Im Jahre 2001 wollte es Giallo-Papst Dario Argento noch einmal wissen und legte mit „Sleepless“ einen herrlich altmodischen Neo-Giallo vor, der sich so vieler klassischer Genrezutaten bedient, dass man sich unweigerlich an die kongenialen Werke Argentos aus den innovativen 1970ern und glorreichen 1980ern erinnert fühlt, insbesondere an „Profondo Rosso“ (1975)…
Denn die Ähnlichkeiten der Handlung mit jenem Vorzeige-Giallo sind nicht von der Hand zu weisen, aber wie heißt es so schön: Besser gut kopiert als schlecht selbstgemacht, und wenn man sich zudem einen der besten Vertreter der Zunft aussucht: Warum nicht? Wenn man dann auch noch die Gruppe „Goblin“, die zahlreiche Genrefilmen mit ihren Klängen veredelte und ihren Platz im Langzeitgedächtnis der Filmwelt sicher hat, für einen gelungenen Soundtrack verpflichten kann, sind die Ausgangsbedingungen alles andere als schlecht.
Doch es gibt natürlich auch deutliche Unterschiede: So wirkt „Sleepless“ wesentlich dreckiger als andere Gialli Argentos und verbringt – so habe ich es zumindest empfunden – mehr Zeit in unteren sozialen Milieus. Entscheidende Rollen spielen hier z.B. Prostituierte und ein Obdachloser. Die Morde sind vielleicht nicht mehr sonderlich innovativ gestaltet worden, dafür verfügt „Sleepless“ aber über einige ultrabrutale, verstörende Szenen, die dank fähiger Make-up- und SFX-Künstler sehr ansprechend und somit effektiv ausfielen. Die erzählte Geschichte um eine seltsame, wieder aufgeflammte Mordserie mit psychologisch-pathologischem Hintergrund ist spannend und visuell interessant und fesselnd inszeniert worden, wenn Argento auch nicht mehr ganz so weit ausholt und seine legendären, ausgiebigen und schnittlosen Kamerafahrten diesmal nicht zum Zuge kommen, zumindest nicht in den berüchtigten Ausmaßen. Das „Whodunit?“ macht Spaß und die zahlreichen eingestreuten Hinweise auf den Mörder führen zu einem von manch Genrevertreter gewohnten extrem wendungsreichen Finale, in dem das Drehbuch zahlreiche Kapriolen schlägt. Klar, Skeptiker werden Argento wieder Unlogik vorwerfen, sich an Details hochziehen und/oder den Gewaltgrad verteufeln, insofern ist auch diesbzgl. alles beim Alten.
Neben der absolut verschmerzbaren fehlenden Innovation würde ich als einen tatsächlichen Schwachpunkten am ehesten die Wahl der Schauspieler benennen, die mit einem sichtlich unterforderten Max von Sydow lediglich einen großen bzw. mir bekannten Namen vorweisen kann und ansonsten „No Names“ besetzt hat, die für meinen Geschmack gern charakteristischer und ausdrucksstärker hätte ausfallen dürfen.
Fazit: Ein für Horror- wie Thriller-Fans gleichsam geeigneter Neo-Giallo, der die klassische Erzählstruktur und andere Genre-Charakteristika erfolgreich in die Gegenwart portiert und somit nie altbacken erscheint. Ein rasanter Gewalt- und Psycho-Trip, mystisch, konstruiert-komplex und als Gesamtkunstwerk faszinierend. Danke, Dario!