Wenn man mich nach einem signifikanten Thriller-Beispiel über die 80er-Jahre befragen würde, dann fiele mir dabei nicht wie so vielen „American Psycho“ ein, sondern ein Film, der sogar schon in den 80ern gemacht wurde, nämlich „Blutmond“ aka „Manhunter“, Michael Manns individueller Versuch, den Roman von Thomas Harris (ich wage hier mal die Behauptung, sein bester) in filmische Bilder umzusetzen.
In einer kühlen, distanzierten, fast schon klinisch sterilen Optik, die nicht selten an die von Mann produzierte Serie „Miami Vice“ erinnert, nimmt der Zuschauer an dem Versuch des Profilers Will Graham teil, sich in die Psyche eines Serienkillers hineinzuversetzen, der ganze Familien aus unbekannten Gründen abschlachtet.
Graham selbst ist ein Fall für die Couch, eine verletzliche Persönlichkeit, deren Karriere nach einem Nervenzusammenbruch beim Fassen des legendären Killers Hannibal Lecktor (man beachte die andere Schreibweise) beendet war und der nur auf den Hilferuf eines Freundes reagiert, als dieser mit gewöhnlicher Polizeiarbeit nicht weiterkommt.
Mann ist dabei ganz in seinem Element, zeigt die Figuren wieder verloren im Raum, in der Nacht, distanziert sich mit seiner Kamera von ihnen, aber nur so weit, daß sie im Raum isoliert zu sein scheinen, nicht vollkommen verloren. Dementsprechend sind dann auch die Tatorte, Gefängnisse, Polizeibüros weiträumige, offene Orte, mit wenigen, artifizell wirkenden Möbeln spärlich belebt wirkend ausgestattet. Die Charaktere stehen nicht selten vor weiten Wänden, riesigen Durchgängen, monströsen Glasfronten oder gigantischen Fenstern, die aber nichts enthüllen, sondern eher verfremden. Der Mensch und das, was ihn ausmacht, verschwindet bei Mann im Gefühl der Anonymität, die Großstadt, im Gegenlicht oder in der Schwärze der Nacht versunken, als Feind des Menschen, in welchem das Individuum aufzugehen scheint. Lebendigkeit gibt es für die Dauer nur auf Film, als Ziel des Killers oder in wenigen, intimen Momenten.
So ist es nur konsequent, daß wir von der Hauptfigur mehr durch seine inneren Monologe erfahren, die meistens mit der Psychologisierung der Verbrechen zu tun haben, als durch den Plot an sich, der sich an gewöhnlicher Polizeifilmarbeit entlanghangelt. Genauso wie Graham das Puzzlespiel der Morde lösen muß, muß sich der Zuschauer diesen unzugänglichen, verletzlich wirkenden Mann erschließen, den William Petersen mit zerbrechlicher Sensibilität darstellt, was es dem Publikum aber nicht einfacher macht, ihn als gewöhnlichen Killer-Thriller zu akzeptieren. Manns Film war ein Mißerfolg, aber deswegen nicht mißlungen.
Als Widerpart kommt dann auch nicht Lector/Lecktor zu Ehren, der hier zwar Schlüsselfigur im Vorankommen ist, aber trotz der soliden Darstellung von Brian Cox niemals das dämonische Potential an den Tag legt, das ihm Anthony Hopkins verlieh – sondern Tom Noonan, der den eigentlichen Killer Dollarhyde spielt, ein psychopathischer Gigant, der selbst in der Anonymität eines Fotolabors anhand von Abbildern der wahren Realität seinen Wunschträumen nach Übermenschlichkeit und erwiderten Gefühlen weiblicher Natur hinterherjagt. Dollarhyde ist groß, irgendwie fremdartig und mit gespaltener Oberlippe versehen, ein Freak, dessen dumpf bedrohliches Verhalten nur in so einer Welt niemandem auffällt.
Geradezu behutsam läßt Mann ihn zu einer blinden Kollegin Kontakt aufnehmen und die zarte Annäherung, als er es ermöglicht, daß sie dem Herzschlag eines betäubten Tigers lauschen kann, ist der größtmögliche Ausdruck an Annäherung und Intimität, ja Lebendigkeit, den der Film überhaupt bereit hält.
„Blutmond“ kürzt die Vorlage an entscheidenden Stellen, reduziert das Psychologische ein wenig ein und verläßt sich auf die wesentlichen Plotpoints, vor allem aber wird von dem angehängten finalen Showdown-Schluß abgesehen, der immer aus dem Rahmen fallend wirkt.
Dennoch gelingt es, das Grauen, das in dieser luxuriösen, aber kalten Anonymität wächst, ausreichend dämonisierend und mit minimalem musikalischen Einsatz treibender Synthis zum Ausdruck zu bringen.
Es gibt nichts, was den Zuschauer an „Blutmond“ in wirkliche Erregung versetzen könnte, aber die bare Meisterschaft der Visualisierung ohne den Verzicht auf Substanz ist etwas, was mich immer wieder in Erstaunen versetzt.
Ratners Remake mit Hopkins war schnörkelloser, eingängiger, gut gespielt und dennoch wenig überraschend. Manns Film ist ein seltener Versuch, dem Serienkillerfilm mehr abzugewinnen, als an Spannung in der Handlung steckt. Selten, weil gelungen. (8,5/10)