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Fasziniert vom Vollmond und von den Bildern von William Blake, wandelt Francis Dolarhyde in Florida umher. Und alle vier Wochen, immer an Vollmond, lässt er eine tote, dahingemetzelte Familie hinter sich. Die Morde zu grauenhaft um sie zu beschreiben, scheinen perfekt geplant zu sein. Das FBI und die Polizei steht vor einem Rätsel: Der gesuchte Killer, man nennt ihn in Presse höhnisch die "Zahnfee", da er immer einen Zahnabdruck hinterlässt, scheint seine Opfer wahllos herauszupicken, ohne Motiv, ohne Schemata. Nur der Ex-Profiler Will Graham kann helfen.

Graham (William L. Petersen) kann sich in die Psyche von Geisteskranken intensivst hineinsteigern, um ein ziemlich exaktes Profil der Mörder zu erlangen, anhand dessen der Killer zur Strecke gebracht werden kann. Zwar ist Graham vor Jahren ausgestiegen, da ihn die das böse Gedankengut seines letzten Falles bis in seine eigene Realität verfolgte. Graham landete in einer psychiatrischen Anstalt. Mittlerweile lebt er glücklich mit Frau und Kind in einem schönen Strandhaus, und kann sich nicht beklagen. Erst als Chief Jack Crawford (Dennis Farina) ihn wieder um Mitarbeit an dem "Zahnfee"-Fall bittet, wird seine heile Welt gebrochen.

Und das, was ihn die nächsten 120 Minuten Film erwartet, ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Regisseur Michael Mann nahm den erschreckend detailreichen Krimiroman von Thomas Harris, und machte daraus "Manhunter" - ein böses Spiel mit dem Zuschauer. Manns eigenes Drehbuch zu dem Film offenbart Grauen. Kühle, aufgestylte, in modernen Umgebungen spielende Bilder, deren Hintergründe stets sehr flach gehalten sind, wirken unwirklich, irreal - (alp-)traumhaft. Wo Manns Dialoge versagen, und trivial erscheinen, ist seine Optik erstklassig. In durchweg kalten Farben zeigt uns Mann, unterstützt von Kameramann Dante Spinotti eine Welt voller Gewalt, Obsession und krankhaftem Sex. In einer Welt, wo jeder unnormal zu sein scheint, und in dem jedes Funkeln, jeder Schatten eine Bedrohung darstellt. Auch wenn die ungewöhnlichen Brutalitäten der Zahnfee meist unausgesprochen bleiben, und natürlich nie graphisch dargestellt werden, schafft es Mann durch eine suggestive Kameraarbeit und irrealer Beleuchtung, eine abgründig angsterfüllte Atmosphäre zu entstehen.

Im Showdown zeigt uns Michael Mann dann sein ganzes Können. Harte, fließende Bewegungen unterbrechende Schnitte, auf Iron Butterflys teuflischem "In-Da-Gadda-Da-Vida" rhythmisch gelegte Actionszenen, und ein Tom Noonan der dämonischer den je beleuchtet wird. Losgelöst von Logik und normalen Dramaturgie-Vorschriften erchafft die wilde Kamera hier ungeahnte Spannung, die in einem Knall endet. Selbst wenn der Mörder tot auf dem Rücken liegt, wirkt er bedrohlich, da sich das Blut wie Engelsflügel unter ihm auf dem Teppich ausbreitet.

So toll der Film doch auf der Ebene der visualisierten Spannung sein mag, der Film hat auch seine deutlich schwachen Seiten. So versteht es Mann nicht, seine Charaktere wirklich zu erarbeiten, dem Zuschauer nahezubringen. Er steigt ziemlich ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig in den Film ein, und auch sonst ist das Tempo auf sehr hohem Niveau. Mann lässt nicht einmal ruhige Szenen einfließen, die das komplexe Geschehen einmal erklärt. Nach und nach bekommen wir kleine Teile des Puzzles zugeschmissen (das toll gefilmte Gespräch zwischen Vater und Sohn im Supermarkt ist erhellend!), doch nie werden all die gesammelten Informationen wirklich verarbeitet. Und das bei einer so komplexen Thematik: Der Mörder, der zu Gott werden will, indem er Menschen tötet, sein Spiegelbild nicht ertragen kann, sich aber einbildet, in den Augen seiner Opfer Verlangen und Lust zu erkennen. Und seine Besessenheit bezüglich der künstlerischen und mythischen Aspekte des "Roten Drachen" werden auch nur angerissen. Viel Stoff für einen zweistündigen Film.

"Manhunter" ist ein guter, fabelhaft bebilderter Thriller. Die Schauspieler sind auf gutem Niveau, das Drehbuch hat leider deutliche Schwächen. Viele werden "Manhunter" wohl nur noch wegen dem Erscheinen des Thomas Harris-Charakters Hannibal Lecktor goutieren, da der in dem späteren Erfolgsfilm "Das Schweigen der Lämmer" zu Berühmtheit kam.

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