahre Bodycount ungeschickt wäre, jetzt schon das große Gemetzel einzuläuten, wird die arme Lynn zunächst in den Bergen mittels Stimmengewirr terrorisiert. Dann fällt das Publikum in eine markante Fallgrube der 80er Jahre Mode, als die junge Sängerin mit ihren Freundinnen zu feuchtem Hochglanz heißgesportelt in einer Hütte anzutreffen ist, um ein erzählerisches Upgrade zu liefern und mit ein bisschen Aerobic in passenden, eng anliegenden Outfits den Zuschaueraugen zu schmeicheln – wenn man es denn mag.
Markant an Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn ist offenbar der Exploitation-Hintergrund der Sebastians. Klassisch droht eine sonore Stimme am Telefon. Der formulierte Wunsch “I want your hot steaming pussy blood all over my face!” ist, wenn auch nur verbalisiert, für den amerikanischen Slasher, bei dem gewöhnlich sexueller Antrieb in Gewaltausbrüche kanalisiert wird ungewöhlich derb.
Redlich hingegen bemüht man sich, den laufenden Akt abwechslungsreich zu gestalten. Kontrast zu psychischer Anspannung bilden sinnlose, aber optisch ganz angenehme Motive wie eine rasante Bootsfahrt auf einem See. Während der ob der Exekution des Übeltäters allgemeinen Unsicherheit finden die Sebastians ein recht treffliches Timing für die nächste Attacke, so daß Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn für hanebüchenen Videoschlock recht erquickend bleibt. Daß Donna Scoggins gerne badet und erneut blank zieht ist sicherlich auch ein nicht zu verachtender Faktor für die geifernden Zuschauer vor ihren Videogeräten. Schließlich hatten diese sich von der Auswahl des Films garantiert ein paar Dinge versprochen.
Dazu gehört auch der Heavy Metal Soundtrack, den man zur Filmmitte hin schmerzlich zu vermissen beginnt, da die Handlung unlängst auf die Slasher-Seite gewechselt hat, wobei anschwellende Klangteppiche und eine den Eindruck einer Ego-Perspektive suggerierende Kamera zu willkürlichen Werkzeugen der Spannung werden.
Der Killer, sich auf das an Lynn gerichtete Rainbow Eyes beziehend, beginnt zusehens, seine sadistische Ader auszuleben, indem er sein kreischendes Objekt der Begierde scheucht und durch allerlei Gequatsche demoralisiert. Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn fällt damit in ein Dominanzspiel gleich einer Katze, die eine gefangene Maus unter Kontrolle zu halten versucht.
Im letzten Drittel von Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn übernimmt Lynn die Initiative und überprüft Billys Grabstätte. Nach einem bisher geringfügig furchtsamen Verhalten ist dies vielleicht sogar die schlüssigste Entwicklung, kann man der kurzhaarigen Schönheit doch so eine gewisse Abgebrühtheit oder seelische Stabilität unterstellen.
Bevor der Streifen nun ganz zum Bügelfilm verkommt, nimmt der Übeltäter selbst das Eisen in die Hand und das anstehende Konzert bringt uns endlich zurück zum Lebenselixir eines derartigen Machwerks zwischen Guilty Pleasure und Geduldsprobe. Wenn man heute noch zwischen den unendlich in die Videoregale drängenden Kassetten des Slasherbooms auswählt, dann ist man entweder Genre-Enthusiast, oder man kann dem Konzept etwas abgewinnen, wie man im Fall von Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn eben spitz auf die Mucke ist.
Hier lohnt sich das etwas deliriöse Warten, denn zumindest im englischen Ton kommt der Wahnsinn der geplanten Horrorschau gut rüber. Übertriebene Posen des Gitarrensolisten im Nebel und eine in Ketten liegende Maid in weißem Gewand. “There’s a killer on the loose!” besingt der monströs maskierte Vokalist die groovig-rockenden Riffs seiner Band, als er Blut spritzend Herz und Haupt seines Opfers an sich reißt. Das passt letztlich zu Sorcery, die für ihre Bühneninszenierung bekannt waren.
So verschmelzen in Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn die Wesenszüge eines Slasher-Films mit den spätestens seit Alice Cooper beliebten, theatralischen Darbietungen auf Rockkonzerten.
Eine unvermeidliche Eskalation könnte für das Publikum in der Konzerthalle und vor den Fernsehgeräten im Sinne der gewollten Effekte von Konzert und Filmhandlung nicht undurchsichtiger sein.
Anstatt also die stets präsenten Vorwürfe und Anschuldigungen der Musikrichtung gegenüber aufzugreifen, interessieren sich Beverly und Ferd Sebastian für die Verschmelzung von Show und Realität, legen also den Gedanken nahe, daß der Wahnsinn in der Szene für das Publikum schwer von der Realität zu trennen ist.
Daß es außerdem noch einen entscheidenden Twist in der Handlung von Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn gibt, geht ähnlich in der Darstellung unter, wie zu Beginn die Motivation als schleierhaft empfunden werden kann. Wenn es in diesem Film eine Aussage geben sollte, dann ist diese irgendwo in der Mise-en-scène verloren gegangen. Die Wahrscheinlichkeit jedoch ist höher, daß diese Dinge, welche erst nach dem entrichteten Leihbetrag eine Rolle spielten und deshalb den Verantwortlichen relativ egal waren. Hauptsache das Videotape wird zurückgespult wieder abgegeben.
Nun ist Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn über die Jahre in Vergessenheit geraten. In Deutschland konnte es gar nicht erst zu einem breiten Erfolg kommen, da, ähnlich wie ein Jahr später bei Zombie Nightmare, 1986 eine Indizierung für die Verleihkassette ausgesprochen wurde, die inzwischen aber ausgelaufen ist. International können sowohl Soundtrack als auch Video hohe Preise erzielen, die nicht selten an den dreistelligen Bereich ragen.
Betrachtet man daher Rocktober Blood – An der Schwelle zum Wahnsinn rein kapitalistisch auf das Verhältnis von Preis und Leistung bezogen, fährt man mit dem Soundtrack sicherlich am besten, ist die Musik doch das echte Highlight der Produktion. Als Musikvideo bietet der Film ansonsten zum Ende hin ein paar famose Illustrationen, ist aber insgesamt einfach zu beliebig aus Slasher-Routinen zusammengestückelt, als daß es Vorzüge gäbe, die tatsächlich aus dem breiten Angebot herausstechen. Schmerzhaft ist das Teil allerdings auch nie wirklich.