Gesamtbesprechung
Ich habe ehrlich gesagt nicht viel erwartet von diesem Remake. Die Flamme der Hoffnung die in mir aufflammte als ich von einem Remake der guten alten Galactica hörte wurde sogleich durch den Gedanken an heutigen SF-leichte-Kost-Serienschrott-mit-Hochglanzraumschiffen wie bei DeepSpace9 und ähnlichem auf einen kärglichen Funken reduziert. Als dann die beiden Pilotfilme kamen ging ich durch Forenmeinungen wieder etwas optimistischer an die Sache heran ... dann schauen wir uns den Schrott mal an, dachte ich.
Doch schon kurz danach hatte ich mir die DVD-Box mit dem Pilot und der kompletten ersten Staffel gekauft ...Ich war mehr als begeistert, jedoch gab es zu diesem Zeitpunkt weitere Staffeln nur als Import und ich legte die Serie erst einmal 7 Jahre (unglaublich) zur Seite und kaufte sie mir erst 2012 komplett nach.
STORY
An der Hauptgeschichte hat sich im Vergleich zum alten Kampfstern Galaktica wenig geändert. Die von Menschen als Helfer entwickelten Cylonenroboter wollen ihre Schöpfer vernichten. 10 Jahre lang herrscht Krieg bis man sich darauf einigt, daß die Cylonen sich auf einen eigenen Planeten zurückziehen. 40 Jahre lang herrschte Stille und dann schlagen sie wieder zu. Durch eine neue Art von Cylonen, die aussehen wie Menschen (das ist neu!) konnten sie durch Spionage den Angriff präzise auf die Schwachpunkte der Menschenkolonien abstimmen. Bis auf etwa 50000 Menschen werden alle getötet.Nein, ich erzähle nicht den gesamten Inhalt, denn so fängt die Geschichte erst an. Die eigentlich Serie handelt von der Zeit nach dem Exodus. Die restliche bunt gemischte Flotte rund um das alte Kriegsschiff Galactica flieht vor den Cylonenspähern und hat mit allerlei Problemen zu kämpfen.Diese Probleme beruhen aber zunächst weniger auf das übliche Kämpfen mit Feinden als auf den Kämpfen mit sich selbst und den Umständen. Trotzdem ist jede Folge wirklich spannend und dramatisch, durch die geringe verbliebene Anzahl an Kämpfern, die die Flotte verteidigen muß ist jeder explodierende Viper-Jäger auch für den Zuschauer ein Verlust und jeder Sieg eine Erleichterung. Doch halt, nicht dass hier ein falscher Eindruck entsteht: Weltraumaction ist kein Schwerpunkt der Serie! Denn
…NEU ...
an dieser Verfilmung ist, daß es zusätzlich zu den bekannten Cylonenmodellen 12 verschiedene Modelle gibt, die sich von Menschen nicht unterscheiden lassen. Es sind Klone. Absolut neu ist auch die neue Motivation der Roboterrasse; die ist nämlich zutiefst religiös. Das bringt ein ganz neues Element in die Serie und das sehr gut, denn die Klone sind so gute Kopien der Menschen, daß sie selbst für Gefühle und Idealismus empfänglich sind, was das ganze bald auch philosophisch sehr interessant macht. Die Klone sind intelligent, aber emotional völlig unerfahren, und das führt zu sehr interessanten Eigenschaften (seltsame Mischung aus Naivität und hoher Intelligenz, Anfälligkeit für instinktive Gefühle), Neigungen (sinnliche Erfahrung) und Entscheidungen die für den Verlauf der Serie wichtig sind.Die Serie hat eine stark metaphysisch-mythologisch-religiöse Komponente und dafür muss man definitiv offen sein. Dies wirkt jedoch alles keineswegs kitschig und ist auch für –sagen wir mal- tolerante Atheisten geeignet. Die Motivationen werden mit der Zeit immer deutlicher dargelegt. Mit Fortschreiten der Serie bemerkt man immer mehr Parallelen zu realen Mythologien und Religionen. Zuerst rollte ich hierbei die Augen, aber nach und nach merkt man, dass hier mehr dahinterstecken muss als hohle Seitenhiebe. Die Serie offenbart sich schließlich als wirklich epische Geschichte von großem Bedeutungsumfang, deren Folgen man, angefangen mit dem Pilotfilm, unterbrochen von Spielfilm Razor und den Webisodes, und abschließend mit dem Spielfilm The Plan, unbedingt in der korrekten Reihenfolge sehen muss um die Charakter- und Handlungsentwicklung voll zu verstehen.Dabei bezeichne ich die Serie als eher für reiferes Publikum geeignet. Charakterentwicklung und etliche philosophische Fragen stehen im Vordergrund. Die philosophischen Dialoge und Sichtweisen sind teilweise der Hammer, vor allem die der hochintelligenten Nummer 1.
