Viele Kritiken über "Darwins Alptraum" weckten mein Interesse diesen Dokumentarfilm doch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Dem Thema an sich schon sehr verbunden konnte ja eigentlich nichts mehr schief gehen. Doch um was geht es überhaupt?
Ein Dokumentarfilmer (diesmal ein Österreicher namens Hubert Sauper) macht sich mit Kamera, rudimentären Englischkenntnissen und dem ungebrochenen Willen Misstände in Afrika aufzudecken auf den Weg an den Viktoriasee und filmt Land und Leute, schneidet später ein paar nette Szenen aneinander und verdient damit einen Haufen Geld, äh sorry, Aufmerksamkeit. Über das Ergebnis und die Aussage wird seither munter gestritten: Kritiker der Seite A sagen "Schlimm schlimm, diese ganzen bösen Menschen, die den Viktoriasee kaputt gemacht haben indem sie Barsche ausgesetzt haben und die armen Afrikaner dort ins Unglück gestürzt haben! Endlich deckt Sauper das auf und tut was dagegen!" und Kritiker der Seite B sagen: "Was für ein Quatsch, der Barsch hat auch gutes vollbracht und der Film ist Blödsinn!"
So. Und nun wollen wir mal die erhitzten Gemüter kurz beiseite schieben und versuchen die ganze Materie mal nüchtern zu betrachten. Dazu sollte man zunächst einmal etwas über die Gegend wissen.
Der Viktoriasee ist der größte Binnensee Afrikas, liegt am Äquator und ist Urpsrung des Nils. Die angrenzenden Länder Uganda, Ruanda, Burundi, Tanzania und Kenya sind nicht gerade für ihre wirtschaftliche Stärke und politische Zuverlässigkeit bekannt, auch wenn derzeit Frieden herrscht und am Wiederaufbau gearbeitet wird (vornehmlich politisch in Ruanda nach dem Bürgerkrieg, aber auch Kenya schreitet zielsicher in eine wirtschaftlich bessere Zukunft). Die Gegend um den Viktoriasee ist malerisch schön, ein Grund der zahlreiche Touristen (mangels Hotels vornehmlich Individualtouristen bzw. "Rucksackreisende") anzieht - auch wenn der See aufgrund Krokodile und anderer Umstände nicht gerade als Badesee berühmt ist. Berühmt ist der See nebst Aussicht für etwas anderes: vorzüglichen Fisch nach Europa zu exportieren, den beliebten Viktoriabarsch.
Und dieser ist "Darwins Alptraum": In den 60er Jahren ausgesetzt, zu Zeiten als sich die Briten aus ihrer Besatzung zurück zogen und die Länder wieder den Einheimischen in politische Verantwortung zurück gaben, vermehrte sich dieser Barsch ungeahnt schnell und verdrängte zahlreiche andere einheimische Fischarten mit ungeahnten ökologischen Konsequenzen. Denn die vormals ansässigen Fischarten sorgten für das ökologische Gleichgewicht des Sees, vornehmlich den Abbau von Schwebestoffen und den Erhalt des (damals) hohen Sauerstoffanteils. Der "neue Barsch" scheint nun wohl Grund zu sein für das Kippen des Sees.
Die Folgen dessen sind offensichtlich: die Anwohner des Sees verdingen sich hauptsächlich als Fischer, fangen Barsch und verkaufen diesen gewinnbringend an ansässige Fischfirmen, die diesen dann über den Flughafen Mwanza in Tanzania nach Europa und Rußland ausliefern. An und für sich erstmal nichts außergewöhnliches.
Und das ist auch der Film von Hubert Sauper nicht. "Darwins Alptraum" zeigt Menschen aus der Gegend, zeigt wie der Fisch verarbeitet wird, wie Einheimische in Armut leben und wie Europäer die Qualität des Viktoriabarsches prüfen und Wert auf eine gute Qualität legen. Mehr ist im Film nicht zu sehen, mehr Aussage gibt es nicht zu entdecken - und ich bezweifle nach Ansehen des Films daß Sauper überhaupt arg viel mehr sagen wollte. Es wird weder ein Skandal aufgedeckt, noch einer "herbeigefilmt", noch irgend eine "politische Aussage" getroffen. Ich hätte von meinen Aufenthalten dort genauso Filmszenen aneinanderreihen können und als "Dokumentarfilm" veröffentlichen - es hätte denselben Effekt gehabt: nämlich keinen.
Wer arbeiten kann tut das, und zwar vorzugsweise dort wo es Arbeit gibt: in der Fischfabrik (die ihre Mitarbeiter gut behandelt - und den dreifachen Durchschnittslohn bezahlt, kommt ihm Film leider nur kurz zur Sprache, ist aber ein interessantes Detail das schier untergeht), als Fischer (weil es nunmal viel Fisch gibt, egal welche Sorte), als Prostituierte (was für ärmere Gegenden weltweit nichts besonderes ist, weder in Pattaya, Sao Paulo noch am Viktoriasee) oder Pilot (der seine Fracht transportieren muß, egal was es ist).
