Review

Achtung, Spoiler inside!

Wahrlich, es heißt "Back to the Roots" für Argento mit "Sleepless", aber gar so retro hätte es dann doch nicht sein müssen, auch wenn die Wiederkehr eines klassischen Giallo grundsätzlich trotz gewisser Unmoderne begrüßenswert ist. Leider kann man den Film auf eine bescheidene Formel reduzieren: es handelt sich um ein unzureichend verschleiertes Remake von "Profondo Rosso".

Inhaltlich sind die berühmten Bestandteile alle vorhanden: Mordserie, Serienkiller, Verbrechen in der Vergangenheit, blutige Metzeleien vornehmlich an Frauen, Ermittlungen, psychologischer Mumpitz, überraschende und doppelte und blutige Auflösung. Klar, da fällt einem nicht ständig was Neues ein, aber wer uns so unverbraucht-frische Plots wie den von "Das Stendhal Syndrom" geliefert hat, setzt sich gehobener Erwartungshaltung aus.

Und hier wird die flaue Kopie leider sichtbar. Die Mordserie hat inhaltlichen Rückhalt (oder kreativen Input) durch einen blutrünstigen Kinderreim (bei Deep Red: ein Kinderlied), alles basiert auf einem oder mehreren Verbrechen der Vergangenheit (hier: der Mord an des Protagonisten Mutter, dort: Mord unter den Eltern des Killers), hier wie da hat der Protagonist etwas wichtiges vergessen, was ihm bestimmt (erst am Ende des Films) wieder einfällt (hier: ein seltsames Geräusch, da: das Gesicht des Mörders im Spiegel). Wieder muß ein ermittelnder Helfer dran glauben und ja, sogar eine Puppe wird zu diesem Zweck wieder verwendet. Wieder sucht man nach Hinweisen in einem großen verlassenen Haus, wieder muß der Killer am Ende blutig büßen.
Und der Showdown sieht die Auflösung spiegelverkehrt in familiären Beziehungen (dort: Sohn / Mutter; hier: Vater /Sohn).

Das wäre an sich ja nicht schlecht, denn die Zutaten sind ja meist dieselben, doch hier ist alles etwas zu plump an den berühmten Vorgänger angelehnt. Außerdem feiert die Unlogik natürlich wie immer Triumphe, wenn die Anwesenheit des Killers im Zug zu Beginn recht fragwürdig erscheint und auch beim zweiten Mord einige Fragen offenbleiben.
Schwachpunkt der Handlung sind jedoch die beiden Hauptdarsteller. Von Sydow hat zwar eine ungeheure Präsenz, doch sein altersvergeßlicher Ex-Kommissar wirkt zu getragen und dermaßen unproduktiv und die Demenz scheint ein dramatischer Kniff zu sein, da die Auflösung recht naheliegend ist. Dionisis Unerfahrenheit und Gesichtslosigkeit sind jedoch ein harter Schlag für alle, die einen ansehnlichen Protagonisten erwarten, so daß es recht offensichtlich ist, daß der Film versucht, sich mit immer neuen Morden über die Zeit zu bringen. Der Rest vom Cast ist relativ gesichtslos.

Aber auch dramaturgisch ist Argento nicht alles gelungen. Sydows Abgang ist zwar recht ehrenvoll, aber sonst wird geschlampt. Das bewußte Geräusch, an das Dionisi sich nicht erinnern kann, wird einem dermaßen dick vor die Nase gehalten, daß es schon ärgert.
Und neben einen gehörigen Aufwand an Blut, geht den Morden oft die Phantasie ab. Zwar gibt es schöne Aufnahmen , wie die Opferverfolgung im Zug oder in der Straßenbahn, aber die entscheidenden Schmankerl wie die Kamerafahrt in Bodenhöhe durch den Theatersaal wirkt überlang und zu gewollt und der abgeschnittene Kopf ist einer von Argentos schlechtesten.

So ruckt sich der Film zur Auflösung, die forciert und unzusammenhängend daherkommt, um dann in dem schönsten und heftigsten Kopfschuß zu münden, seit uns bei "Zombie" ein ganzer Kopf um die Ohren flog. Sofort darauf überlagert dann der Abspann die normalerweise beschließenden Szenen vom Eintreffen der Polizei etc, als hätte der Verantwortliche es jetzt hinter sich gebracht und wolle nun wirklich weg.

Wer also Deep Red nicht kennt, wird sicherlich zufrieden sein, allen übrigen wird das irgendwoher bekannt vorkommen. Aber Argento ist sowieso oft zur unangreifbaren Person gestempelt worden, daß sein gesamter Output kugelsicher ist. Trotzdem ist dies definitv einer seiner schwächeren Beiträge, zwar mit ordentlichem Bodycount, aber ohne herausragende Einfälle und mit zu wenig neuer Suspense und Mystery. (6/10)

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