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"The Scarlet Claw", in Deutschland als "Die Kralle" oder auch die "Die scharlachrote Kralle" (ein wunderbarer Titel der DDR-Fassung, der ja in s/w gedreht), ist nicht nur der achte Film der Serie um Holmes und Watson, er gilt auch allgemein als Höhepunkt der Reihe und vielerorten als Lieblingsfilm so manchen Fans.
Das liegt sicherlich an seinen starken Mystery- und Gruselelementen, die ihn zu einem raffinierten Thriller machen, der mit 69 Minuten Laufzeit auch relativ lang war, da sein Plot eine breite Auslegung zuließ. Einige sehr einprägsame Bilder, vor allem das neblige, halb verwunschene Dorf im Moor und das leuchtende Gespenst zwischen den Studiobäumen haben sehr viele Zuschauer enorm geprägt, jedoch sollte man auch die übrigen Qualitäten nicht unterschlagen.

Holmes und Watson sind in diesem Fall in Kanada unterwegs, einem halb verfallenen Dorf namens "La Morte Rouge", also signifikanterweise "der rote Tod". Bei dem Besuch einer Konferenz zu okkulten Phänomenen erfahren sie vom Tod der Ehefrau des dortigen Lords Penrose, einem glühenden Verfechter übernatürlicher Phänomene. Mit zerschnittener Kehle wurde sie in der Kirche gefunden, als sie per Glocke um Hilfe rief, ein makabres Bild, daß erfreulicherweise noch keine Rückschlüsse auf den weiteren Fortgang zuläßt.

Die Stärke dieses Films ist seine Zugehörigkeit zum Untergenre des Whodunits, also der Suche nach dem Täter und selbst als man dem möglichen Täter endlich auf die Spur gekommen ist, tritt dieser in vielerlei Masken vor Ort auf und bringt seine Opfer in Verkleidung um, so daß bis kurz vor Schluß die Identität auch für die Zuschauer ein Rätsel bleibt.
Im Dorf findet sich bald eine ganze Reihe von Verdächtigen, der Wirt Journet, Penroses Butler, ein im Rollstuhl sitzender Butler, seine Angestellter, ein kurioser Postangestellter und haufenweise schräge Gestalten in der Dorfkneipe. Watson muß mehrfach als Ablenkung herhalten (einige komische Szenen, die mal nicht voll auf seine Kosten gehen, sehen ihn beim versuchten Informationsgewinn zwischen den Holzfällern und urigen Typen), während Holmes in der Moorkulisse die atmosphärischen Punkte setzen. Die Sequenz im Moor, als Holmes von dem leuchtenden Phantom angegriffen werden, sind für die Zeit, die Verhältnisse und das bescheidene Budget der Filme, immer noch ein kleines Meisterwerk, auch wenn kurz darauf klar ist, daß der Spuk höchst menschliche Hintergründe hat.

Der Grund für die Morde liegt wie so oft in der Vergangenheit und stellt sich als Rachefeldzug heraus, hat aber noch so manche einprägsame Sequenz, wie die in einer verlassenen Herberge, in der Holmes den Täter erstmals als hinkenden Seemann stellt und sicherlich auch den überraschenden Mord an einer anderen Figur, den Holmes nicht verhindern kann, obwohl er praktisch schon vor dem Haus steht (Details spare ich mir lieber, allerdings ist die Ausführung für die Zeit wirklich überraschend.)
Holmes agiert auch hier wieder sehr robust, läßt dies aber nicht ganz so schlimm an Watson aus und angesichts der veritablen Härte und Vielzahl der Verbrechen (der letzte Mord ist wirklich ein Schreck für die Zuschauer, da es eine unschuldige Person trifft, die man nicht erwartet hätte) ist das sogar verständlich.

"The Scarlet Claw" ist einer der am besten konstruierten (wenn auch aus heutiger Sicht etwas durchsichtiger als damals) und düstersten Filme der Serie, mit guten Nebendarstellern und vielen falschen Fährten, samt eines vielseitigen Schurken, den man erst ganz zum Schluß richtig zu Gesicht bekommt, obwohl er schon zuvor oft zu sehen war. Ein kleines, grimmiges Juwel. (8/10)

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