Wenn Sherlock Holmes den mit Phosphor durchtränkten Stofffetzen eines geflohenen „Geistes“ in seinen Händen hält, werden wir in dem bestätigt, was wir vorher schon ahnten: Es gibt für alles eine rationale Erklärung. Bei Holmes ohnehin, aber selten war es so stimmungsvoll, ihm bei seiner Aufklärungsarbeit beizuwohnen.
Holmes und Watson verschlägt es ins urige Dörfchen La Morte Rouge in Kanada. Gerade noch befanden sie sich in Quebec bei einer Tagung über Okkultes, als Lord Penrose vom Tod seiner Frau erfährt, - sie sei mit durchschnittener Kehle im Glockenturm aufgefunden worden.
Kurz vor seiner Abreise erhält Holmes eine Botschaft der Getöteten, die fürchterliche Vorahnungen habe. Erstmalig tritt das Gespann im Dienste einer Leiche an…
Zweifelsohne darf „Die Kralle“ zu den besten Holmes-Verfilmungen überhaupt gezählt werden, da sie alle bekannten Zutaten zu einem stimmungsvollen Ganzen vereint und Vergleiche zum „Hund von Baskerville“ nicht von ungefähr stammen.
Glockengeläut mitten in der Nacht, schweigende kauzige Gestalten in der Dorfkneipe, Moor, Nebel und das überaus effektive Spiel mit Licht und Schatten sind Elemente, die zusammen mit dem treffsicheren Score eine wunderbare Gruselatmosphäre verbreiten.
Holmes ist in diesem Fall stärker gefordert als gewöhnlich, denn sein Gegner, der mit allen Wassern (und Verkleidungen) gewaschen ist, scheint ihm stets einen Schritt voraus zu sein, was die Erstellung einer möglichen Todesliste im kleinen Dorf nicht gerade erleichtert.
Sein unbeholfener Kollege Watson ist ihm dabei selten eine Hilfe, er lockert das Geschehen jedoch immer wieder auf, indem er in der Dorfkneipe stark alkoholisiert seine Detektivgeschichten zum besten gibt und an anderer Stelle in ein Sumpfloch fällt, woraufhin Holmes selbst medizinische Maßnahmen ergreifen muss, damit sich der arme Watson nicht erkältet.
Entsprechend leichtgläubig ist Watson zunächst von der Existenz eines leuchtenden Geistes überzeugt, der bereits einige Schafe im Dorf aufgeschlitzt habe. Holmes hingegen – und das ist eine erzählerisch wunderbare Kurve – gibt bereits mit der Einführung seiner Figur in dieser Folge zu bedenken, dass hinter vielen übernatürlichen Erscheinungen rationale Erklärungen stünden, was sich am Ende seiner Untersuchungen erneut als richtig herausstellt.
Der Geist im Moor, - natürlich gibt es ihn nicht, doch was sich zu Beginn als leicht durchschaubares Konstrukt anbahnt, wird im Verlauf mit kleinen Twists durchzogen und man wird ein ums andere Mal überrascht, welche wahren Hintergründe einige scheinbar unauffällige Randfiguren offenbaren. Holmes muss infolgedessen einige Tricks anwenden, um zu enthüllen, was er zuvor ahnte und doch gelingt es ihm nicht, einige Morde zu verhindern. Der Killer hingegen wird am Schluss seine gerechte Strafe erhalten, eher auf moralisch vertretbarer Ebene als im juristischen Sinne, aber über diese kleine Schwäche mag man am Ende hinwegsehen.
Folgerichtig ist dieser Einsatz einer der stärksten des Dreamteams Basil Rathbone und Nigel Bruce, die sich hier wunderbar ergänzen und mit ihren konträren Eigenheiten eine sehr sympathische Mischung darstellen.
Atmosphärisch wie kaum ein anderer Holmes-Stoff kombiniert er interessante Figuren, unheimliche Schauplätze und düstere Geheimnisse zu einem höchst unterhaltsamen Mix, der für Freunde des klassischen Gothik-Gruslers ein gefundenes, aber genüsslich konsumierbares Fressen darstellt.
Knapp
9 von 10