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Nein, das war ganz sicher nicht das, was Terry Gilliam sich vorstellte, als er mit den Dreharbeiten zu diesem Film begann… Der Ex-Monty-Python tischt uns mit den „Brothers Grimm“ ein rundum enttäuschendes Fantasy-Abenteuer auf, das so ganz und gar nicht an Gilliams Glanzstücke wie „Brazil“ oder „Twelve Monkeys“ heranreichen kann.

Deutschland im Jahre Achtzehnhundertirgendwas: Die beiden Brüder Will (Matt Damon) und Jake Grimm (Heath Ledger) verdienen sich ihren Lebensunterhalt damit, dass sie der abergläubigen Landbevölkerung das Geld aus der Tasche ziehen: Sie betrügen sie, indem sie inszenierte Geisteraustreibungen betreiben. Doch irgendwann fliegt der Schwindel auf und der französische General Delatombe (Jonathan Pryce) zwingt die beiden dazu, in einem kleinen Ort ihr Können unter Beweis zu stellen: Hier haben sie es mit einer echten mystischen Bedrohung zu tun…

So, jetzt grenzen wir mal einfach den biographischen Anspruch, den manch einer beim Titel „Brothers Grimm“ haben mag, aus. Denn biographisch ist hier rein gar nichts. Jake und Will haben mit den deutschen Märchensammlern und –schreibern Jakob und Willhelm Grimm nur eines gemeinsam: die (zugegebenermaßen amerikanisisert verhunzten) Namen. Unsere beiden fiktiven Hauptfiguren begeben sich nun also in ein Abenteuer, das eine Melange aus den verschiedensten Grimmschen Märchen bedeutet: Rapunzel, Rotkäppchen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel und noch viele, viele mehr. Auch dabei hielt sich Drehbuchautor Ehren Kruger nur bedingt an die Vorlagen, ändert hier ab, schreibt da um, gerade so wie er es für die Entwicklung des Drehbuches braucht. Heraus kommt dabei eine Art „Van Helsing II“, nur diesmal begegnen uns keine Monster, sondern die Märchenfiguren unserer Kindheit. Okay, das wäre ja alles noch zu verkraften. Schließlich steht es beim Drehbuchschreiben schon fast an der Tagesordnung, altbekannte Motive für eigene Zwecke zu entfremden. Gut geklaut ist immer noch besser als schlecht selbst nachgedacht. Und die Idee, die hinter „Brothers Grimm“ steckt, ist ja prinzipiell auch noch ganz nett… Aber es ist eben auch nur die Idee, die hierbei „nett“ ist. Der Rest – die Umsetzung – ist wirklich erschreckend schlecht geraten.

Spannung baut sich – wenn überhaupt – nur zu Beginn so richtig auf. Nach spätestens 30 Minuten – jenen 30 Minuten, in denen wir unsere „Helden“ vorgestellt bekommen – verläuft der Spannungsbogen entlang einer Null-Linie. Patient „Brothers Grimm“ tot? Uneingeschränkt: Ja! Nachdem uns der „Kniff“ in der Handlung nahe gebracht wurde (Betrüger müssen gegen tatsächlich existierende Bedrohung kämpfen), erwartet uns nicht mehr sonderlich viel Entwicklung im Plot. Da werden Fallen aufgestellt, Kinder verschwinden, wieder werden Fallen aufgestellt und irgendwann wird alles wieder gut… Und wenn sie nicht gestorben sind, dann… Das kann doch nicht alles gewesen sein? Doch! Der überwiegende Teil dieses Fantasy-Abenteuers legt die Versuchung nahe, eine serbo-kroatische Sprachfassung der Grimmschen Märchen zu lesen, in der Hoffnung, diese Lektüre sei spannender als das filmische Gesamtwerk, das sich einem hier bietet (und ohne je eine serbo-kroatische Sprachfassung der Grimm-Märchen in Händen gehalten zu haben behaupte ich: es ist auf jeden Fall spannender als dieser Film! Punkt.).

Die beiden Hauptdarsteller hampeln in dieser spannungsfreien Handlung über die Leinwand, als ob sie gerade erst aus der Nervenheilanstalt entlassen worden wären. Welcher tiefgründige Sinn hinter diesem offensichtlichen – vor allen Dingen durch Heath Ledger „gelebten“ – Over-Acting steckt, blieb mir bisher ebenso verborgen wie die Antwort auf die Frage, weshalb der begnadete Terry Gilliam nicht selbst Hand an das unausgegorene Drehbuch legte und der Story etwas mehr gilliamschen Pfiff verlieh. Nun gut, zu dieser Frage läge eigentlich eine Antwort auf der Hand: Die angeschlagenen Gebrüder Weinstein brauchten einen Kassenschlager… also Mainstream-Kino der allerfeinsten Popcorn-Güte… Gilliam dreht jedoch gerne mal am Mainstream-Publikum vorbei. Also: legen wir Gilliam bei den Dreharbeiten in künstlerische Fesseln. Genauso erscheint „The Brothers Grimm“. Und genau das wirft eine weitere Frage auf: Wieso tut sich jemand wie Terry Gilliam so etwas überhaupt an? Das Finanzielle kann den Schaden an seinem Ruf nach diesem Streifen bei weitem nicht aufwiegen.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Optisch überzeugt dieser Gilliam-Film ebenso wie alle seine anderen Filme. Zumindest das hat er nicht verlernt. Aber was er hier vermissen lässt ist die moralische Botschaft eines „12 Monkeys“ oder „Brazil“, es fehlt auch der Irrwitz eines „Fear and Loathing in Las Vegas“. Zumindest letzteres hätte er ohne weiteres in die Geschichte über die Grimms einflechten können.

Terry Gilliam sollte in Zukunft bei der Wahl seiner Projekte mit etwas mehr Bedacht an die Sache herangehen. Einen weiteren Fehlgriff wie „Brothers Grimm“ werden ihm die Fans und Zuschauer nur schwerlich verzeihen können. Tim Burton schaffte nach dem eher durchwachsenen „Planet der Affen“-Remake die Kehrtwende. Wollen wir hoffen, dass es auch Terry Gilliam gelingt, aus dem Tal herauszukriechen. Mit „Brothers Grimm“ hat er jedenfalls eindeutig die Talsohle erreicht, eine riesengroße Fantasy-Enttäuschung abgeliefert und so schon kurz an die Tür zum Ruf-Suizid geklopft…

Und wenn ich nicht gestorben bin, dann ärgere ich mich weiter… 3 von 10 Zauberbohnen!

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