Nebelschwaden ziehen über die karge Moorlandschaft. Irgendwo läutet aus einem verlassenen Dorf eine Glocke. Im Sumpf geht was um; einer alten Sage nach soll es ein Geist oder Ungeheuer sein. Und tatsächlich - dort bewegt sich was, springt von Stein zu Stein und verschwindet in den Schwaden, einen Streif von leuchtendem Phosphor hinter sich her ziehend.
Klingt alles sehr vertraut hier, und wenn dann noch Sherlock Holmes mit seinem Freund Dr. Watson ermittelt, wird mancher denken, klar, „Der Hund von Baskerville". Doch dieses Abenteuer hat das Duo Rathbone/Bruce bereits hinter sich. Vorhang auf zum achten Streich und dem Krimi „Die Kralle", einer äußerst gelungenen Abwandlung der Baskerville-Thematik. Und hier hat man nun doch zum Phosphor gegriffen, was der vierbeinigen Bestie damals auch gut gestanden hätte.
Die Rathbone-Fans sind sich zumeist einig, dass dieser Teil zu den besten der ganzen Reihe zählt, und tatsächlich steigt hier die bedrohliche und mystische Atmosphäre gegenüber dem Baskerville-Streifen noch einmal an. Dass liegt vielleicht auch darin begründet, dass die Anzahl der Verfilmungen über den Höllenhund zumindest ins Dutzend geht und die Auflösung allgemein bekannt ist. Als „Die Kralle" 1944 erschien, waren die Kritiker eher ungnädig mit ihrem Urteil, dazu später etwas mehr. Anmerken möchte ich noch, dass hier keine Buchvorlage Pate stand, auch wenn der vollständige Filmtitel „Die scharlachrote Kralle" heißt und an Holmes Debüt „Eine Studie in Scharlachrot" erinnert.
Es ist natürlich etwas ungewohnt, wenn unsere beiden Freunde diesmal in Kanada ermitteln, aber erstens haben wir in dieser Reihe schon merkwürdigere Schauplätze gesehen und zweitens könnte das Dorf „La Morte Rouge" mit seinem schaurigen Moorgegend auch in England liegen, vom Namen mal abgesehen (ganz nett übrigens: „Der rote Tod" - hieß so nicht mal eine Short-Story von E. A. Poe?)
Und so fühlt man sich als Holmes-Fan auch von Anfang an heimisch. Der Detektiv wird zu Hilfe gerufen, um den mysteriösen Tod der Lady Penrose aufzuklären. Sie starb beim Läuten des Glockenturms, am Hals eine grässliche blutende Wunde. Die Mär geht unter den Dorfbewohnern um, dass ein Ungeheuer aus dem Sumpf kommt und Menschen anfällt. Dass Holmes nach anderen Erklärungen sucht, dürfte nicht verwundern und so forscht er im einzigen Wirtshaus am Platze mit seinen eigenen Methoden nach dem Täter. Je tiefer der Detektiv in der Vergangenheit verschiedener Dorfbewohner wühlt, umso mehr Puzzleteile fügen sich im weiteren Verlauf der Geschichte geschickt in das Gesamtbild ein. Was verheimlicht der Gasthausbesitzer Journet? Warum will er das Dorf so schnell verlassen? Warum hat Richter Brisson solche Angst, dass er mit Gewehr im Anschlag nachts nicht schläft? Warum ist Lord Penrose bei den Morduntersuchungen so unkooperativ? Wer ist der leuchtende Geist im Sumpf, welches beinahe von Holmes gestellt wurde? Und manche werden sich jetzt auch fragen, warum Watson die Stimmung heben musste, indem er in ein Sumpfloch stolperte.