Haben die Menschen es verdient zu überleben? Kann man die Menschen bekämpfen ohne so zu werden wie sie? Was ist Freiheit? Was sind die Grenzen der Demokratie? Welchen Zweck hat Religion und was bewirkt sie?
Dies waren zentrale Fragen für mich und die geschilderten Sichtweisen der beiden feindlichen Spezies bewirkten bei mir schließlich, dass ich nicht mehr wusste auf wessen Seite ich stand. Hervorragend! Es gibt keinen zentralen Helden, alle haben Ecken, Kanten und ihre eigene Motivation. Es kommt zu Verwicklungen die einen einfach ratlos im Sessel hinterlassen. Lösungen gibt es wie im wahren Leben selten, eher Kompromisse.
REALISMUS
Von vorneherein positiv aufgefallen ist mir, wie sehr man sich Mühe gegeben hat alles sehr authentisch denkbar und realistisch wirken zu lassen. Überlebende müssen Seren gegen die Radioaktivität nehmen, im Hangar wird ständig an den Schiffen repariert, die großen Raumschiffe werden auch im Weltraum mit Nuklearraketen angegriffen, es gibt keine Laser sondern Projektile mit Leuchtspuren. Und im Gegensatz zu alten Serien dieser Art gibt es keine Angriffe von nur einer handvoll Raumjägern. Hier geht es richtig ab, auch wenn keine detaillierten Manöver gezeigt werden: Hier treffen Schwärme zahlloser Jäger aufeinander dass es nur so rappelt. Zudem glänzen die Raumschiffe nicht wie in etlichen TV-Serien aus derselben Entstehungszeit (das geht mir echt auf die Nerven) sondern erscheinen sehr used, ebenso wie die Innenräume. Auch gibt es keine oldschool-dogfights, in dem ein Jäger 50m wie an einem Abschleppseil hinter dem anderen herfliegt. Ein Jäger kann sich, ganz der Realität entsprechend, unabhängig von seiner Gleitrichtung drehen und ggf relativ dazu seitwärts oder rückwärts schießen.
Technische Zusammenhänge werden soweit nötig halbwegs logisch erklärt, zumindest muss man nie das Gesicht in die Hände eingraben. Und wenn sich nach einem Hypersprung aus der Atmosphäre heraus das plötzliche Vakuum knallend mit Luft füllt, dann hebt man schon mal anerkennend die Augenbrauen :-)
Der gleiche Realismus betrifft die Handlung selbst. Manche SF-Serien sind eher wie Daily Soaps im Weltraum. Auch hier gibt es private Probleme, aber die erklären meist nur die Vorgehensweise einzelner Personen in diesem Nachkriegsszenario. Die mögliche Entdeckung durch Cylonen ist ständig akut, man muß die Schläfer identifizieren, das Wasser wird knapp, was macht man mit dem Gefangenentransport? wer hat in der Flotte eigentlich das Sagen, was ist mit Neuwahlen? Woher kriegen wir neuen Treibstoff? Das ist nur ein Auszug aus den ersten Folgen um die Ernsthaftigkeit zu zeigen, mit der man sich hier Gedanken gemacht hat. Mit der Zeit werden diese und viele andere Grundsatzfragen geklärt und die Serie konzentriert sich bis auf wenige Ausnahmen auf das Ziel der Menschen: Die Suche nach einer neuen Heimat und der gleichzeitigen Flucht und dem verzweifelten Kampf gegen die Cylonen.
MUSIK
Die Musik hat mich anfangs enttäuscht, denn wer kennt nicht die alte bombastklassische Titelmelodie? Das neue Maintheme ist eher eine Mischung aus Schönheit und Melancholie. Während der Kämpfe gibt es lediglich Trommeln zu hören, aber auch das erweist sich nach einer Eingewöhnungszeit als sehr passend. Ansonsten wir Musik nur sehr spärlich eingesetzt, Stimmung wird also nicht künstlich gepusht, sondern muss sich aus Handlung und der sehr guten Schauspielerei ergeben.
FAZIT
Allen SF-Fans möchte ich diese Neuverfilmung wärmstens empfehlen.
Was ihr nicht bekommt: Plastik-SF, 4-äugige Aliens, Laserstrahlen, einfarbige Star Trek-Charaktere, einen warmen Aufguss der alten (aus heutiger Sicht teils albernen) TV-Serie und raumschlachtbetonte Folgen.
Was ihr bekommt: Sehr moderne, epische, erwachsene SF auf der lockeren Basis der alten Serie aus den 70ern mit sehr guten Effekten und used-look, an deren Ende man nach mancher Folge noch gedankenversunken in den Abspann starrt.