Die gezeigten Szenen sind alltägliche, die es tausendfach und überall auf der Welt zu sehen gibt. Ein Beispiel möchte ich als symptomatisch hervorheben: Gezeigt wird ein Wachmann, der für einen Dollar die Nacht ein Gebäude bewacht - das ist das normale Gehalt für einen solchen Wachmann und ruft nur bei uns Verwunderung hervor weil wir unsere viel höheren Löhne gewohnt sind. Hält man sich aber vor Augen daß 30 Dollar der monatliche Durchschnittslohn ist relativiert sich dieses Einkommen: der Wachmann erhält Durchschnittslohn. Wo erhält ein Wachmann in Europa Durchschnittslohn? Bei uns ist deren Einkommen eher als unterdurchschnittlich anzusehen. Unwissen über die Verhältnisse mag der Grund sein, andererseits aber einfach auch geheucheltes Mitleid mit den ach so armen Menschen die für einen Dollar die Nacht Nachtwache schieben müssen. Doch oh Wunder, dieses Geld ist ausreichend um den Sohn auf eine bessere Schule zu schicken und zur Mittelschicht zu gehören - wird im Film kurz gezeigt, aber leider nicht kommentiert so wie alle zu sehenden Szenen. Kein Wunder wird dies dann falsch verstanden oder "übersehen".
Ich kann im Film keinerlei Gründe für die Kritik an den dortigen "Zuständen" entdecken. Sauper zeigt kommentarlos Szenen des Alltags die völlig normal sind und nahezu auf ganz Afrika, weite Teile Südamerikas, die arabische Welt und weite Teile Asiens zutreffen. Schade finde ich daß viele dieser Szenen unkommentiert bleiben und dem unbedarften Zuschauer falsche Eindrücke der Realität suggerieren (das Wachmann-Schicksal nur als Beispiel genannt) anstatt diese ins Verhältnis zu setzen. Natürlich dürfen Kinder mit Blähbäuchen und hungerleidende Slumbewohner nicht fehlen, die obligatorischen Obdachlosen in der Straße, die schnüffelnden Kinder in den Gassen und der Jugendliche mit nur noch einem Bein darf auch nicht fehlen. Achja, wenn sowas im Sauper-Film zu sehen ist, dann gibt's das ja auch. Ein bißchen wie das Löwenmotiv eines Safari-Touristen: es gibt Löwen, siehe Foto - aber deswegen sitzen die nicht an jeder Straßenecke.
Und so wird aus der Besonderheit (und dem "guten Bildmotiv") ein Bild der Normalität in des Zuschauers Kopf projiziert und dann damit dem allgemeinen Vorurteil gerecht daß es in Afrika nur so wimmelt von hungernden Kindern mit Fliegen in den Augen - erschreckend wieviele Europäer genau dieses Bild von Afrika im Kopf haben, obwohl sie nie einen Schritt nach Afrika gewagt haben (nein, der All-inklusive-Urlaub in Tunesien zählt NICHT als Afrikaerfahrung).
Problematisch in Saupers Film finde ich aber vorallem die verzweifelte Suche nach der Aussage "ja, Flugzeuge bringen Waffen nach Afrika". Dazu müsste man eigentlich nur mal kurz das Gehirn einschalten anstatt völlig unbeteiligte Prostituierte zu befragen. Irgendwoher kommen Waffen, genauso wie Pampers und Toyotas. Sie werden hergestellt, von jemandem gekauft und bezahlt und werden dann zum Käufer geliefert. Wenn in Angola eine AK47 in der Hand eines Kindersoldaten landet wurde diese Waffe irgendwie dorthin gebracht. Ob Sauper das nun am Viktoriasee aus einem Fischermund herauszupressen versucht oder von einem Piloten letztlich bestätigt bekommt - ist doch völlig egal. Daß dies so ist, dazu hätte es nur einer kurzen Überlegung bedurft. Was hat dies mit dem Viktoriasee zu tun und dessen "Darwin'schem Alptraum"? Dem Titel nach erwartet man hierzu mehr Material als letztlich zu sehen ist.
Schade - ich habe deutlich mehr Aussagen zum ökologischen Zustand des Viktoriasees erwartet und bin erstaunt und enttäuscht wie wenig zum eigentlichen Thema des Films gesagt wird. Keine Fachleute, keine Analyse, keine fundierten Erkenntnisse - ein gehaltloser Film, der nichts sagt und viel zu viel Interpretation zulässt. Falsche Kritik die daraufhin entstehen konnte hat sich Sauper selbst zu zuschreiben.
(3/10)