Es ist etwas ungewöhnlich, welchen Weg die Filmmacher in etwa zur Filmmitte einschlagen: Die Story entwickelt sich so rasant, dass es bereits früh zu einer halben Auflösung kommt, was aber dem weiteren Verlauf der Dinge interessanterweise nicht abträglich ist. Denn nachdem das Motiv gelüftet wurde, kann der Täter - ein ehemaliger Schauspielkollege der Lady Penrose - erst dingfest gemacht werden und dann wieder fliehen. Doch die Holmeschen Vermutungen, dass der Täter, ein gewiefter Schauspieler, unter anderen Verkleidungen wieder morden wird, suggeriert dem Zuschauer eine weitere Hatz auf einen „neuen" Täter. Und so sehen wir auch den nächsten Mord, ausgeführt von einer falschen Zofe.
Was den Kritikern damals sauer aufstieß, war der unerwartete Mord an Marie Journet, der stillen Tochter des Gastwirtes. Der Tod kommt sehr plötzlich und überraschend. Sicherlich hätte man auch ohne diesen Einschub den Faden weiterspinnen können, doch so wird zu den Hauptmorden noch eine Nebenspur gelegt, denn der Täter hatte hier andere Motive, wie Holmes nachweisen konnte. Viel schockierender war in meinen Augen vielmehr die Auflösung: Der Täter war die gesamte Zeit, auch in der ersten Filmszene im Gasthaus, anwesend und hat den Zuschauer die ganze Zeit begleitet. Keine Angst, ich verrate nicht mehr, denn hier kommen einige skurrile Figuren in Frage.
Neben dem sehr guten Drehbuch kann auch die hochwertige Inszenierung vollends überzeugen. Um noch mal den Baskerville-Film als Vergleich zu bemühen: Obwohl auch hier durchaus eine wohlige Schaueratmosphäre vorhanden war, sah einiges an den Kulissen etwas künstlich aus. In „The Scarlet Claw" wirkt alles eine Spur ausgereifter und plastischer, das Set ist besser ausgeleuchtet und der Phosphor-Geist war wirklich beeindruckend.
Zum Schluss wird der Täter natürlich ein zweites Mal gefasst. Hier verzichtet man leider auf innovative Ideen und greift auf die alte Holmes-Masche zurück: Lauthals wird seine Abreise verkündet, um den Täter in Sicherheit zu wiegen. Und das letzte Opfer wird auf einen gefährlichen Trip geschickt, doch die Hilfe bleibt zuverlässig in Rufweite. Ganz nett, doch vielleicht etwas zu vorhersehbar geraten, dieses Ende. Genau so vorhersehbar, dass Watson, wieder in einem Loch feststeckend, um Hilfe ruft. Hätte für meinen Geschmack einmal auch gereicht. Auch sonst ist die Rolle Watson eher statistischer Natur, wenn er nicht gerade im Moor Unfug trieb, begnügte er sich damit, im alkoholisierten Zustand die Dorfbewohner in der Spelunke auszufragen. Und ich hätte gern gewusst, warum er als Mediziner behauptet, dass die tödlichen Verletzungen niemals von einer Kralle stammen können. Der gute Doktor hat hier doch reichlich Minuspunkte gesammelt, was einem als Fan auch wehtun kann.
Auch der Schluss wirkt wieder einmal seltsam befremdlich. Holmes und Watson verlassen den Ort des Grauens und der Detektiv lobt auf der Heimreise Kanada als Bindeglied zwischen den Vereinigten Staaten und England und verweist dabei auch noch auf Churchill. Krimifreunde, seid nachsichtig, es war in früheren Werken schon wesentlich schlimmer mit der patriotischen Keule...
Fazit: „The Scarlet Claw" gehört zweifelsohne zu den seltsamsten Fällen des Sherlock Holmes. Und auch ohne direkte Vorlage ist der Film völlig doyles-like gelungen und weiß durch eine ungewöhnliche Tätersuche, einem Sammelsurium von gut gezeichneten Typen und klassischen Gruselelementen zu überzeugen. Und im Gegensatz zu Watson sehen wir wenigstens einen Holmes in Höchstform. Ist doch immer noch besser als umgekehrt, oder?