Zwischen dem trashigen „Phantom der Oper“ und dem spannungsarmen „The Card Player“ drehte Dario Argento tatsächlich noch ein Zwischenhoch, den modernen Giallo „Sleepless“.
Nach einer kurzen Vorgeschichtssequenz im Jahre 1983 springt „Sleepless“ nach 2000, beginnend mit einem einleitenden Doppelmord, den Argento in Kunstfertigkeit dehnt. Eine Prostituierte nimmt bei einem Klienten versehentlich belastendes Material mit und wird dafür im Zug nach Hause verhackstückt, ebenso wie ihre dort wartende Kollegin. Passend zum Argento-Statement, er zeige lieber den Tod einer schönen Frau als den einer hässlichen oder den eines Mannes, wird der Schaffner nur niedergeschlagen, der außer dem Opfer scheinbar der einzige an Bord des Zuges ist – mal wieder geht Kreativität vor Realismus.
Vom modus operandi erinnert das Ganze an die Mordserie von 1983, deren angeblicher Täter scheinbar Selbstmord beging. Nun kommen Zweifel auf und man wendet sich an Ulisse Moretti (Max von Sydow), den damals zuständigen Polizisten. Der alternde Ermittler ist eine reizvolle Figur, ein Polizist und durch seine Pensionierung doch außerhalb des Apparates; auch Argentos Vorliebe für Tiere scheint durch: Der Täter hinterlässt Papiersilhouetten von Tieren, Morettis engster Vertrau ist ein Papagei, mit dem er emsig redet.
Auch Giacomo (Stefano Dionisi), der Sohn eines Mordopfers von 1983, kehrt zurück, versprach ihm Moretti damals doch eine Aufklärung. Beide versuchen die Wahrheit über die Vorgänge von 1983 und 2000 zu erfahren, während der Täter weiter auf Opfersuche geht...
Bevor man „Sleepless“ als allzu retro bejubelt muss man sicher festhalten, dass Argento bei weitem nicht so extravagant wie in der Schaffensphase von „Rosso“ bis „Opera“ ist. Die Kameraarbeit ist weniger experimentell, nutzt jedoch immer noch einfallsreiche Fahrten und ungewöhnliche Blickwinkel – weitaus mehr als das folgende Argento-Werk „The Card Player“. Auch Goblin, die sich extra für diesen Film wieder formierten, rocken bei weitem nicht so psychedelisch auf dem Soundtrack wie früher, doch auch hier steuern sie mal wieder treibende Rhythmen bei. Und Argentos Sinn für Skurrile blitzt auch durch: Da man 1983 nach dem sogenannten Zwergenmörder fahndete, sitzen in einer Szene im Polizeirevier lauter kleinwüchsige Verdächtige.
Trotz der stilistischen Mäßigung finden sich jedoch typische Argento-Merkmale auch in „Sleepless“ wieder. Auch hier gibt Argento wieder ein typisches Detail zur Mörderfindung früh im Film preis, jedoch kann der Zuschauer es beim ersten Ansehen wieder nicht genau einordnen. Ähnlich wie in „Rosso“ ist ein Kinderreim hier von zentraler Bedeutung. Wieder blickt Argento auf das Kaputte hinter den Fassaden der bürgerlichen Familie, wieder spielt Kunst, hier vor allem in Form von Musik und Theater, eine große Rolle – formal mag „Sleepless“ also weniger retro sein als inhaltlich.
Doch trotz der zurückgefahrenen optischen Extravaganz ist „Sleepless“ nicht schwächer als mancher Giallo aus Argentos früherer Schaffensphase, denn das Gebotene hier ist dramaturgisch runder als manches frühere Exemplar. Die Auflösung ist überraschend, überzeugend konstruiert, trotz kleinerer Unglaubwürdigkeiten (*SPOILER* Die Puppenidee *SPOILER ENDE*). Auf dem Weg zum Ziel dominiert spannend inszenierte Mördersuche, die Deutung von Indizien und Interpretation von Verhaltensweisen ist zentral und bezieht den Zuschauer als potentiellen Detektiv mit ein.
Zwischendrin ist „Sleepless“ mal etwas zu langsam erzählt, gerade im Mittelteil wären ein paar Straffungen gar nicht schlecht gewesen, doch immerhin das Duo aus dementem Inspektor und schüchternem Mordopfer-Angehörigen sorgt mit seiner Interaktion für Sympathiewerte, unterläuft es doch klassische Buddyschema ein wenig. Als kleine Highlights setzt Argento die wenig zimperlichen Kills ein, bei denen der Mörder deftig hinlagt, doch neben den ordentlichen Effekten (den schlechten Gummikopf-Trick mal ausgenommen) ist es vor allem die schweißtreibende Inszenierung Argentos, die daraus kleine Spannungshighlights zaubert. Zudem schreckt Argento auch nicht davor zurück, eine Hauptfigur über die Klinge springen zu lassen und bleibt damit herrlich unberechenbar.
Max von Sydow ist eine gute Wahl für die Rolle und dominiert mit seiner Präsenz fast jede seiner Szenen ohne den Film komplett an sich zu reißen. Daneben ist Stefano Dionisi doch etwas auf Autopilot, nicht schlecht, aber auch nicht mehr als guter Durchschnitt. Recht gut auch das Ensemble der Nebendarsteller, wenngleich die meisten keine große Charaktertiefe spielen müssen, da die meisten Nebenfiguren gewissen Standardtypen entsprechen (grimmiger Bulle, traumatisierte Mutter, strenger Richter-Vater usw.).
Visuell ist „Sleepless“ bei weitem nicht so aufregend wie manch anderes Argento-Werk, in der Mitte hängt der Film etwas und die Nebenfiguren sind nicht gerade ausgearbeitet – und doch ist dem Maestro hier ein spannender, gut konstruierter Gaillo neueren Datums gelungen, der auch den Stil des Italieners nicht missen lässt. Nicht ganz so extravagant wie früher, doch dramaturgisch fest im Sattel – schade, dass es danach rapide bergab ging.