Review

Die Konfrontation zweier - aus heutiger Sicht - gigantischer Schauspieler-Größen in einem von Tony Scott gewohnt überdurchschnittlich gefilmten US-Navy-Thriller war lange ein Nachholer in der Filmographie des leider viel zu früh verstorbenen Bruders von Ridley Scott für mich.

Nun, mit genügend Distanz, kann ich die guten und auch die weniger guten Seiten des Films aus der Simpson/Bruckheimer-Schmiede der guten alten 90er Jahre Revue passieren lassen.

Sehr gut sind hier vor allem anderen natürlich Optik, Inszenierung, Schnitt und die Spannungsdramaturgie - in dieser Hinsicht konnte niemand Tony Scott etwas vormachen.
Ein massiver Pluspunkt sind ohnehin die Darsteller. Gene Hackman kann man niemals so richtig unsympathisch finden auch wenn sein Charakter seine negativen Eigenarten hat und man diese bereits nach seiner ersten Durchsage an Bord der USS Alabama unschön finden mag. Er bleibt stets nachvollziehbar und gibt nicht den grössenwahnsinnigen Machthaber sondern einfach einen militärischen Handwerker der alten Schule, der Erfahrung stets mit gutem Handeln gleichsetzt und nicht akzeptiert, dass jemand mit einem anderen Hintergrund mit ihm gleichauf sein kann.
Denzel Washington ist der Sympathieträger und auch in seiner rationalen Vernunft-Logik immer ein nachvollziehbarer "Gegner" des Kommandanten. Im Grunde war Washington zu dieser Zeit häufig in derartigen Rollen zu sehen - der Grund war sicher, dass er diese einfach hervorragend drauf hat.
Viggo Mortensen, James Gandolfini (hier bereits mit seinerseits psychopathischen Anwandlungen im Mienenspiel) und Matt Craven bleiben zusammen mit dem in sich ruhenden George Dzundza eine verlässliche Nebendarsteller-Reihe, die den ohnehin vorbildlichen Cast veredelt.
Gegen Ende bekommt man noch einen schön platzierten Auftritt von Jason Robards als Admiralität und Vorsitzender der eingesetzten Untersuchungskommission des gerade gesehenen Vorfalls, der natürlich ebenfalls dazu beiträgt, dass man hier ein Top-Ensemble zusammengestellt hat.

Effekte und Musik (ein zwar prägnantes Thema aber ansonsten eine eher schwächere frühe Arbeit von Hans Zimmer) sind unterstützend als Akzentsetzer tätig und runden das Bild eines gut geplanten und ausgeführten Thrillers/Dramas ab.

Warum dann nur 6 von 10?
Vielleicht ist es meine heutige Sicht auf das Blockbuster-Kino der 90er, vielleicht aber auch die als Füllmaterial erkennbaren Dialoge aber insgesamt stimmt bei "Crimson Tide" das Handwerk zu 100 % aber die teilweise klischeehaften Sätze, die in diesem Film fallen, sind in meinen Augen ein echter Hemmschuh für eine überschäumende Kritik.
Sind diese bei Titeln wie "Con Air" oder "Nur 60 Sekunden" erwartbare Schwächen, da hier die Action deutlich im Vordergrund steht, entpuppt sich mancher Dialog in einem auf engstem Raum spielenden Navy-Thriller einfach als ärgerliches Füllgespräch und unterwandert dabei auch ab und an schon einmal die gut charakterisierten Figuren.
Hier will Heldentum im Vordergrund stehen und ein bisschen Kritik am US-Militär geübt werden aber leider hätte man darauf verzichten sollen, um ein runderes Gesamtbild zu schaffen.

Für mich ist der Film eine sehr spannende 2-Men-Show mit navalem Hintergrund und natürlich etwas Kaltem Krieg gewürzt und als das absolut gelungen.
Auch 2021 noch immer einen Blick wert und in der Filmographie von Tony Scott ein echter Glanzpunkt. 

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