‚Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse‘ basiert auf den ersten drei der mittlerweile vom dreizehnten Band abgeschlossenen Kinderbuchserie ‚Eine Reihe betrüblicher Ereignisse‘ (‚A Series of Unfortunate Events‘) des amerikanischen Autoren Daniel Handler. Die vor allem in den Staaten erfolgreichen, aber auch hierzulande beliebten Bücher erzählen von den Waisenkindern Violet, Klaus und Sunny Baudelaire, deren Eltern bei einem Hausbrand starben. Seitdem hat es der hinterhältige Graf Olaf auf sie abgesehen und versucht mit allen Mitteln, an das Erbe der Kinder zu gelangen.
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Um sehr viel mehr, also augenscheinlich recht wenig, geht es im Film nicht. Das ist jedoch nicht unbedingt sonderlich problematisch, da die Augen sicher das Hauptorgan sind, an welches sich hier gewandt wird. Die außergewöhnliche und düstere optische Gestaltung, die an die gemäldeartigen Sets und Hintergründe eines Tim Burton erinnern (ohne dabei plagiativ anzumuten), schafft eine schön skurille und teils schaurige Atmosphäre. Windschiefe Häuser, die auf dünnen Stelzen über einen Abgrund ragen, die zeitlich undefinierbare Mischung aus baroker Staffage und moderner Technik, zweiköpfige Schlangen und dreiköpfige Kröten in einem riesigen Terrarium - die Vorlage wird in phantasievolle und prägnante Bilder übersetzt. Regisseur Brad Silberling und besonders auch der bereits vierfach Oscar-nominierte Kameramann Emmanuel Lubezki (u.a. ‚Sleepy Hollow‘, ‚Children of Men‘) beweisen hier großes Gespür für das Erzeugen einer effektiven Optik, die bei all der (gewollten) Künstlichkeit der Kulissen ein stimmiges Szenario entwirft, durch das sich die Darsteller wie in einem absonderlich-aufwendig staffierten Schaukasten bewegen.
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Erzählerisch gelingt der Sprung von der beschriebenen Seite aufs gefilmte Zelluloid weniger ansehnlich. Trotz der dramatischen (oder ‚betrüblichen‘) Ereignisse, die die Baudelaire-Waisen in die Fänge des selbstverliebten und bösartigen Graf Olaf treiben, entwickelt sich über den gesamten Film hinweg keine wirkliche Spannung. Auf drei Büchern beruhend, wirken die episodenhaften weiteren Stationen der Kinder, die zunächst bei dem Herpetologen Dr. Montgomery Montgomery, später bei der überängstlichen Tante Josephine landen, etwas holprig miteinander verbunden. Die Dramaturgie wird durch eine gewisse Beliebigkeit im Wechsel der Handlungsorte und -teilnehmer abgeschwächt, da die herrlich schrägen Figuren und Orte nicht den Raum und die Bedeutung erhalten, die sie verdienten. Der mehrmals aufgegriffene Hintergrundplot über ein Geheimnis, das die Eltern, ja, die ganze Familie Baudelaire vor ihren Kindern hüteten, ist überdies nicht sonderlich spannend und es mangelt ihm ebenfalls an besonderer Gewichtung. Die Auflösung wird (man könnte fast sagen entsprechend) unspektakulär präsentiert und ist auch recht absehbar.
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Auf Seiten der Darsteller verzeichnet ‚Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse‘ zunächst eine ganze Reihe großer Namen. In Relation zu der Größe ihre Rollen trübt sich der erste Eindruck eines stargespickten Films ein wenig. So ist Jude Law als Lemony Snicket nur im Gegenlicht zu sehen und ansonsten in den Erzählpassagen, die die Storyabschnitte miteinander verbinden, zu hören. Dustin Hoffmans Auftritt ist winzig, Meryl Streep und Billy Connolly bringen als Tante Josephine und Onkel Monty zwar einige amüsant-verschrobene, bzw. warmherzige Momente ein, scheiden nach Graf Olafs tödlichem Eingreifen aber auch schnell wieder aus. Graf Olaf hingegen, gespielt von Jim Carrey, ist die absolut beherrschende Figur des Films. Carrey sticht mit seiner exaltierten Darstellung zwar hin und wieder etwas weit aus der düsteren Umgebung und Geschichte heraus, treibt es allerdings auch nicht zu weit oder gar ins unerträgliche, nervige. Insgesamt überzeugt sein Graf Olaf als verschlagener Bösewicht und kurioser Mittelpunkt des Geschehens. In wechselnder Kostümierung und Maske offenbart der passionierte Theatermime Olaf ein makabres Talent, Carrey nebenbei sein schauspielerisches. Dagegen verblassen widerum die jungen Darsteller des Baudelaire Trios. Die 14jährige Violet, der 12jährige Klaus und die mit 2 Jahren jüngste, Sunny, werden zwar mit individuellen Fähigkeiten und Merkmalen versehen (Erfinderin, Bücherwurm, ‚Beißerin‘), zeichnen sich abseits dieser durch Erzähler Snicket artikulierten und im Handlungsverlauf genutzten Fähigkeiten nicht unbedingt durch Charakterisierung aus. Bei der kleinen Sunny, gespielt von Kara und Shelby Hoffman, ist dies nicht schlimm, ihre Babysprache wird per übersetzender Untertitel zu witzigen Onelinern und sie hat den Schnuckelfaktor klar auf ihrer Seite. Emily Browning kann als Violet schauspielerisch am ehesten gefallen, ihr gelingen die (spärlichen) emotionalen und entschlossenen Momente zumeist sehr gut und gerade im Gegensatz zu Liam Aiken als Klaus kann sie mit dem geringen Profil der Rolle noch ein wenig anfangen. Aiken ist dafür schlicht langweilig, setzt keine Akzente, steht meist nur mit teilnahmeslosem Gesichtsausdruck da und scheint in Klaus nicht viel hineininterpretieren zu können. In den Dialogszenen, wenn er konkretes Material an die Hand bekommt, macht Aiken aber einen ordentlichen Eindruck.
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Abgesehen von erzählerischen Schwächen und dem teilweise ungenutzten Potential seiner Darsteller und einiger Rollen, ist ‚Lemony Snicket - Rätselhafte Ereignisse‘ ein visuell vollauf gelungener Film. Kostüme, Masken, Sets und Hintergründe verdienen eine Menge Lob, erschaffen sie doch eine schauerliche, sehr eigenständige und anziehende Atmosphäre, bei der das Erlebnis und die Vorfreude auf die nächsten gestalterischen Einfälle und Details den Spannungsmangel der Geschichte ausgleicht.